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die S-Bahn:

Bruce Sterling

Schismatrix

Schismatrix • 1985 • Leseprobe

Seite 1 »
VOLKSZAIBATSU DES MONDORBITALS
MARE TRANQUILITATIS: 27.12.’15

Sie verfrachteten Lindsay mit dem billigsten mechanistischen Schleppsack ins Exil. Zwei Tage lang war er blind und taub, von Drogen betäubt, sein Körper in eine dichte Masse von Bremsschaum eingehüllt.

Nach dem Start vom Frachtausleger der Republik war der Schleppsack mit kybernetischer Präzision in die polare Umlaufbahn eines anderen Mondorbitals getrieben. Es gab zehn dieser Welten, benannt nach den lunaren Maria und Kratern, aus denen die Rohstoffe zu ihrem Bau stammten. Sie hatten als erste Nationalstaaten sämtliche Beziehungen zu der erschöpften, ausgelaugten Erde abgebrochen. Ein Jahrhundert lang war ihre lunare Allianz ein Dreh- und Angelpunkt der Zivilisation mit umfangreichen Handelsbeziehungen zwischen den Bündniswelten gewesen.

Seit jenen glorreichen Tagen war der Weltenbund jedoch immer mehr von den Vorstößen in größere Tiefen des Weltraums überschattet worden und die Umgebung des Mondes zur Provinz verkommen. Die Allianz war zusammengebrochen, verdrießlicher Isolationismus und technischer Niedergang hatten sich ausgebreitet. Die Orbitale des Mondes waren in Ungnade gefallen, und keine tiefer als die Welt von Lindsays Exil.

Seine Ankunft wurde von Kameras überwacht. Nachdem ihn die Andockschleuse seines Schleppsacks ausgespuckt hatte, schwebte er nackt und schwerelos in der Zollstation des Volkszaibatsu des Mondorbitals Mare Tranquilitatis. Die Kammer bestand aus stumpfem Mondstahl mit Streifen zerfressenen Epoxyds, wo die Vertäfelung weggerissen worden war. Früher war der Raum eine Hochzeitssuite gewesen, in der Neuvermählte sich in der Schwerelosigkeit austoben konnten. Inzwischen war er zur einem kahlen bürokratischen Kontrollpunkt umfunktioniert worden.

Lindsay stand nach seiner Reise noch unter der Einwirkung der Drogen. An seiner rechten Armbeuge hing ein Tropfschlauch, durch den er wiederbelebt werden sollte. Schwarze Haftscheiben – Biokontroller – sprenkelten seine nackte Haut. Er teilte den Raum mit einer Kameradrohne. Das schwerelose Videosystem verfügte über zwei Paar kolbenbetriebener kybernetischer Arme.

Lindsays graue Augen öffneten sich verschwommen. Auf seinem hübschen Gesicht mit der reinen blassen Haut und den elegant geschwungenen Brauen lag der schlaffe Ausdruck der Betäubung. Die dunklen, gewellten Haare fielen ihm über die hohen Wangenknochen, auf denen noch Spuren von drei Tage altem Rouge zu erkennen waren.

Seine Arme zuckten, als die Aufputschmittel zu wirken begannen. Dann hatte er plötzlich wieder einen klaren Kopf. Seine Ausbildung brandete gleich einer physischen Welle über ihn hinweg, überflutete ihn so plötzlich, dass seine Zähne krampfhaft aufeinander schlugen. Seine Augen streiften durch den Raum, leuchteten vor unnatürlicher Wachsamkeit. Seine Gesichtsmuskulatur bewegte sich, wie sich kein menschliches Gesicht bewegen dürfte, und auf einmal lächelte er. Er überprüfte sich, dann lächelte er ungezwungen und mit leichter, nachsichtiger Weltgewandtheit in die Kamera.

Sogar die Luft schien sich an seiner freundlichen Ausstrahlung zu wärmen.

Der Schlauch in seinem Arm löste sich und schlängelte in die Wand zurück. Die Kamera sprach.

»Sie sind Abélard Malcolm Tyler Lindsay? Aus der Korporativen Republik Mare Serenitatis? Sie suchen politisches Asyl? Sie führen in Ihrem Gepäck keinerlei biologisch aktive Stoffe mit und haben solche nicht in Ihrem Körper implantiert? Sie tragen keinerlei Sprengstoffe oder Software-Angriffssysteme bei sich? Ihre Darmflora wurde abgetötet und durch Zaibatsu-Standardmikroben ersetzt?«

»Ja, das ist richtig«, antwortete Lindsay, wie die Kamera auf Japanisch. »Ich habe keinerlei Gepäck.« Er beherrschte die geläufige Form dieser Sprache fließend – einen modernisierten Handelsdialekt, der sämtlicher Höflichkeitsebenen beraubt war. Fremdsprachen waren Teil seiner Ausbildung gewesen.

»Sie werden sehr bald in ein Gebiet entlassen, das ideologisch entkriminalisiert wurde«, sagte die Kamera. »Ehe Sie den Zollbereich verlassen, müssen Sie sich darüber im Klaren sein, dass es bestimmte Beschränkungen Ihrer Aktivitäten gibt. Ist Ihnen der Begriff der Bürgerlichen Rechte vertraut?«

Lindsay war vorsichtig. »In welchem Zusammenhang?«

»Das Zaibatsu erkennt ein Bürgerrecht an – das Recht auf den Tod. Sie können dieses Recht jederzeit und unter allen Umständen beanspruchen. Sie müssen nur danach verlangen. Unsere Audioüberwachungsgeräte befinden sich überall im Zaibatsu. Wenn Sie Ihr Bürgerrecht in Anspruch nehmen, werden Sie umgehend und schmerzfrei ausgelöscht. Ist Ihnen das klar?«

»Es ist mir klar«, sagte Lindsay.

»Die Auslöschung wird auch bei bestimmten anderen Verhaltensweisen verfügt«, fuhr die Kamera fort. »Wenn Sie das Habitat in seiner Existenz bedrohen, werden Sie getötet. Wenn Sie unsere Überwachungssysteme stören, werden Sie getötet. Wenn Sie die sterilisierte Zone betreten, werden Sie getötet. Auch wegen Verbrechen gegen die Menschheit werden Sie getötet.«

»Verbrechen gegen die Menschheit?«, sagte Lindsay. »Was verstehen Sie darunter?«

»Dabei handelt es sich um biologische und prothetische Bestrebungen, die wir für abartig erklären. Genauere Informationen bezüglich unserer Toleranzgrenzen unterliegen der Geheimhaltung.«

»Ich verstehe«, sagte Lindsay. Er war sich darüber im Klaren, dass das eine carte blanche war, ihn jederzeit und mit nahezu jeder Begründung zu töten. Er hatte damit gerechnet. Diese Welt war eine Zufluchtsstätte für Sonnenhunde – für Fahnenflüchtige, Verräter, Gesetzesbrecher und Geächtete. Lindsay bezweifelte, dass eine Welt voller Sonnenhunde anders regiert werden konnte. In einem Mondorbital gab es einfach zu viele seltsame Technologien. Hunderte, allem Anschein nach harmlose Tätigkeiten – sogar das Züchten von Nachtfaltern – konnten potentiell tödlich sein.

Wir sind allesamt Verbrecher, dachte er.

»Möchten Sie Ihr Bürgerrecht in Anspruch nehmen?«

»Nein, danke«, sagte Lindsay höflich. »Aber es ist sehr beruhigend, dass die Regierung des Zaibatsu mir diese Vergünstigung zugesteht. Ich werde Ihre Liebenswürdigkeit nicht vergessen.«

»Sie müssen nur rufen«, sagte die Kamera zufrieden.

Das Gespräch war beendet. Schwerelos taumelnd streifte Lindsay die Biokontroller ab. Die Kamera händigte ihm eine Kreditkarte und einen standardisierten Zaibatsu-Overall aus.

Er kletterte in den sackartigen Anzug. Er war allein in die Verbannung gegangen. Auch Constantine war angeklagt worden, aber er war – wie immer – zu schlau für sie gewesen.

Fünfzehn Jahre lang war Constantine sein engster Freund gewesen. Lindsays Familie hatte die Freundschaft mit einem Plebejer missbilligt, aber er hatte sich ihnen widersetzt.

© Argument Verlag 2000
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