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Sean Stewart

Passionsspiel

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Sean Stewart, Passionsspiel
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Viertes Kapitel

I

ch schlief schlecht.
   Nächtliche Erinnerungen blitzten auf, traumgesättigt und verworren: an Augenblicke meiner Kindheit, träge Bienen auf einer Lichtung, die trotz des Sonnenscheins im Schatten bleibt. Gleichmäßig geformte Blätter, dunkelgrün und glänzend.
   Ich kann mich kaum noch an eine Zeit erinnern, in der ich nicht gewusst hätte, dass ich anders war. Eine Gruppe von Kindern, die in unserer Gasse mit einem Dreirad einen verletzten Spatz überfuhren, hat mich gelehrt, was Grausamkeit ist. Von kindlicher Faszination erfüllt sah ich zu und fand heraus, dass die meisten Menschen in der Lage sind, den Schmerz anderer Lebewesen nicht zu spüren. Mir selbst ist dieses Kunststück nie gelungen, auch wenn es mir die tiefe Trauer erspart hätte, die mein Vater empfand, als meine Mutter starb. Natürlich hat er sich größte Mühe gegeben – er war Altphilologe, der Stoizismus war ihm nicht fremd. Ein Tropfen auf dem heißen Stein.
   Mein Vater begriff als Erster. Das war Jahre bevor Joseph Tappers Untersuchungen an den Tag brachten, dass es auf der ganzen Welt Zehntausende von Gestaltern gab. Damals habe ich mich einsam gefühlt, schrecklich einsam. Wie verzweifelt ich mit jemandem reden, jemandem mein ungeheuerliches Geheimnis anvertrauen wollte! Aber wem?
   »Die Geschichte lehrt, mit welcher Grausamkeit die Menschen allen begegnen, die anders sind«, warnte mich mein Vater. »Behalte es für dich! Des einen Menschen Segen ist des anderen Fluch.« Er hat es als Erster erfahren, und er war der Einzige, der sich von diesem Wissen nicht beeinflussen ließ. Der Einzige. »Die Hoffnung auf ein neues Zeitalter ... Wenn wir nur alle die Schmerzen empfinden würden, die wir verursachen!«, sagte er oft, gefolgt von langem Schweigen.
   Fühlen, was andere fühlen – ebenso stark und intensiv, und mit der gleichen Anteilnahme wie sie. Niemand kann sich vorstellen, wie sehr ich mich danach gesehnt habe, dieses Geheimnis mit jemandem zu teilen.
   Mein ganzes Leben wurde davon bestimmt. Andere Kinder spielten auf Baustellen, gingen einkaufen, schauten fern oder stritten sich mit ihren Geschwistern. Mein Leben stolperte von einem Gefühl in das nächste: Wellen blitzender scharlachroter Wut, Wolken der Trauer in der Farbe toter Blätter. Wie eine ängstliche Katze mit weit geöffneten Augen durch den Dschungel schleicht, so kroch ich durch das Wirrwarr erwachsener Gefühle.
   Das Bedürfnis, mich mitzuteilen, lag mir wie eine Last auf der Brust und wurde immer stärker. Jedes Mal, wenn ich jemanden an mich heranließ, wurde alles von der Frage zunichte gemacht: Wie kann ich das diesem Menschen nur erklären? Irgendjemandem? Irgendwann?
   Himmel, die Angst! Denn so einfach ist das nicht. So etwas kann man nicht einfach erzählen. Alle hielten sie mich für eine Lügnerin, eine Aufschneiderin, die sich wichtig machen wollte. Oder sie glaubten mir, und ich musste miterleben, wie sie auf Distanz gingen, sich zurückzogen, lächelten und dachten: Komm mir nicht zu nahe. Am schlimmsten waren diejenigen, die mir freundlich gesinnt waren, die sich an mich klammerten, selbst gerne über dieses »verborgene Talent« verfügt hätten; die auch gerne etwas Besonderes gewesen wären, etwas Anderes, etwas Großartiges; die mich baten (allein bei der Erinnerung bekomme ich eine Gänsehaut), für sie herumzuspionieren! Ein Geschenk Gottes, sagten sie, das ich nutzen musste, um herauszufinden, ob seine Gebote eingehalten wurden. Als Spitzel wollten sie mich missbrauchen, diese Schweinehunde: ein Ölfilm aus Selbstgerechtigkeit über einem schwarzen Tümpel des Voyerismus.
   Ekel erregend. Dabei wollte ich nur, dass mir jemand sagte, ich wäre in Ordnung, annehmbar, normal. Keine Missgeburt, kein Ungeheuer oder Genie. Wer kann eine solche Last auf Dauer tragen? Nur ein Wahnsinniger kann die Einsamkeit ertragen, im Abseits zu stehen. Nur Christus konnte der Versuchung in der Wüste widerstehen.
   Himmel, in meinem Leben hat es zu viel Leid gegeben, zu viel Zorn und Hass. Vielleicht sogar zu viel Freude. Sich am Glück eines anderen Menschen zu schneiden, kann ein schönes Gefühl sein – aber eine Wunde bleibt trotzdem zurück. Manchmal möchte ich einfach nur meine Ruhe. Ich möchte das Gefühl haben, dass nicht alles nur auf meinen Schultern lastet. Niemand macht aus einem Athleten, einem Künstler oder einem fähigen Geschäftsmann ein Ungeheuer. Warum sollte es mein Los sein, im Schatten zu leben, im ewigen Halbdunkel? Vielleicht ist es nur eine Begabung, wie jede andere Begabung auch, nichts Besonderes. Nur tiefgreifender. Schwerer zu ertragen, eine zweischneidige Begabung, wie das Gehör eines Blinden. Vielleicht bin ich ein Krüppel, aber ich bin auch nur ein Mensch. Ein ganz normaler ... Mensch.
   Als Gestalter blickt man unter die Oberfläche der Dinge. Mein Vater und seine Arbeit als Historiker haben mich gelehrt, nach den Mustern Ausschau zu halten, die erst auf den zweiten Blick sichtbar werden. Allerdings untersuchte er den Lauf der Geschichte, während ich den verschlungenen Pfaden einzelner Herzen folge. Unter den Augen Gottes kann es keine Unordnung geben. Selbst ein Wahnsinniger reagiert auf das, was er wahrnimmt, so gut er eben kann. Das Kunststück besteht darin, in seine Fußstapfen zu treten, bis man sich in seinem ganz persönlichen Irrgarten befindet – dann sieht man, dass er nur einen einzigen Weg einschlagen kann, wohin er sich auch dreht und wendet.
   Während ich vor mich hin döste, sah ich das Barrio vor meinem inneren Auge und ordnete die Mietskasernen wie Bauklötze neu an, ließ die verborgene Geometrie neue Muster bilden. Aus der Vogelperspektive versuchte ich das Labyrinth zu erkennen, das jener Gegend zugrunde lag, folgte in Gedanken seinen Pfaden. Wo war der Ausgang? Daedalus, Erbauer des Labyrinths, der erst Ikarus verloren hat und dann sich selbst. Wird das Labyrinth von den Mauern oder von den Pfaden gebildet? Von beidem natürlich – es ist eine Wechselwirkung. Die Zwischenräume zwischen den miteinander verwobenen Fäden bilden das Netz, locken die Beute mit der Illusion von Freiheit in die Falle ...
   Die Katze sprang zu mir aufs Bett. Ich spürte ihre Krallen wie einen Stromschlag, der mich auffahren ließ. Ein plötzlicher Adrenalinstoß, supraleitend; Gefühle durchdrangen meine Haut, tief und schmerzhaft, breiteten sich knisternd in meinem Blutkreislauf aus. White hatte die Frau mit Ziegelsteinen und Betonklötzen erschlagen. Um der Liebe eines Mannes willen musste sie sterben. Aus Liebe zur Menschheit ermordet. Du sollst nicht ehebrechen: das siebte Gebot und eine Todsünde. White Nummer Sieben.
   Herr im Himmel!
   Hastig drückte ich auf den Schalter neben dem Bett. Weißes Licht und Schweigen erfüllte das Zimmer. Königin Liz lag warm und schwer neben mir. Das Metall der Lampe glitzerte silberhell. Chromaugen, die in die Hölle blickten. Kleine schwarze Knoten am ausgefransten Saum des Teppichs, wo der synthetische Velour geschmolzen war. Kohlrabenschwarz – der Docht einer Kerze.
   Königin Liz sah mich mit maßloser Verachtung an. In die Dunkelheit über meiner Kommode waren die leuchtend blauen Zahlen 4:47 gemeißelt. »O Gott«, stöhnte ich – ich wusste, dass ich nicht mehr würde einschlafen können. »In Ordnung. Du hast gewonnen.« Menschen, die alleine leben, reden eindeutig zu oft mit ihrer Katze. »Dann musst du aber auch auf dein Heizkissen verzichten.« Königin Liz legte die Ohren an, als wollte sie sagen: »Eine Persönlichkeit von meinem Stand ficht das nicht an.« Während ich mich aus dem Bett kämpfte, schenkte sie mir einen letzten, zutiefst gleichgültigen Blick, bevor sie sich in der warmen Mulde niederließ, wo ich gelegen hatte.
   Der Jagdtrieb machte sich wieder bemerkbar, und damit auch das Bedürfnis, etwas zu empfinden. Das reine, animalische Gefühl, am Leben zu sein, so ganz und gar, dass der Augenblick alles ist: Das ist die Jagd. Sich in nichts auflösen, alles andere vergessen.
   Ich schlüpfte in ein Paar Hosen, ein gestepptes Baumwollhemd und Schuhe mit flachen, lautlosen Sohlen. Meine Jacke glitt über meine Schultern wie ein Holster über eine Pistole. Ich war wieder zu einem Raubtier geworden. Während sich die Aufzugstüren (altmodisch automatisch) im Treppenhaus öffneten, griff ich in meine linke Hosentasche. Ich nickte dem schläfrigen Nachtwächter zu, hielt einen Moment mit dem Daumen auf dem Energieschalter des Tasers inne, und schob ihn schließlich ganz nach unten: leichte Betäubung.
   Draußen war die Luft frisch und trocken, wie Herbstblätter, die auf den ersten Schnee warten. Unter einem zunehmendem Mond bildeten die Straßenzüge eine komplexe Geometrie aus Licht und Schatten. Geruchlose Elektromotoren schnurrten die Straßen entlang. Automobilaugenpaare flohen einander. In großen Abständen leuchteten Straßenlaternen wie nächtliche Blumen mit bernsteinfarbenen Blüten und ließen die umliegende Nacht nur noch schwärzer erscheinen.
   Ich lauschte auf das leise Scharren meiner Schuhe auf dem Bürgersteig. Die Kälte klärte meinen Blick. Ich war von riesigen Käfigen umgeben: gewaltige, rechteckige Wohnblöcke, mit kleineren Vierecken übersät, manche erleuchtet, die meisten dunkel. Die wie mit dem Lineal gezogenen Kanten der Wohntürme und die hohen, eleganten Bürogebäude standen dicht beieinander, nur von kargem Gestrüpp und Beton getrennt. Mein Lebensraum, mein Wald, und ich war der Jäger.
   Bruchstücke des Verhörs, das ich heute geführt hatte, gingen mir durch den Kopf. Von einem Gefühl der Angst begleitet, sah ich den toten Mask auf dem Teppich liegen, ein kurzes Aufblitzen von Scharlachrot und Chrom. Warum? Was für ein Mensch war Mask gewesen? Ich wusste es nicht, aber meine Neugier war geweckt. Als seine Kollegen über ihn gesprochen hatten, waren mir ... Unstimmigkeiten aufgefallen. Das ließ auf Dinge schließen, die in den Nachrufen im Fernsehen keine Erwähnung gefunden hatten. Und was war mit den Andeutungen der Reporter über sein Privatleben? Die verbitterte, wunderschöne Celia Wu, die unschuldig verratene Frau; Tara Allens Trauer. Der Umriss, der sich allmählich abzeichnete, war voller Widersprüche.
   Beklommen spürte ich, wie das Muster der Ermittlung langsam Gestalt annahm, unaufhaltsam wie ein Labyrinth, und mich Schritt für Schritt einem düsteren Geheimnis entgegenführte, das sich in seinem Herzen befand. Meine Laune verfinsterte sich. Ich schaute zum Himmel empor, sah Orion und hatte den Eindruck, ich blickte zu einem Tatort auf, einem Kreideumriss, der den Ort markierte, wo ein riesiger Engel gegen den Boden des Himmels geschleudert worden war.
   Eine Glasscheibe nicht dicker als ein Fernsehbildschirm – das ist alles, was Himmel und Hölle voneinander trennt, Gerechtigkeit von Chaos: Ein Fehler kann das ganze Universum in die Brüche gehen lassen.
   »Nirgendwo sind logische Schlussfolgerungen so notwendig wie in der Religion«, hat Sherlock Holmes einmal gesagt. Wie zutreffend, wie entsetzlich zutreffend! Denn wenn mir nur ein Patzer unterlief, ein kleiner Fehler bei der Beurteilung des übergeordneten Musters, dann würde ich wie Luzifer zur Hölle fahren. »Wer unter Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.« – Das waren meine Worte gewesen.
   Wenn ein Mann eine Frau mit bloßen Händen tötet, ist das für mich Mord, aber wenn ich ihn dem Galgen überantworte, ist das Gerechtigkeit, richtig?
   Richtig?
   Und was für einen anderen Grund kann es geben, etwas für gerecht zu halten, als die Gewissheit, dass das Auge Gottes mit Wohlgefallen darauf ruht? Worin besteht der Lebenssinn eines Gestalters, wenn nicht in dem Versuch, die Gestalt aller Dinge zu erkennen?
   Seit fast einer Stunde musste ich an Rutger White denken (ohne dass ich mir das eingestanden hätte). Er würde am Galgen enden, weil er davon überzeugt war, dass die Gerechtigkeit keinen Aufschub duldete.
   Und wenn unsere Entscheidungen eines Fundaments bedurften, einer ewig gültigen Grundlage – worauf konnte diese sich stützen, wenn nicht auf Gott? Ohne Glauben gab es keinen Gott. Ohne Gott – nichts: der Schrei einer Katze um Mitternacht; der Wind, der durch die verlassenen Straßen weht und Fetzen Zeitungspapier durch die Finsternis bläst.
   Also hatte der Diakon Angela Johnson getötet.
   Er war fehlgeleitet worden und hatte einen Mord begangen. Er war eine Gefahr für die Gesellschaft.
   Und doch ...
   Niemand empfindet Schmerzen stärker als eine Empathin. Ich bin Jägerin geworden, weil ich die Schmerzen auf ein Minimum reduzieren wollte. Ich wollte die Mörder und die Wahnsinnigen hinter Schloss und Riegel bringen und das Leiden mildern. Und doch würde Rutger White in ein paar Tagen unterhalb eines Galgens durch ein kleines Viereck im Boden fallen und sterben – weil ich es gewollt hatte. Tötet sie alle. Gott wird die Seinen erkennen.
   Die Rache ist mein, sprach der Herr.
   Über diesen Widerspruch grübelte ich nicht zum ersten Mal nach, er ging mir jedes Mal durch den Kopf, wenn jemand, den ich verhaftet hatte, zum Tode verurteilt wurde. Und jedes Mal musste ich mir sicher sein, dass mein Urteilsvermögen dem des Mörders überlegen war. Daran glaubte ich noch immer. In Gedanken ging ich die Liste durch. Hardy, Scott, Umara, Chaly, Vin, Wilson, Guerrera.
   Ich vergieße keine Tränen. Aber um sie habe ich geweint. Ich bete nicht. Aber für sie habe ich gebetet.

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Passionsspiel
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Grafik: Thomas Thiemeyer

 

Deutsche Erstveröffentlichung • Gewinner des Aurora Award
Originaltitel: Passion Play
© 1992 by Sean Stewart. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors. [Thanks, Sean!]
Übersetzung © 2003 Hannes Riffel [Vorlage: Ace Books, December 1993]
Lektorat: Harald Niesche • Redaktion: Sara Schade

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Siehe auch
Sean Stewart, Schwester des Sturms (Clouds End • 1996) [Romanauszug]
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