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Sean Stewart

Passionsspiel

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Sean Stewart, Passionsspiel
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Mit seiner Ähnlichkeit zu Moriarty hatte Richter Walters meine Gedanken auf Sherlock Holmes gelenkt. Während ich darauf wartete, dass Rolly das Telefon abnahm, musste ich einmal mehr daran denken, wie irreführend Holmes’ Vorgehensweise war. Er zog seine Schlüsse einen nach dem anderen, schnell und geradlinig.
   Aber im Leben gibt es keine geraden Linien – Linien sind Ideen, abstrakte Vorstellungen, die von einzelnen Entscheidungen abhängen. Das Leben besteht aus endlosen Wechselwirkungen. Aus Formen. Um herauszubekommen, dass Watson den Entschluss gefasst hatte, nicht in südafrikanische Goldminen zu investieren, genügte es nicht zu wissen, dass er Schmutz an den Schuhen und Kreide an den Fingern hatte. Sherlock musste Watson selbst kennen, in seiner Gesamtheit, sowie zahllose andere Dinge über ihn und diese Welt wissen, um seine berühmten Schlüsse zu ziehen. Im Fall Mask verfügte ich über den Schmutz und die Kreide, aber über die Person im Hintergrund wusste ich nichts. Der Kreideumriss einer Leiche.
   Als ich in der Zentrale anrief, entschied ich mich in einem Anfall von Höflichkeit gegen den Gesichtsbewahrer. Also hatten Rolly und ich das zweifelhafte Vergnügen, einander an diesem anstrengenden Morgen in die Augen zu blicken. Ich fragte mich, welche Aufgabe Frau French erfüllte: Wenn Rolly schon darauf bestand, dass seine Frau zu Hause blieb, konnte sie wenigstens etwas gegen seinen grauenhaften Krawattengeschmack tun. Das neuste Modell hatte Überbreite und war kastanienbraun mit hellgrünen Streifen. »French. Gott segne Dich.«
   »Hallo, Rolly! Hören Sie, ich muss wissen, was die Spurensicherung im Fall Mask herausgefunden hat.« Ich benötigte mehr Informationen. Es ist ausgesprochen schwer, über eine verborgene Gestalt ein fundiertes Urteil abzugeben.
   »Ach?« Rolly klang enttäuscht. Kein Wunder: Wenn ich noch am zweiten Tag an einem Fall interessiert war, ließ das darauf schließen, dass mir etwas aufgefallen war. »Warum?«
   »Sie zuerst. Sagen Sie mir, ob sich jemand an dem Kostüm zu schaffen gemacht hat, und im Gegenzug lasse ich Sie an meinen Gedankengängen teilhaben.«
   »In Ordnung«, erwiderte Rolly ohne Begeisterung. »Das abschließende Urteil lautet: Nein. Niemand hat sich an den Stromkabeln zu schaffen gemacht, weder Mask noch jemand anderes. Wir werden wohl von allen Anwesenden Hautproben nehmen und durch den Sequenzer jagen müssen – vielleicht finden wir eine Übereinstimmung mit den Hautpartikeln, die wir gefunden haben. Auch die Todesursache steht noch nicht fest.«
   »Da bin ich anderer Meinung«, sagte ich. »Die Todesursache war Mord.« Rolly stieß einen Seufzer aus – noch etwas, das ihm Kopfzerbrechen bereiten würde. »Erinnern Sie sich noch an den Gesichtsausdruck des Toten?«
   »Ja, und?«
   »So sieht ein Mann aus, der weiß, was ihm bevorsteht.«
   »Um Himmels willen, Fletcher, das ist Weiberkram! Sie können doch nicht behaupten, es handle sich um Mord, nur weil er ängstlich aussah. Mask ist von einem Stromschlag getötet worden! Vielleicht hatte er Krämpfe.«
   »Vielleicht, aber das glaube ich nicht. Hören Sie, ich weiß, dass ein Gesichtsausdruck nicht als Beweis taugt. Auch wenn mir meine weibliche Intuition sagt, dass das genügen sollte«, fügte ich hinterhältig hinzu und strich mir mit einer möglichst femininen Handbewegung die Haare aus der Stirn. »Ihre Theorie über die Krämpfe klingt mir jedenfalls nicht überzeugend. Die Ladung hat Mask nicht im Gesicht erwischt – er hatte keinen Helm auf, als er starb.«
   »Trotzdem.«
   »Sicher?«
   Mask steht seinem Mörder gegenüber. Von plötzlicher Angst erfüllt fummelt er an den Verschlüssen herum und reißt sich die spöttischen purpurroten Gesichtszüge des Mephistopheles vom Kopf. Zum Vorschein kommt ein von Entsetzen entstelltes Gesicht. »Wir wissen, dass er eine Viertelstunde brauchte, um sein Kostüm anzuziehen. Aber er wurde nur fünf Minuten, nachdem die Techniker das verdächtige Geräusch gehört hatten, auf die Bühne gerufen!«
   Rolly benötigte eine ganze Weile, um die nötigen Schlüsse zu ziehen. »Sie wollen also sagen ...«
   Ach, was für ein Glücksgefühl, endlich eine heiße Spur zu haben! Es ist ein wundervoller Augenblick, wenn sich die ersten beiden Teile eines Puzzles zusammenfügen. Ich nickte Rolly zu, der plötzlich ausgesprochen nachdenklich wirkte. »Genau. Mask wusste, dass er sterben würde. Er war nicht dabei, das Kostüm anzuziehen, als er starb – er wollte es in panischer Angst ausziehen!«

Aus: Hiob spricht zu den Kritikern, eine Mitteilung von Jonathan Mask.

Othello (John Ransome) beugt sich über die schlafende Gestalt seiner Frau Desdemona (Celia Wu). Er küsst sie.

OTHELLO
   O würz’ger Hauch, der selbst Gerechtigkeit
   Ihr Schwert zu brechen zwingt. Noch einen! Einen!

Er küsst sie erneut und streicht ihr mit beiden Händen über die Wangen. Schließlich spannen sich seine Finger um ihren Hals.

Sei, wann du tot bist, so, dann töt’ ich dich
   Und liebe dich nachher.

Während diese Szene ihren Lauf nimmt, wird der Dialog ausgeblendet. Jonathan Mask spricht einen Kommentar:

Othello ist zwischen zwei Leidenschaften hin und her gerissen – dem abstrakten Ideal der Gerechtigkeit (und der Hölle und der Sünde, des Himmels und des Todes) und seiner realen, körperlichen Liebe für Desdemona. Er will Rache nehmen und glaubt, dass es nur gerecht ist, Desdemona zu töten, damit sie nicht anderen Schaden zufügt. Diese idealistische Haltung setzt sich schließlich durch, mit all den bekannten tragischen Konsequenzen.

Othello erstickt Desdemona, während die gefühllose Stimme fortfährt.

Die These, die ich anhand dieser Beispiele skizziert habe, ist einfach. In der Komödie geht es grundsätzlich um gesellschaftliche Werte. Zufriedenheit ist wichtiger als Tugendhaftigkeit, und amoralische Leutseligkeit ist strenger Frömmigkeit allemal vorzuziehen. Die Komödie ist eine humanistische Form des Schauspiels – wir dürfen über den betrogenen Mann lachen, sofern er es verdient hat, dass ihm Hörner aufgesetzt werden.
   Die Tragödie dagegen handelt grundsätzlich von abstrakten oder ideellen Werten. Tragödien sind tragisch, weil das höhere Prinzip der Gerechtigkeit auf menschliche Schwächen keine Rücksicht nehmen kann. Die Figuren sind zwischen einander widersprechenden Idealen und unauflösbaren Situationen gefangen.
   Gelegentlich wird der Versuch unternommen, der Zwangsläufigkeit der Tragödie zu entfliehen. König Lear ist hier das beste Beispiel, er entscheidet sich für ein humanistisches Menschenbild: Was? Tod um Ehebruch? Nein! ... Der natürliche Mensch ist nichts mehr als ein armes, nacktes, zweizinkiges Tier. Aber die Ereignisse, die er innerhalb der dramatischen und absolutistischen Struktur seines Königreichs ins Rollen bringt, folgen eigenen Gesetzen, denen er nicht standhalten kann. Das tragische Schema überwältigt den Menschen.
   Die Tragödie ist die größere Kunst, denn sie zwingt uns, unsere Schwächen einzugestehen und uns zu bemühen, sie – im Unterschied zur Komödie – ganz ohne Selbstgefälligkeit zu überwinden.
   Deshalb feiert die Tragödie auch so große Erfolge, seit das Zeitalter der Erlöser angebrochen ist. Wir müssen schwere Entscheidungen fällen, unsere Führer haben uns mit knapper Not vor einer Katastrophe bewahrt. Nicht länger können wir den Blick von unseren Schwächen abwenden und unseren Glauben verleugnen!

Othello durchschaut endlich, wie er sich von Jago hat manipulieren lassen, die schlimmste Sünde zu begehen – doch es ist zu spät. Er entreißt einem seiner Wachmänner den Dolch und stößt ihn sich ins Herz.

Die Tragödie ist unserem Zeitalter angemessen, weil wir in der strengen und unausweichlichen Folgerichtigkeit des Tragischen – wenn auch aus großer Entfernung und wie durch getöntes Glas – die transzendentale Erhabenheit Gottes schauen können.

Passionsspiel • Dritter Tag • 5.1 -->

Passionsspiel
<-- Zweiter Tag • 4.3 -->


Grafik: Thomas Thiemeyer

 

Deutsche Erstveröffentlichung • Gewinner des Aurora Award
Originaltitel: Passion Play
© 1992 by Sean Stewart. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors. [Thanks, Sean!]
Übersetzung © 2003 Hannes Riffel [Vorlage: Ace Books, December 1993]
Lektorat: Harald Niesche • Redaktion: Sara Schade

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Siehe auch
Sean Stewart, Schwester des Sturms (Clouds End • 1996) [Romanauszug]
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