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Sean Stewart

Passionsspiel

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Sean Stewart, Passionsspiel
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Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

Fünftes Kapitel

S

ind Sie verrückt geworden?« Wir saßen in der Cafeteria in der Zentrale, und Rolly wirkte ausgesprochen wütend. »Die Leute bei NT wollen die Angelegenheit möglichst unterm Teppich behalten. Aber die Verhöre, die Sie anberaumt haben ...« Er bog seinen Löffel krumm und drückte ihn in seiner Teetasse sogleich wieder gerade. »Wir hatten ihnen zugesichert, dass wir bald alles erledigt haben würden, Fletcher. Spätestens gestern.«
   »Da sind wir auch noch davon ausgegangen, dass es sich um einen Unfall handelt, Rolly. Inzwischen ist daraus Mord geworden.«
   »Das sagen Sie.« Er musterte mich misstrauisch. Er besaß einen Hund, der – seinen Schuhen nach zu urteilen – ziemlich stark zu haaren schien. Heute trug Rolly einen cremefarbenen Anzug mit passender Krawatte. Männer mit Hängebacken sollten keine Krawatten tragen. »Hören Sie, Fletcher – es ist kein Geheimnis, dass Sie die Regierung nicht mögen. Aber ich hoffe sehr, dass Sie diese Ermittlung nicht in die Länge ziehen, nur um den Präsidenten in Verlegenheit zu bringen.«
   »Kommen Sie mir nicht mit sowas«, erwiderte ich entrüstet.
   »Nun, Ihnen mag das keine Probleme bereiten, Fletcher, Sie arbeiten schließlich auf eigene Rechnung. Aber ich habe Vorgesetzte, die mir im Nacken sitzen, kapiert? Und die wollen, dass diese Angelegenheit ein rasches Ende findet. Ein sehr rasches.«
   »Wir haben es mit einem Mord zu tun, Rolly. Das können wir nicht ignorieren.«
   »Hoffen wir, dass es wirklich Mord war. Wenn Sie es nur auf einen saftigen Skandal abgesehen haben, damit Sie die nächste Rate an ihrem Auto abbezahlen können, fliege ich hier hochkant raus. Und ich verspreche Ihnen – ich werde auf Ihrem Kopf landen.«
   »Sehen Sie das?« Rolly zuckte zusammen, als ich den Taser aus der Tasche zog und auf den Tisch knallte. »Ungeladen wiegt das Ding 23 Unzen: fünf mehr als die Toshiba und sechseinhalb mehr als das brasilianische Algo-Modell. Die Reichweite ist kürzer als bei beiden. Und wenn man nicht aufpasst, verstellt sich der Regler. Und dafür muss man 240 Dollar hinblättern – 20 mehr als für die Toshiba, Japansteuer inklusive, und 55 mehr als für die Algo. Aber dafür ist sie wenigstens Made in America!«, sagte ich verbittert. »Falls Sie sich Sorgen um Geld machen – schön, das gehört zu Ihrem Job. Aber im Unterschied zu mir werden Sie für eine bestimmte Arbeitszeit bezahlt, Rolly, das wissen Sie. Wenn es mir nur auf das Geld ankäme, würde ich mir etwas suchen, das ich in einem Tag erledigen könnte – eine abgelaufene Kaution oder dergleichen.«
   »Schon klar«, seufzte er. Seine Augen wurden schmal. »Allerdings würden Presse oder Fernsehen auch jeden Preis bezahlen, falls Sie etwas Aufsehen erregendes über Mask ausgraben.«
   »Arschloch!«
   French bemühte sich sichtlich, die Beherrschung zu wahren, aber seine Miene sprach Bände: ›Nimm dich zusammen und halt die Klappe. Wenn ich nur nicht mit ihr zusammenarbeiten müsste. Die sollte sich einen masochistischen Ehemann angeln und zu Hause bleiben ...‹ »Entschuldigen Sie, Fletcher. Das war nicht böse gemeint.«
   »Das hat sich aber anders angehört.«
   »Das reicht jetzt! Ich bin nicht um jeden Preis auf Sie angewiesen.«
   Er meinte es ernst. Und ich war auf die Unterstützung der Behörden durchaus angewiesen. Angespanntes Schweigen machte sich breit. Schließlich versuchte ich ein Lächeln. »Rolly, glauben Sie mir, die Journaille ist auf Ihrer Seite. Aber je länger ich an diesem Fall arbeite, desto länger muss ich mich mit diesen Schmarotzern herumschlagen.«
   Rolly seufzte. »Da fällt mir ein: Den ganzen Tag schon erhalte ich Beschwerden, Sie würden Anfragen über das Netz nicht beantworten. Können Sie nicht etwas höflicher sein, zumindest gegenüber den Leuten von NT? Jedes Mal, wenn Sie einen von denen verärgern, habe ich ihn am Terminal.«
   »Tut mir Leid. Ich habe mich seit ein paar Tagen nicht mehr eingeloggt«, log ich. Ich lächelte verlegen und versuchte, gutes Wetter zu machen. Mit welchem Recht war ich gehässig zu ihm? Es war mir peinlich, einen – sprich’s ruhig aus – einen Mann angeschrien zu haben. Himmel, wie ich das hasse. Diese verfluchten Zweifel! Auch ich konnte mich der patriarchalen Kultur der Erlöser nicht entziehen. Bei meiner Arbeit muss man eine Elefantenhaut entwickeln, aber so ganz ist mir das nicht gelungen. Ich konnte einem Mann nicht die Stirn bieten, ohne mich dabei unwohl zu fühlen. Mir würde es nie gelingen, so selbstsicher zu sein wie White.
   Ich sprach ein rasches Tischgebet und biss in meinen Käsekringel. »Sie sollten auch mal einen bestellen. Da hätten Ihre Zähne etwas zu tun.«

Rolly mußte unwillkürlich lächeln. Er wandte den Blick ab und schüttelte den Kopf. »Ich glaube, wenn es mir nicht so zuwider wäre, Fletcher, würde ich wirklich gerne mit Ihnen zusammenarbeiten.«
   »Aber klar«, stimmte ich ihm zu. Ich musste lachen und prustete Krümel über den Tisch. »Schließlich bin ich die Beste.«
   »Stimmt«, sagte er zu meiner Überraschung.
   Ich wusste nicht, wie ich auf das Kompliment reagieren sollte, also wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder vertrautem Territorium zu – dem Mord an Mask. Ich hatte Witterung aufgenommen, und alles erinnerte mich an Masks Leiche: das funkelnde Chrom der Cafeteriatheke, die verkohlten Ränder meines Sandwichs. Gestaltern fällt es oft schwer, mit ihrer Erinnerung zurechtzukommen – jedes Muster beschwört eine Fülle von Assoziationen herauf. Ich konnte nicht an Mask denken, ohne den schwachen Brandgeruch zu riechen, die blitzenden Spiegel, das Grauen.
   Aber ich rief mir das Bild immer wieder in Erinnerung, denn irgendetwas daran stimmte nicht.
   Rolly rutschte auf seinem Stuhl herum und spielte mit seinem Kaffeelöffel. Bald würde er abbrechen. »Ich habe noch etwas für Sie.«
   Ich ließ Masks Leiche auf dem Boden der Garderobe zurück und versuchte, mich auf Rollys cremefarbenen Anzug zu konzentrieren, auf seine Worte.
   »Die Sache mit Dobin haben Sie doch mitbekommen, oder? Anscheinend wurde der Herr Ministerialrat erpresst, wegen einer Sache, die vor seiner Hochzeit ..., nun, jedenfalls habe ich einen Kollegen gebeten, die Festplatte seines Computers unter die Lupe zu nehmen. In einer Datei ist er auf den Namen Mask gestoßen. Er dachte, sie könnte mich interessieren und hat sie mir geschickt.«
   Ich nickte. Dobins Sünden waren mir ausgesprochen gleichgültig, aber jeder noch so kleine Hinweis im Zusammenhang mit Mask konnte von Bedeutung sein.
   "Wie sich herausstellte, handelte es sich um einen Bericht über eine Untersuchung, die nach einem anonymen Tipp, der über E-Mail hereinkam, in die Wege geleitet wurde.«
   »O Gott.«
   Rolly griff zu seinem Notizblock. »Ich zitiere: ›Nach genauer Prüfung der oben genannten Anschuldigungen sehen wir uns zu dem Schluss gezwungen, dass Herr Mask nicht mehr geeignet ist, als Regierungssprecher tätig zu sein oder vergleichbare Funktionen auszuüben.‹« Er ließ den Notizblock wieder in seinen tiefen Taschen verschwinden.
   Wir starrten einander eine ganze Weile an, gleichermaßen ernst und erregt, wie zwei Schulkinder, die etwas Entsetzliches über ihren Lehrer herausgefunden haben. »O Gott«, wiederholte ich. »Eine Ikone mit tönernen Füßen.«
   Rolly nickte mit grimmiger Miene. »Und jeden Tag flackert sein Gesicht über den Bildschirm. Meine Schwester hält ihn für einen Heiligen, buchstäblich. Für sie ist er ein Fleisch gewordener Engel, die lebende Verkörperung der Erlöserbewegung.«
   »Kein Wunder wollen sie, dass die Ermittlungen abgeschlossen werden. Mannomann, das muss ihnen wie höhere Gewalt vorgekommen sein – einen passenderen Augenblick hätte er sich gar nicht aussuchen können, um tot umzufallen. Bevor alles herausgekommen ist.« Ich sah Rolly fragend an. »Sie glauben doch wohl nicht ...«
   Er schüttelte energisch den Kopf. »Natürlich wäre es dem Präsidenten unangenehm gewesen, wenn das ans Licht gekommen wäre, aber er würde nie jemanden umbringen lassen. Dazu ist in dieser Regierung keiner in der Lage. Ihnen mag nicht gefallen, für was die Erlöser stehen, aber Sie wissen genau, dass sie sich zu so etwas nie herablassen würden.«
   »Rolly, ich habe gerade einen Erlöser verhaftet, weil er eine Frau gesteinigt hat.«
   »Das stimmt, aber das hat er in aller Öffentlichkeit getan«, wandte Rolly ein. »Einen Mann heimlich umbringen und es wie einen Unfall aussehen lassen ...« Er schüttelte erneut den Kopf.
   Wahrscheinlich hatte er Recht. »Mag sein. Aber Sie werden mir wohl zustimmen, Rolly – der Regierung wird das nicht in den Kram passen! Uns steht ein Riesenskandal bevor ...«
   »Es sei denn, wir stellen die Ermittlungen ein.«
   Rolly sah mir lange in die Augen. Himmel, was für eine Zwickmühle! Er war hin und hergerissen zwischen seiner Wahrheitsliebe und seiner Regierungstreue. Nun, jedenfalls war er ein gläubiger Erlöser, und das hieß, dass ihm sein persönliches Verhältnis zu Gott über alles ging, ein reines Gewissen war sein höchstes Gut. Ich glaube, dass er erleichtert war, als ich den Kopf schüttelte. »Tut mir Leid«, sagte ich. »Wir ziehen sämtliche Register.«
   Ich musste ihm zugute halten, dass er mich nicht weiter unter Druck setzte. Er nickte, straffte die Schultern und machte sich wieder an die Arbeit. Wie die meisten Erlöser fühlte er sich im tiefsten Innern nur dann wohl, wenn er wusste, dass er für seinen Mut und seine Überzeugungen ein wenig leiden würde. »Das ist noch nicht alles. Zu allem Überfluss habe ich meine Kaffeepause darauf verwendet, dem anonymen Tipp nachzugehen.«
   Es war mehr als beunruhigend, wie leicht es für die Polizei war, an angeblich vertrauliche Informationen heranzukommen. »Und was haben Sie herausgefunden?«
   »Sie werden es kaum glauben ... hinter Tränen verbirgt sich oft die größte Verbitterung.«
   »Celia!« Rolly grinste und nickte – meine Überraschung schien ihm Spaß zu machen. Also, so was: die verratene Unschuld! Sie hatte Mask verpfiffen. Ein großer Mann, hatte Delaney gesagt, und wir spielen um seine Kleider. Celia hatte ihm als Einzige widersprochen. Und dann der Hinweis, dass sie einen Anwalt nehmen sollte, bevor sie weitersprach ... »Es wäre nett, wenn Sie mir diese Anschuldigungen baldmöglichst weiterleiten könnten. Wann wird das Testament verlesen?«
   Rolly brummte missmutig. »Morgen. Mask war nicht arm. Falls wir noch Motive benötigen ...« Der Löffel klapperte gegen den Rand der Teetasse. Verbogenes Metall, ein Sinnbild der Angst. Das blasphemische Kreuz.
   Eine sonderbare Form, das Kreuz. Senkrecht verlaufende Linien. Der Zwiespalt unvereinbarer Vorstellungen. Christus als Mensch und Christus als Gott. Das Kreuz als Abbild dieses Widerspruchs. Aber ... wo hatte ich diesen gekreuzigten Leichnam schon einmal gesehen? Herr im Himmel – natürlich!
   »Jesus Maria!«, hauchte ich und setzte mich kerzengerade auf. Dabei stieß ich gegen den Tisch, und Rollys Tasse schwappte über. Tee ergoss sich auf seine Hose.
   Er fluchte und griff nach einer Handvoll Papierservietten. »Können Sie sich nicht wenigstens für eine halbe Minute zusammenreißen? Was zum Teufel ist nur mit Ihnen los?«
   »Seien Sie still und hören Sie mir gut zu. Wissen Sie noch, wie Mask dalag, als wir ihn gefunden haben?«
   »Das haben wir doch schon zigmal ...«
   »Nein, nicht sein Gesichtsausdruck«, fiel ich ihm ins Wort. Es überkam mich wie eine Offenbarung. Noch ein Puzzleteilchen: Als ich mich über den Tisch beugte, konnte ich spüren, wie das Muster mein Blut zum sieden brachte. Rolly hielt inne – er hatte begriffen, dass ich auf etwas gestoßen war. »Nicht sein Gesichtsausdruck – seine Körperhaltung!«
   Der Schauspieler sitzt in seiner Garderobe. Die Tür geht auf und der Mörder kommt herein. Der Schauspieler erblasst unter seiner scharlachroten Maske, als er die Bedeutung des Gegenstandes erfasst, den der Mörder in der Hand hält. Schließlich versucht er, sein Kostüm auszuziehen. Lange bevor ihm das gelingt, sucht der Tod sein Herz heim und lässt sein Gesicht erstarren, als hätte er die Hölle gesehen.
   Rollys Augen waren zu Schlitzen geworden. »Und?«
   »Ich habe es, ich habe es.« Ich lehnte mich auf dem Stuhl zurück und grinste wie verrückt. »Wenn Sie nicht gewusst hätten, was mit dem Kostüm los was, was hätten Sie dann gedacht, als Sie die Leiche sahen?«
   Für einen fetten Mann in einem cremefarbenen Anzug war Rolly verdammt schnell von Begriff. »Ein Taserkreuz!«, flüsterte er.
   »Ja. Ein Taserkreuz.«
   Er holte das Telefon aus seiner Jackentasche und tippte eine vierstellige Nummer ein. »Dory? Hauptmann French. Ich brauche Informationen, und zwar schnell. Schicken Sie ein paar Männer in Masks Garderobe, sie sollen nach einem Taser suchen – möglicherweise ist er versteckt worden. Und finden Sie heraus, welche der Verdächtigen einen bei sich tragen. Lassen Sie alles beschlagnahmen.«
   »So muss es gewesen sein«, sagte ich. »Natürlich hat er nicht den Finger in die Steckdose gesteckt. Jemand hat mit einem Taser auf ihn geschossen, und dabei ist der Kondensator durchgebrannt.« Ich aß meinen Käsekringel auf und spürte, wie sich mein Körper für die Jagd bereitmachte. Ach, diese Anspannung war ein gutes Gefühl. Ich hatte eine Fährte, und die winzigen Bruchstücke, die jedes für sich sinnlos waren, würden zwangsläufig ein erkennbares Ganzes ergeben.
   »Allmählich kommen wir weiter«, murmelte Rolly. »Mir wäre lieber, Sie würden sich irren, Fletcher, aber ich habe das Gefühl, wir sind auf der richtigen Spur. Wenn wir jetzt noch etwas finden, das auf den Gebrauch eines Tasers hinweist, wissen wir mit Sicherheit, dass Mask ermordet wurde. Allerdings wissen wir dann immer noch nicht, von wem.«
   Ich machte eine ausholende Handbewegung. »Wo ist Ihr Gottvertrauen, Hauptmann? Schließlich hat der Herr uns nach seinem Bilde geschaffen, und unsere folgenreichen Taten hinterlassen stets deutliche Spuren. Wenn ich alle Einzelheiten über den Mord weiß, kenne ich auch den Mörder.« Rolly schenkte mir sein skeptischstes Stirnrunzeln. »Wir müssen in die Fußstapfen des Mörders treten. Dann wissen wir, wohin er sich wendet und warum.« Rolly verdrehte die Augen, und ich lachte. »Das ist wirklich elementar, mein lieber Hauptmann.«
   In einem Anfall guter Laune lud ich ihn zum Nachtisch ein.

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Grafik: Thomas Thiemeyer

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Deutsche Erstveröffentlichung • Gewinner des Aurora Award
Originaltitel: Passion Play
© 1992 by Sean Stewart. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors. [Thanks, Sean!]
Übersetzung © 2003 Hannes Riffel [Vorlage: Ace Books, December 1993]
Lektorat: Harald Niesche • Redaktion: Sara Schade

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Siehe auch
Sean Stewart, Schwester des Sturms (Clouds End • 1996) [Romanauszug]
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