Mit seiner Ähnlichkeit zu Moriarty hatte Richter Walters meine Gedanken auf Sherlock
Holmes gelenkt. Während ich darauf wartete, dass Rolly das Telefon abnahm, musste ich
einmal mehr daran denken, wie irreführend Holmes Vorgehensweise war. Er zog seine
Schlüsse einen nach dem anderen, schnell und geradlinig.
Aber im Leben gibt es keine geraden Linien Linien sind Ideen,
abstrakte Vorstellungen, die von einzelnen Entscheidungen abhängen. Das Leben besteht aus
endlosen Wechselwirkungen. Aus Formen. Um herauszubekommen, dass Watson den Entschluss
gefasst hatte, nicht in südafrikanische Goldminen zu investieren, genügte es nicht zu
wissen, dass er Schmutz an den Schuhen und Kreide an den Fingern hatte. Sherlock musste
Watson selbst kennen, in seiner Gesamtheit, sowie zahllose andere Dinge über ihn und
diese Welt wissen, um seine berühmten Schlüsse zu ziehen. Im Fall Mask verfügte ich
über den Schmutz und die Kreide, aber über die Person im Hintergrund wusste ich nichts.
Der Kreideumriss einer Leiche.
Als ich in der Zentrale anrief, entschied ich mich in einem Anfall von
Höflichkeit gegen den Gesichtsbewahrer. Also hatten Rolly und ich das zweifelhafte
Vergnügen, einander an diesem anstrengenden Morgen in die Augen zu blicken. Ich fragte
mich, welche Aufgabe Frau French erfüllte: Wenn Rolly schon darauf bestand, dass seine
Frau zu Hause blieb, konnte sie wenigstens etwas gegen seinen grauenhaften
Krawattengeschmack tun. Das neuste Modell hatte Überbreite und war kastanienbraun mit
hellgrünen Streifen. »French. Gott segne Dich.«
»Hallo, Rolly! Hören Sie, ich muss wissen, was die Spurensicherung im
Fall Mask herausgefunden hat.« Ich benötigte mehr Informationen. Es ist ausgesprochen
schwer, über eine verborgene Gestalt ein fundiertes Urteil abzugeben.
»Ach?« Rolly klang enttäuscht. Kein Wunder: Wenn ich noch am zweiten
Tag an einem Fall interessiert war, ließ das darauf schließen, dass mir etwas
aufgefallen war. »Warum?«
»Sie zuerst. Sagen Sie mir, ob sich jemand an dem Kostüm zu schaffen
gemacht hat, und im Gegenzug lasse ich Sie an meinen Gedankengängen teilhaben.«
»In Ordnung«, erwiderte Rolly ohne Begeisterung. »Das abschließende
Urteil lautet: Nein. Niemand hat sich an den Stromkabeln zu schaffen gemacht, weder Mask
noch jemand anderes. Wir werden wohl von allen Anwesenden Hautproben nehmen und durch den
Sequenzer jagen müssen vielleicht finden wir eine Übereinstimmung mit den
Hautpartikeln, die wir gefunden haben. Auch die Todesursache steht noch nicht fest.«
»Da bin ich anderer Meinung«, sagte ich. »Die Todesursache war
Mord.« Rolly stieß einen Seufzer aus noch etwas, das ihm Kopfzerbrechen bereiten
würde. »Erinnern Sie sich noch an den Gesichtsausdruck des Toten?«
»Ja, und?«
»So sieht ein Mann aus, der weiß, was ihm bevorsteht.«
»Um Himmels willen, Fletcher, das ist Weiberkram! Sie können doch
nicht behaupten, es handle sich um Mord, nur weil er ängstlich aussah. Mask ist von einem
Stromschlag getötet worden! Vielleicht hatte er Krämpfe.«
»Vielleicht, aber das glaube ich nicht. Hören Sie, ich weiß, dass ein
Gesichtsausdruck nicht als Beweis taugt. Auch wenn mir meine weibliche Intuition sagt,
dass das genügen sollte«, fügte ich hinterhältig hinzu und strich mir mit einer
möglichst femininen Handbewegung die Haare aus der Stirn. »Ihre Theorie über die
Krämpfe klingt mir jedenfalls nicht überzeugend. Die Ladung hat Mask nicht im Gesicht
erwischt er hatte keinen Helm auf, als er starb.«
»Trotzdem.«
»Sicher?«
Mask steht seinem Mörder gegenüber. Von plötzlicher Angst erfüllt
fummelt er an den Verschlüssen herum und reißt sich die spöttischen purpurroten
Gesichtszüge des Mephistopheles vom Kopf. Zum Vorschein kommt ein von Entsetzen
entstelltes Gesicht. »Wir wissen, dass er eine Viertelstunde brauchte, um sein Kostüm
anzuziehen. Aber er wurde nur fünf Minuten, nachdem die Techniker das verdächtige
Geräusch gehört hatten, auf die Bühne gerufen!«
Rolly benötigte eine ganze Weile, um die nötigen Schlüsse zu ziehen.
»Sie wollen also sagen ...«
Ach, was für ein Glücksgefühl, endlich eine heiße Spur zu haben! Es
ist ein wundervoller Augenblick, wenn sich die ersten beiden Teile eines Puzzles
zusammenfügen. Ich nickte Rolly zu, der plötzlich ausgesprochen nachdenklich wirkte.
»Genau. Mask wusste, dass er sterben würde. Er war nicht dabei, das Kostüm anzuziehen,
als er starb er wollte es in panischer Angst ausziehen!«
Aus: Hiob spricht zu den Kritikern, eine Mitteilung von Jonathan Mask.
Othello (John Ransome) beugt sich über die schlafende Gestalt seiner Frau
Desdemona (Celia Wu). Er küsst sie.
OTHELLO
O würzger Hauch, der selbst Gerechtigkeit
Ihr Schwert zu brechen zwingt. Noch einen! Einen!
Er küsst sie erneut und streicht ihr mit beiden Händen über die Wangen.
Schließlich spannen sich seine Finger um ihren Hals.
Sei, wann du tot bist, so, dann töt ich dich
Und liebe dich nachher.
Während diese Szene ihren Lauf nimmt, wird der Dialog ausgeblendet. Jonathan Mask
spricht einen Kommentar:
Othello ist zwischen zwei Leidenschaften hin und her gerissen dem abstrakten
Ideal der Gerechtigkeit (und der Hölle und der Sünde, des Himmels und des Todes) und
seiner realen, körperlichen Liebe für Desdemona. Er will Rache nehmen und glaubt, dass
es nur gerecht ist, Desdemona zu töten, damit sie nicht anderen Schaden zufügt. Diese
idealistische Haltung setzt sich schließlich durch, mit all den bekannten tragischen
Konsequenzen.
Othello erstickt Desdemona, während die gefühllose Stimme fortfährt.
Die These, die ich anhand dieser Beispiele skizziert habe, ist einfach. In der Komödie
geht es grundsätzlich um gesellschaftliche Werte. Zufriedenheit ist wichtiger
als Tugendhaftigkeit, und amoralische Leutseligkeit ist strenger Frömmigkeit allemal
vorzuziehen. Die Komödie ist eine humanistische Form des Schauspiels wir dürfen
über den betrogenen Mann lachen, sofern er es verdient hat, dass ihm Hörner aufgesetzt
werden.
Die Tragödie dagegen handelt grundsätzlich von abstrakten oder
ideellen Werten. Tragödien sind tragisch, weil das höhere Prinzip der Gerechtigkeit auf
menschliche Schwächen keine Rücksicht nehmen kann. Die Figuren sind zwischen einander
widersprechenden Idealen und unauflösbaren Situationen gefangen.
Gelegentlich wird der Versuch unternommen, der Zwangsläufigkeit der
Tragödie zu entfliehen. König Lear ist hier das beste Beispiel, er entscheidet sich für
ein humanistisches Menschenbild: Was? Tod um Ehebruch? Nein! ... Der natürliche
Mensch ist nichts mehr als ein armes, nacktes, zweizinkiges Tier. Aber die
Ereignisse, die er innerhalb der dramatischen und absolutistischen Struktur seines
Königreichs ins Rollen bringt, folgen eigenen Gesetzen, denen er nicht standhalten kann.
Das tragische Schema überwältigt den Menschen.
Die Tragödie ist die größere Kunst, denn sie zwingt uns, unsere
Schwächen einzugestehen und uns zu bemühen, sie im Unterschied zur Komödie
ganz ohne Selbstgefälligkeit zu überwinden.
Deshalb feiert die Tragödie auch so große Erfolge, seit das Zeitalter
der Erlöser angebrochen ist. Wir müssen schwere Entscheidungen fällen, unsere Führer
haben uns mit knapper Not vor einer Katastrophe bewahrt. Nicht länger können wir den
Blick von unseren Schwächen abwenden und unseren Glauben verleugnen!
Othello durchschaut endlich, wie er sich von Jago hat manipulieren lassen, die
schlimmste Sünde zu begehen doch es ist zu spät. Er entreißt einem seiner
Wachmänner den Dolch und stößt ihn sich ins Herz.
Die Tragödie ist unserem Zeitalter angemessen, weil wir in der strengen und
unausweichlichen Folgerichtigkeit des Tragischen wenn auch aus großer Entfernung
und wie durch getöntes Glas die transzendentale Erhabenheit Gottes schauen
können.