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Sean Stewart

Passionsspiel

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Sean Stewart, Passionsspiel
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Zwölftes Kapitel

R

rolly kam am nächsten Morgen kurz nach sieben. Ich hatte ihm in der Zentrale eine Nachricht hinterlassen. Ich wollte, dass er meine Verhaftung als Erfolg verbuchen konnte. Außerdem sollte er Königin Liz zu Jim bringen.
   Als er endlich eintraf, war die Angst schwächer geworden. Gefühllose graue Erschöpfung hatte sich an ihrer statt breitgemacht, mein Blut abgekühlt und mein Herz in ein Leichentuch gehüllt. Sie würden mich des Mordes anklagen. Die Augenblicke, die ich mit Rolly verbrachte - ich versuchte, es ihm möglichst schonend beizubringen -, waren auf eine entsetzliche Art und Weise komisch. Seine Krawatte war einheitlich grau und zu fest gebunden; sie schnitt in die Falten seines Halses.
   Keine meiner Beweise gegen Delaney waren stichhaltig genug, um der Justiz zu genügen: ein Messer mit Fingerabdrücken, ein Augenzeugenbericht, ein Haarbüschel in der Faust des Mordopfers. Rolly hatte es mir oft genug erklärt - Intuition allein reichte in den Augen des Gesetzes nicht aus.
   Ich tat, was mir aufgetragen war, was ich tun musste. Mir genügten meine Gründe, für sie würde ich sterben. Ein Mörder (wie ich) darf nicht davonkommen. Das kann die Gesellschaft nicht zulassen. Eingedenk dessen musste ich das Richtige tun, wie auch immer die Konsequenzen aussehen mochten. Das Gesetz ist nur eine Krücke für das Gewissen. Das war die Lektion, die mich Rutger White hatte lehren wollen.
   Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin mir sicherer denn je, dass er den Strick verdient hatte.
   Nein - ich lüge. Ich bin mir nicht sicher. Bestimmte Zweifel bleiben übrig. Ich misstraue jeder Logik, die der Diakon gutheißt.
   Nachdem sich der Schock erst einmal gelegt hatte, hatte ich mich ehrlich gesagt damit abgefunden, dass ich sterben würde. Die Welt verblasste. Nach jenem einen Augenblick der Erhabenheit, jener lichtdurchfluteten Passion, legte sich der graue Schleier wieder über mich, immer schneller. Delaney hatte mir Gestalt verliehen, mich in Szene gesetzt, mich zu seinem Werkzeug gemacht: Als ich ihn tötete, habe ich Gott getötet.
   »Nirgendwo sind logische Schlussfolgerungen so notwendig wie in der Religion.« Nun, ich hatte meine Schlussfolgerungen gezogen. Was würde Mask sagen? Ich war jemand, dem es auf der Jagd an Klugheit fehlen mochte, aber ich hatte Erfolg ...
   Ohne Gott gibt es keinen Glauben. Ohne Glauben gibt es nichts.
   Für mich gab es keine Muster mehr, keine Geheimnisse. Ich werde den Irrgarten nie wieder betreten. Wie der blinde und gefesselte Samson habe ich die Säulen umgerissen, und sie sind auf mich gestürzt.
   Ich bin nicht mehr so furchtsam. Beim zweiten Mal kann der Tod nicht mehr so schlimm sein.
   Sie bringen mich in das alte Gefängnis im Westen der Stadt. Ich kann mich nicht beschweren: Es ist nicht luxuriös, aber schließlich möchte ich nicht, dass meine Steuergelder für Verbrecher ausgegeben werden. Die Böden sind alt, und einmal die Woche werden sie gewachst. Die Aufteilung der Gebäude ist unerbittlich symmetrisch: jedes Zimmer ist genau 3 x 3 x 3 Meter groß, die Zimmer bilden einen großen Quadranten, vier Quadranten bilden einen exakten Würfel. Der einförmige Geruch des Betons macht mich ganz krank und raubt mir den Mut. Ich vermisse Königin Liz.

Bald ist es soweit; meine Verhandlung fand im grellen Licht von eintausend Bühnenscheinwerfern statt. Auf meine Aussage hin werde ich vor laufender Kamera gehängt werden. Ohne Berufung. Ich bin froh, dass ich das zu Ende gebracht habe, aber allmählich wird mir mulmig. Heute ist Sonntag, morgen ist der festgelegte Tag. Jim wollte mich besuchen kommen, aber ich habe abgelehnt. Jetzt weiß ich, was mein Vater vor Jahren gesehen hat, als ich im Hinterhof über dem Brandstifter stand. Es gibt zwei Wege: Jims Weg und den, den ich gewählt habe.
   Also habe ich Jim gesagt, er soll nicht kommen. Es ist besser, wenn ich bald vergessen bin.
   Und ... und ich kann Gefühle nicht mehr ertragen. Mit Jim bin ich auf einen Teil meiner selbst gestoßen, den ich fast vergessen hatte - einen Teil, der nicht aus Angst bestand, sondern aus Zärtlichkeit, aus Liebe und Lebenslust. Es ist nicht seine Schuld, dass es nicht genügte, dass es zu spät geschah. Jetzt fühle ich mich in dem grauen Schleier geborgen: Niemand kann es ertragen, sein Leichentuch zweimal zu weben.
   Beobachten mich die Geister jener Menschen, die ich getötet habe, vom Himmel aus - von der Gnade von Mary Wards Gott erlöst? Oder werden sie, wie die letzten Opfer von Troja, unter großem Geschrei ein letztes Mal aus der Hölle kommen, vom Geruch meines Blutes angelockt?
   Diese Zelle ist so gottverdammt leer; selbst Rutger White würde sich hier nach einer Topfpflanze oder einem Stück vom Kreuz Jesu sehnen. Ich befinde mich in einem winzigen Würfel, dessen Symmetrie nur von einer Toilette durchbrochen wird. Und das letzte Zimmer, das ich sehen werde - das Hinrichtungszimmer -, wird erst dann eine Unregelmäßigkeit aufweisen, wenn die Falltür aufschwingt. Sie werden mir, glaube ich, einen bleibeschwerten Gürtel umlegen, um auf Nummer Sicher zu gehen. Ich werde in ein kleines schwarzes Quadrat hineinfallen, im Schein einer nackten Glühbirne.
   Wie anders dagegen das Licht außerhalb des Gefängnisses! Wenn ich die Augen schließe, fällt es mir leicht, mir andere Orte, andere Wege vorzustellen. Eine Frau, ihr Blick weich und verständnisvoll, im Schoß ihrer liebenden Gemeinde, sitzt in ihrem Arbeitszimmer in einer kleinen Kapelle in der Innenstadt. Mit einem Seufzen entzündet sie eine Kerze, in Erinnerung an all die Freunde, die sie verloren hat, und in der Hoffnung auf neue Freunde. Meine Hoffnung ist bei ihr. Die warme Flamme schimmert unaufdringlich, ein kleiner Lichtpunkt im Tageslicht, das durch die großen Fenster hereinfällt.
   Mary Ward, bete für mich.
   Ich muss in meiner Zelle bleiben. Wie durch eine abgedunkelte Scheibe (noch ein Tag) sehe ich auch Fausts dunkles Arbeitszimmer vor mir. Dort brennt eine einzelne zuckende rote Kerze, fast ganz herabgebrannt, der Kerzenhalter in blutrotes Licht getaucht. Die Gestalt am Tisch sitzt reglos da, den Kopf gesenkt. Obwohl seine Zeit noch nicht abgelaufen ist, kann Faust das Grauen nicht abschütteln. Die Zeit holt ihn allmählich ein, doch weder kann er sich wehren, noch kann er fliehen. Nur warten kann er.
   Die Kerze lodert ein letztes Mal auf. Faust beginnt ein Gebet, doch bevor er es zu Ende sprechen kann, bricht die Nacht herein. Der Docht glimmt für einen Augenblick in der Finsternis und erlischt.
   Oh Gott, mein Gott - das Warten ist das schlimmste.

— E N D E —

Passionsspiel
<-- Sechter Tag • 12.1 Ende


Grafik: Thomas Thiemeyer

Deutsche Erstveröffentlichung • Gewinner des Aurora Award
Originaltitel: Passion Play
© 1992 by Sean Stewart. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors. [Thanks, Sean!]
Übersetzung © 2003 Hannes Riffel [Vorlage: Ace Books, December 1993]
Lektorat: Harald Niesche • Redaktion: Sara Schade

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Siehe auch
Sean Stewart, Schwester des Sturms (Clouds End • 1996) [Romanauszug]
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