ALIEN CONTACT

Michael Szameit

Happy Independence Day

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Es war wie das Brausen der Brandung am Strand von Coolingspring, einst Kühlungsborn genannt: Ein auf- und abschwellender Ton aus zigtausend Menschenkehlen, weit weg. Vom Platz der Unabhängigkeit, der früher einmal Alexanderplatz hieß, kam dieses Rauschen. Über der Stadt lag eine Spannung wie knisternde Elektrizität.
   Mike fröstelte. Heute würde es geschehen, das war sicher. Heute würde Blut fließen. Die neue Regierung hatte in den Nebenstraßen bereits ihre Truppen zusammengezogen, die Schlägergarde der DOAF lauerte mit deutlichen Zeichen von Ungeduld auf den Einsatzbefehl.
   Sollten sie doch. Er würde in Henrys Burgerbude an der Theke stehen und sich mal so richtig die Kante geben. Mindestens zwanzig Pappbecher, hatte er sich vorgenommen. Fünf Liter Bier. Huahhh -- er schüttelte sich unter einem Schauer wohliger Vorfreude. Diesmal würde er auf der Schwarzen Börse nicht mitbieten. Sobald sein kleines Geschäftchen gelaufen war, würde er sich angemessen besaufen. Im Päckchen, das er gegen die Rippen gepreßt hielt, klimperte etwas.
   Eine kleine Gruppe Antiamerikanisten kam die Fifth Avenue heraufmarschiert. Unbewaffnet. Diese Idioten gingen prinzipiell unbewaffnet auf die Straße. Ließen sich lieber zusammenschießen, als selbst Gewalt anzuwenden. Eben Idioten.
   »Ei-ei-ei Frank Norton -- Frank Norton aller Orten.«
   Sie riefen im Chor diesen beliebten Spottvers auf den Geheimdienstchef der DOAF. Danach spritzten sie flink auseinander und verschwanden im Leiberchaos der hunderttausend Schaulustigen, die zum Platz der Unabhängigkeit drängten.
   Weshalb Polizei und Geheimdienst auf diesen albernen Sprechchor, dessen dunkle Anspielung auf einen bekannten Eierlikör sich Mike einfach nicht erschließen wollte, jedesmal so wütend reagierten, war ihm rätselhaft. Es klang doch viel eher nach einem albernen Abzählreim als nach einer politischen Offenbarung. Schon deshalb mochte er die Antiamerikanisten nicht. Sie sprudelten ständig nur Seifenblasen hervor und taten dann so, als hätten sie soeben zum Sturz der DOAF-Regierung aufgerufen.
   Aber noch weniger mochte er die Menge, die sich durch die Straßen wälzte, um die Schlacht zwischen Antis und DOAFs mit eigenen Augen zu sehen. Alle wollten dabei sein, wenn Blut über den grauen Beton des Pflasters floß. Sie wollten es riechen und schmecken, sie wollten die Spritzer des fremden Bluts auf ihrem Gesicht spüren. Nicht in der Virtualität erleben, die ihnen der iiiChip in die Nervenbahnen speiste -- nein, diesmal wollten sie auf eigenen Füßen durch die Blutlachen schlurfen. Viele von ihnen würden unter dem Schutz der DOAF-Knüppel selbst Jagd auf Demonstranten machen, ihnen die Schädel einschlagen und das Gedärm aus dem Leib treten.
   Wie zäher Schleim ergossen sie sich über Newnew York, schwitzend und ächzend vor Erwartung. Mike empfand für diese schreckliche Amöbe aus unzähligen sensationsgierigen Gaffern nur einen dumpfen, doch eher unentschlossenen Haß.
   Die Antiamerikanisten waren verschwunden, bevor sich eine DOAF-Einsatzgruppe zum Angriff formieren konnte.
   »Spinatburger ist doch wirklich geil«, sagte plötzlich jemand völlig zusammenhanglos und unerwartet direkt neben ihm. Mike nahm es nur beiläufig wahr. In so einem Gewühl drangen einem ständig irgendwelche Gesprächsfetzen ans Ohr. Normalerweise registrierte sein Bewußtsein das überhaupt nicht. Aber heute waren seine Sinne überwach. Sein Gehör fing Töne auf, die Mike fremd und unheimlich waren. Besonders dieses giftige Zischeln, das wie Nebel über der Gaffer-Amöbe schwebte ... Ein ganz anderes Geräusch als das machtvolle Brausen aus Richtung Stadtzentrum. Wie von abertausend Schlangen.
   Vorsorglich rückte Mike sein Koppel zurecht und öffnete den Klettverschluß der Pistolentasche, um -- sollte es nötig sein -- blitzschnell die 48er Trumpet ziehen zu können. Sicher ist sicher.
   Dann preßte er den Ellenbogen noch fester gegen das Päckchen unter seinem Arm. Es klirrte wieder leise. Auf der anderen Straßenseite lief ein dürres Männlein mit den Armen rudernd am Bordstein entlang. Mike gab sich den Anschein, als würde er Max nicht bemerken. Seit Max ihm das Leben gerettet hatte, wich Mike jeder Begegnung aus. Er konnte sich selbst nicht erklären, weshalb er statt Dankbarkeit einen heftigen Widerwillen gegen seinen Schutzengel empfand.
   »Happy Independence Day!« krähte Max von der anderen Straßenseite herüber.
   »Jaja, du mich auch ...« Mike hatte es nur leise vor sich hin gebrummt. Trotzdem reagierte der iiiChip sofort. »Drei Minuspunkte wegen Verstoß gegen Paragraph 33.«
   »Scheiße!« fauchte Mike. Darauf verkündete der iiiChip ungerührt: »Ein Minuspunkt wegen Verstoß gegen Paragraph 33.«
   Anfangs fand er das Leben mit diesem Interaktiven Integrations-Implantat ziemlich aufregend: Früher mußte Mike während der elend langen Fahrt ins Büro immer die Aktentasche vor das Pixplay halten, damit die anderen Fahrgäste nichts von seiner geheimen Leidenschaft mitbekamen. Jetzt konnte er sich die allerneuesten Pornos vom iiiChip direkt ins Gehirn einspielen lassen -- Waaaaahhhnsinn! Inzwischen wußte er auch, was das Zucken der Augen und das heftige Schnaufen bei den anderen Fahrgästen der Labyrinthbahn zu bedeuten hatte, und ab und zu grinste er einen der anderen auch mal bedeutungsvoll an. Normalerweise bekam der Angegrinste dann eine sehr gesunde Gesichtsfarbe.
   »Spinatburger ist doch wirklich geil!«
   Mike hatte keine Zeit, über diesen ungemein geistvollen Monolog nachzudenken, weil er gerade einen etwa achtjährigen Knirps zur Seite treten mußte, der ihm irgendwie vor die Füße geraten war.
   Spinatburger -- Quatsch! Nichts war ekliger als diese grüne Pampe. Woher war dieser Schwachsinn überhaupt gekommen? Sein Blick irrte durch das Geflacker der Werbeflächen an den Häuserwänden, aber er konnte den Blödmann nicht entdecken, der so lauthals über seine Vorliebe für gentechnologisch veredelte Kuhscheiße philosophierte.
   Dafür spürte er aus den Augenwinkeln heraus ein echtes Unheil nahen: Max sprintete über die Straße, hieb sich mit einem Butterflymesser eine Gasse durch das Leibergedränge und blieb schwer atmend vor Mike stehen.
   »Happy Independence Day, Alter!«

Ein Minuspunkt für das Wort »Alter«, dachte Mike schadenfroh, dann klemmte er das Päckchen unter seinem Arm unwillkürlich noch fester gegen die Rippen.
   »Wott duhjuh hier?« Max sprach ein gräßliches Englisch. Aber das war Mike nur ein schwacher Trost: Seine eigenen Kenntnisse der gesetzlich vorgeschriebenen Amts- und Verkehrssprache im US-Bundesstaat Germany reichten gerade aus, um nicht einer DOAF-Streife aufzufallen.
   Das war für ihn alles viel zu schnell gegangen: Kaum hatten diese Idioten von der Deutschen Offiziellen Amerikanisierungs-Front -- auf höchst rätselhafte Weise! -- die Wahl gewonnen, da hatten sie auch schon den Anschluß an die Vereinigten Staaten unter Dach und Fach. Ruckzuck war Deutschland auf einmal der siebenundachtzigste Taubenschiß auf dieser potthäßlichen Flagge mit den Streifen und Sternen. Und jetzt liefen überall DOAF-Streifen rum und droschen auf jeden ein, dem versehentlich ein deutsches Wort über die Lippen rutschte. Wenn gerade mal keine DOAF-Streife da war, registrierte dieser verfluchte iiiChip jeden Verstoß gegen Paragraph 33. Da konnte man senkrecht in die Luft kotzen!
   »Spinatburger ist doch wirklich geil!«
   Mike schaute sich verunsichert um. Wurde er von einem durchgeknallten Psychotypen verfolgt? Igittigitt -- Spinatburger. Sowas essen doch wirklich nur Idioten!
   Max schien nichts gehört zu haben. »Wott duhjuh hier?« wiederholte er geduldig und wischte mit einem Stück Papier das Blut von seinem Messer. Dann deutete auf Mikes Päckchen.
   »Wott dujuh häff in zis bägg?« In seinen Augen leuchtete diese Art von Neugier, mit der ein Tiger das neugeborene Zebrafohlen mustert.
   Mike wurde siedendheiß. Er stotterte etwas von altem Trödel, den er auf der Schwarzen Börse verhökern wollte. Seine Ohrmuscheln wurden dabei so heiß wie Waffeleisen. Sollte ihn eine DOAF-Streife mit diesem Päckchen erwischen, dann hatte er mindestens eine Anzeige wegen chauvinistischem Germanismus an der Backe, und wenn alles schlecht lief, würde man ihn sogar wegen subversivem Antiamerikanismus anklagen. Dann war er erledigt. Antiamerikanismus war Vaterlandsverrat.

Ein wahrer Deutscher ist im tiefsten Grunde seiner Seele amerikanisch. So stand es in Artikel Eins der Anschluß-Deklaration. Deutsche hätten schon immer die Überlegenheit der im Ringen mit sich selbst gewachsenen amerikanischen Kultur anerkannt und mit Freuden den Ballast ihrer sprunghaft-widersprüchlichen Geschichte über Bord geworfen.
   »Spinatburger ist doch wirklich geil!«
   »Das nervt!« Mike fuhr herum, um denjenigen zu erwischen, der ihm ständig diesen Schwachsinn ins Ohr grunzte. Während er ausholte, um dem Mann, der gerade an ihm vorbeiging, entschlossen die Handkante über die Lippen zu dreschen, erklärte der iiiChip sachlich: » Zwei Minuspunkte wegen Verstoß gegen Paragraph 33. Ihr Freipunktekonto beträgt jetzt fünf. Bei Überschreitung des Limits werden Sanktionen verhängt.«
   Mike verfluchte den Tag, an dem er sich zu dieser Operation hatte überreden lassen. Was hatten sie ihm von den Vorteilen des iiiChip vorgeschwärmt: Ständiger Zugriff auf alle nur denkbaren Virtualitäten, 24 Stunden am Tag vernetzt, alle Inhalte hundert Prozent gefühlsecht -- das war ihm 99.999 Eddies wert gewesen. Damals hatte der Eurodollar sowieso nur einen Kurs von eins zu acht gehabt, das waren umgerechnet ein bißchen über zehntausend US-Dollar. Und jetzt hatte er diesen Scheiß-iiiChip im Kopf, der ihm zwar die heißesten Sexvideos mitten ins Gehirn projizierte, ihm aber auch jeden Tag Minuspunkte für verbalen Nationalismus verpaßte. Das wurde auch nicht durch die mit dem iiiChip verdrahtete Augenprothese aufgewogen -- mit einem Auge war er auch ganz ordentlich zurechtgekommen. Vor allem: Nur vier Monate später wurden die Chips für neun Eddies neunundneunzig verschleudert. Jeder Prolo konnte sich jetzt so ein Ding leisten! Einfach nicht zu fassen. Seine ganzen Ersparnisse weg für nichts und wieder nichts.
   Und außerdem hätten die Kids ihn nicht überfallen, wenn er die vier Monate gewartet hätte. Für schlappe zehn Eddies hätten sie sich nicht in die Schrotladungen aus seiner 48er Trumpet gestürzt. Und er hätte noch beide Augen. Beschissen gelaufen.
   Er strich sich mit einer ärgerlichen Geste die roten Haare aus der Stirn. Dabei berührten seine Finger kurz die Narbe über der rechten Braue. Das hatte der Chirurg nicht hingekriegt, dazu war der Riß im Knochen zu tief gewesen. Mike hatte damals nicht bemerkt, wie sich noch zwei andere Kinder von hinten an ihn herangeschlichen hatten. Den beiden, die ihn frontal angriffen, um ihm den iiiChip aus dem Gehirn zu schnippeln, hatte er die Schrotladungen voll auf die Sechs geballert. Mann, da waren bloß noch zwei Riesenlöcher, wo die vorher ihre Eier hatten. So eine Trumpet ist ein echtes Teufelsding.
   Vor den anderen beiden hatte ihn in allerletzter Sekunde ausgerechnet Max gerettet. Da hatten sie ihm schon das Auge ausgestochen und versucht, mit dem Messer an den Chip zu kommen. Bastarde.
   Ein Wunder nur, daß Max sich den Chip nicht geschnappt hatte. Ein echtes Wunder. Der mußte den iiiChip völlig vergessen haben.
   Das dumpfe Brausen der menschlichen Brandung, die in konzentrischen Wellen gegen den Platz der Unabhängigkeit anrollte, klang immer mächtiger.
   Weiter vorn prügelte sich ein DOAF-Trupp durch die Menschenklumpen und hetzte einen jungen Mann mit einem schwarzrotgoldenen Stirnband auf die Straße. Der Junge hatte ein Bündel Flugblätter unter die Menschen geworfen. Das Geschehen beanspruchte Max’ Aufmerksamkeit und lenkte ihn von Mikes geheimnisvollem Päckchen ab. Als es dumpf knallte, ein Lastkraftschweber in die gegenüberliegende Spur schleuderte und der Körper des jungen Nationalisten durch die Luft wirbelte, johlte die Menge begeistert auf und klatschte Beifall.
   »Spinatburger ist doch wirklich geil!«
   Diesmal nahm Mike die aufdringlichen Worte kaum wahr. Max war wieselflink zur Unfallstelle gehuscht und hatte sich das Stirnband gegriffen.

Saugefährlich! Wenn die DOAF-Köppe das mitgekriegt haben, machen sie ihn fertig, dachte Mike, und er empfand für wenige Sekunden so etwas wie Respekt vor diesem kleinen, schmierigen Tauschhändler, der einem alles besorgen konnte, was auf dem Index stand. Warum Max so gierig auf das Päckchen gestarrt hatte, war Mike völlig klar. Diese kleine Ratte witterte mit ihrem feinen Instinkt alles, was die Razzien der Großen Säuberung überstanden hatte.
   Genauso flink, wie er davongehuscht war, glitschte Max wieder aus dem Trubel und stand plötzlich neben Mike.
   »Original blood!« schniefte er entzückt und zeigte auf einen dunkelroten, feuchten Fleck. Er hatte das Stirnband in eines der Flugblätter gewickelt, und Mike konnte lesen: Ei-ei-ei Frank Norton -- Frank Norton aller Orten!
   Schon wieder dieser saudämliche Spottvers. Und dafür hatte sich dieser arme Schwachkopf vor einen Lastkraftschweber jagen lassen. Mann, die ticken doch nicht richtig, diese Antis!
   Max strahlte vor Glückseligkeit. Diese Trophäe würde auf der Schwarzen Börse einen Tumult auslösen. Wenn er hartnäckig handelte, konnte Max vom Erlös ein paar Wochen leben. Vielleicht würde er das Antistirnband auch versteigern lassen -- das könnte noch mehr bringen.
   Aber Mike hatte diesmal etwas ungleich Wertvolleres: eine echte Reliquie. Wenn Max wüßte, was er da unter dem Arm trug, würde er ihm ohne Zögern das Butterflymesser zwischen die Rippen rammen. Das Päckchen wollte Mike auch nicht auf der Schwarzen Börse verhökern. Die Börse war nur der Treffpunkt. Das Päckchen war für die Antiamerikanisten, die Spinner würden dafür mindestens zehntausend Eddies rüberwachsen lassen. Daß die Ware für die Antis war, machte ihm übrigens keine Probleme. Man konnte auch mit jemandem Geschäfte machen, den man für außerordentlich bescheuert hielt. Meistens waren das sogar ziemlich gute Geschäfte.
   Das Päckchen würde ihm zehntausend Eddies bringen. Keine Frage. Dagegen war Max’ Frischblut-Trophäe Firlefanz.
   »Spinatburger ist doch wirklich geil!«
   Die DOAFs bewegten sich nun auf Mike und Max zu, deshalb hatte Mike keine Zeit, lange nach dem bescheuerten Spinatburger-Fan Ausschau zu halten. Vielleicht waren es ja auch nur Halluzinationen. Seit Tagen beschäftigte ihn das Treffen mit dem Anti bei Burger-Henry, und natürlich gab es bei Henry auch diesen widerwärtigen Spinatburger. Sicherlich spielte ihm sein Unterbewußtsein einen Streich.
   Max gab ihm ein Zeichen, ihm zu folgen. Sie schlängelten sich durch den Brei aus Menschenleibern, der sich die Fifth Avenue hinaufwälzte wie eine gigantische Amöbe.

Voriges Jahr hieß das hier noch Frankfurter Allee, dachte Mike. So schnell kann das gehen, mannmann.
   Die harten Blicke der DOAFs strichen über sie hinweg, ohne sie wahrzunehmen. Mike flößten solche Blicke automatisch ein unkontrollierbares Schuldbewußtsein ein. Das war schon in frühester Kindheit so gewesen: Wenn andere etwas ausgefressen hatten, bekam er den roten Kopf unter dem strengen Blick des Lehrers und galt als überführt. Dadurch wurde es immer schlimmer. Mit jeder unverdienten Strafe wurde die Angst größer und seine Reaktion auf diese Art Blicke zu einer Art Naturgesetz: unausweichlich, übermächtig, ewig.
   Diesmal aber hatte er sich wirklich schuldig gemacht. Und seltsamerweise war er diesmal vergleichsweise ruhig.
   Die beiden huschten durch die Gullidämpfe der Hundertachtundzwanzigsten und bogen in das gefährliche Dunkel der Siebenundvierzigsten ein. Im Flackern der allgegenwärtigen Werbebotschaften war das grüne Laserleuchten über Henrys Burgerbude bereits von weitem zu sehen. Daß ausgerechnet diese Bude zum Treff der Schwarzen Börse geworden war, lag an Henrys Mikrowelle: Das Gerät war nicht entstört und blockierte die iiiChips. Bisher mußte das den DOAF-Streifen entgangen sein.
   Der Anti wartete schon auf Mike. Sie verdrückten sich aufs Klo, und Mike wickelte die beiden Flaschen aus dem grauen Packpapier.
   »Tatsächlich, richtiger Verpoorten -- die Flaschen sind echt«, hauchte der Abgesandte der Antiamerikanisten fassungslos. »Mann, wird das ein Feuerwerk! Die werden sich wundern ...«
   »Bei mir wird zuverlässig geliefert. Zufriedene Kunden sind die beste Werbung.« Mike genoß es, Deutsch sprechen zu dürfen, ohne dass der iiiChip postwendend Strafpunkte verteilte. Jaja, diese Mikrowelle in Henrys Küche war nicht mit Gold aufzuwiegen.
   Aus dem Gastraum der Burgerbude drang der Lärm einer Versteigerung. Deshalb hatten sie sich auf das Klo verzogen. Während einer Versteigerung der sicherste Platz, denn jeder Besucher der Schwarzen Börse würde sich lieber die Hose vollpinkeln als auch nur eine einzige Reliquie oder Trophäe zu verpassen. Offenbar war gerade das Stirnband an der Reihe. Burger-Henry war ein gewiefter Geschäftsmann. Ohne die Schwarze Börse würde seine Burgerbude nicht halb so gut laufen. Es hieß, er würde bei den DOAF-Streifen ordentlich abdrücken, damit die einen Bogen um seinen Laden machten.
   Als der Antiamerikanist verschwunden war, zählte Mike noch einmal ganz bedächtig die Scheine und grinste zufrieden. Das Risiko hatte sich gelohnt: Zwölftausend Eddies, sechs pro Flasche. Der Anti hatte mit keiner Wimper gezuckt und das Geld hingeblättert. Keine Ahnung, weshalb die ausgerechnet auf diesen Eierlikör so scharf waren -- aber eigentlich interessierte ihn das ungefähr so sehr wie die Fliegenkleckse über Henrys Mikrowelle.
   Mike verstaute das Geld in einer Plastiktüte, die er sich um den linken Unterarm wickelte und mit Tape festklebte. Dann stieß er die Tür zum Gastraum auf und kämpfte sich durch die Rauchschwaden bis an die Theke vor.
   »He, Henry -- einen Spinatburger ...«
   Er hatte es ausgesprochen. Er hatte diesen Scheißsatz ausgesprochen -- und nun stand der Teller mit der dampfenden grünlich-schleimigen Pampe vor seiner Nase. Mike blickte fassungslos in Henrys zufriedenes Grinsen.
   »Spinatburger ist doch wirklich geil!« Henry sagte es mit einer seltsamen Heiterkeit und lächelte glücklich. Dann zeigte er auf ein kleines mattsilbernes Kästchen unter der Theke und raunte: »Hat Max mir besorgt. Klappt echt geil. Heute wollen alle Spinatburger.«
   Während Mike leere Bierbecher stapelte, dachte er angestrengt darüber nach, was das Kästchen mit dem Spinatburger zu tun haben könnte, aber auch der steigende Alkoholspiegel brachte ihn der Lösung keinen Schritt näher.
   Draußen hatte sich das Brausen, das der auffrischende Wind vom Platz der Unabhängigkeit herüberwehte, zu einem donnernden Tosen gesteigert. Vereinzelt durchbrachen Schüsse diesen gräßlichen Lärm.
   Aber Mike interessierte das nicht mehr. Er hatte gerade den vierzehnten Pappbecher am Wickel und fühlte sich sauwohl.
   »Happy Independence Day!« lallte er und gab eine Saalrunde.
   Am nächsten Morgen erwachte er vom Piepen des iiiChips und spürte gleich, daß das Gewicht seines Schädels der Zahl der ineinandergestapelten Pappbecher durchaus angemessen war.
   »Oh Mann ...«, brummte er.
   »Zwei Minuspunkte wegen Verstoß gegen Paragraph 33«. begrüßte ihn der iiiChip.
   Dann spürte Mike, wie der Chip programmgemäß in den Nachrichten-Modus schaltete.
   »Achtung, Fahndung! Achtung, Fahndung! Antiamerikanistische Terroristen verübten am Abend des Independence Day ein Attentat auf den Chef des DOAF-Geheimdienstes, Admiral Frank Norton. Sie warfen zwei Brandflaschen auf das Fahrzeug Admiral Nortons, als dieser vorfuhr, um auf dem Platz der Unabhängigkeit die Festrede zu halten. Admiral Norton wurde nur leicht verletzt, die Terroristen wurden auf der Flucht erschossen. Im Zusammenhang mit diesem abscheulichen Verbrechen wird ein Mann gesucht, der den Terroristen bei der Beschaffung der Brandflaschen behilflich war. Beschreibung: Ungefähr ein Meter fünfundsiebzig, rotes Haar, rechtsseitige Augenprothese der Firma Makrohard, darüber eine auffällige große Narbe. Wer sachdienliche Hinweise geben kann -- «
   Mike stand starr vor dem Spiegel. Die Hand, in der er den Rasierer hielt, zitterte. Er konnte nur eins denken.
   Weshalb brauchten diese antiamerikanistischen Idioten dazu unbedingt diese bescheuerten Eierlikörflaschen??? Diese verdammten Idioten!!! Jede andere Flasche hätte es doch auch getan!
   Dann hörte er, wie mindestens zwei Dutzend Nagelstiefel die Treppe zu seiner Wohnung hinaufpolterten.
   Spinatburger ist doch wirklich geil!
   Ei-ei-ei Frank Norton -- Frank Norton aller Orten ...

© 2000 by Michael Szameit • erschienen in ALIEN CONTACT 39

 
 
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