Es war wie das
Brausen der Brandung am Strand von Coolingspring, einst Kühlungsborn genannt: Ein auf-
und abschwellender Ton aus zigtausend Menschenkehlen, weit weg. Vom Platz der
Unabhängigkeit, der früher einmal Alexanderplatz hieß, kam dieses Rauschen. Über der
Stadt lag eine Spannung wie knisternde Elektrizität.
Mike fröstelte. Heute würde es geschehen, das war sicher. Heute würde
Blut fließen. Die neue Regierung hatte in den Nebenstraßen bereits ihre Truppen
zusammengezogen, die Schlägergarde der DOAF lauerte mit deutlichen Zeichen von Ungeduld
auf den Einsatzbefehl.
Sollten sie doch. Er würde in Henrys Burgerbude an der Theke stehen und
sich mal so richtig die Kante geben. Mindestens zwanzig Pappbecher, hatte er sich
vorgenommen. Fünf Liter Bier. Huahhh -- er schüttelte sich unter einem Schauer wohliger
Vorfreude. Diesmal würde er auf der Schwarzen Börse nicht mitbieten. Sobald sein kleines
Geschäftchen gelaufen war, würde er sich angemessen besaufen. Im Päckchen, das er gegen
die Rippen gepreßt hielt, klimperte etwas.
Eine kleine Gruppe Antiamerikanisten kam die Fifth Avenue
heraufmarschiert. Unbewaffnet. Diese Idioten gingen prinzipiell unbewaffnet auf die
Straße. Ließen sich lieber zusammenschießen, als selbst Gewalt anzuwenden. Eben
Idioten.
»Ei-ei-ei Frank Norton -- Frank Norton aller Orten.«
Sie riefen im Chor diesen beliebten Spottvers auf den Geheimdienstchef
der DOAF. Danach spritzten sie flink auseinander und verschwanden im Leiberchaos der
hunderttausend Schaulustigen, die zum Platz der Unabhängigkeit drängten.
Weshalb Polizei und Geheimdienst auf diesen albernen Sprechchor, dessen
dunkle Anspielung auf einen bekannten Eierlikör sich Mike einfach nicht erschließen
wollte, jedesmal so wütend reagierten, war ihm rätselhaft. Es klang doch viel eher nach
einem albernen Abzählreim als nach einer politischen Offenbarung. Schon deshalb mochte er
die Antiamerikanisten nicht. Sie sprudelten ständig nur Seifenblasen hervor und taten
dann so, als hätten sie soeben zum Sturz der DOAF-Regierung aufgerufen.
Aber noch weniger mochte er die Menge, die sich durch die Straßen
wälzte, um die Schlacht zwischen Antis und DOAFs mit eigenen Augen zu sehen. Alle wollten
dabei sein, wenn Blut über den grauen Beton des Pflasters floß. Sie wollten es riechen
und schmecken, sie wollten die Spritzer des fremden Bluts auf ihrem Gesicht spüren. Nicht
in der Virtualität erleben, die ihnen der iiiChip in die Nervenbahnen speiste -- nein,
diesmal wollten sie auf eigenen Füßen durch die Blutlachen schlurfen. Viele von ihnen
würden unter dem Schutz der DOAF-Knüppel selbst Jagd auf Demonstranten machen, ihnen die
Schädel einschlagen und das Gedärm aus dem Leib treten.
Wie zäher Schleim ergossen sie sich über Newnew York, schwitzend und
ächzend vor Erwartung. Mike empfand für diese schreckliche Amöbe aus unzähligen
sensationsgierigen Gaffern nur einen dumpfen, doch eher unentschlossenen Haß.
Die Antiamerikanisten waren verschwunden, bevor sich eine
DOAF-Einsatzgruppe zum Angriff formieren konnte.
»Spinatburger ist doch wirklich geil«, sagte plötzlich jemand völlig
zusammenhanglos und unerwartet direkt neben ihm. Mike nahm es nur beiläufig wahr. In so
einem Gewühl drangen einem ständig irgendwelche Gesprächsfetzen ans Ohr. Normalerweise
registrierte sein Bewußtsein das überhaupt nicht. Aber heute waren seine Sinne
überwach. Sein Gehör fing Töne auf, die Mike fremd und unheimlich waren. Besonders
dieses giftige Zischeln, das wie Nebel über der Gaffer-Amöbe schwebte ... Ein ganz
anderes Geräusch als das machtvolle Brausen aus Richtung Stadtzentrum. Wie von
abertausend Schlangen.
Vorsorglich rückte Mike sein Koppel zurecht und öffnete den
Klettverschluß der Pistolentasche, um -- sollte es nötig sein -- blitzschnell die 48er
Trumpet ziehen zu können. Sicher ist sicher.
Dann preßte er den Ellenbogen noch fester gegen das Päckchen unter
seinem Arm. Es klirrte wieder leise. Auf der anderen Straßenseite lief ein dürres
Männlein mit den Armen rudernd am Bordstein entlang. Mike gab sich den Anschein, als
würde er Max nicht bemerken. Seit Max ihm das Leben gerettet hatte, wich Mike jeder
Begegnung aus. Er konnte sich selbst nicht erklären, weshalb er statt Dankbarkeit einen
heftigen Widerwillen gegen seinen Schutzengel empfand.
»Happy Independence Day!« krähte Max von der anderen Straßenseite
herüber.
»Jaja, du mich auch ...« Mike hatte es nur leise vor sich hin
gebrummt. Trotzdem reagierte der iiiChip sofort. »Drei Minuspunkte wegen Verstoß gegen
Paragraph 33.«
»Scheiße!« fauchte Mike. Darauf verkündete der iiiChip ungerührt:
»Ein Minuspunkt wegen Verstoß gegen Paragraph 33.«
Anfangs fand er das Leben mit diesem Interaktiven Integrations-Implantat
ziemlich aufregend: Früher mußte Mike während der elend langen Fahrt ins Büro immer
die Aktentasche vor das Pixplay halten, damit die anderen Fahrgäste nichts von seiner
geheimen Leidenschaft mitbekamen. Jetzt konnte er sich die allerneuesten Pornos vom
iiiChip direkt ins Gehirn einspielen lassen -- Waaaaahhhnsinn! Inzwischen wußte er auch,
was das Zucken der Augen und das heftige Schnaufen bei den anderen Fahrgästen der
Labyrinthbahn zu bedeuten hatte, und ab und zu grinste er einen der anderen auch mal
bedeutungsvoll an. Normalerweise bekam der Angegrinste dann eine sehr gesunde
Gesichtsfarbe.
»Spinatburger ist doch wirklich geil!«
Mike hatte keine Zeit, über diesen ungemein geistvollen Monolog
nachzudenken, weil er gerade einen etwa achtjährigen Knirps zur Seite treten mußte, der
ihm irgendwie vor die Füße geraten war.
Spinatburger -- Quatsch! Nichts war ekliger als diese grüne Pampe.
Woher war dieser Schwachsinn überhaupt gekommen? Sein Blick irrte durch das Geflacker der
Werbeflächen an den Häuserwänden, aber er konnte den Blödmann nicht entdecken, der so
lauthals über seine Vorliebe für gentechnologisch veredelte Kuhscheiße philosophierte.
Dafür spürte er aus den Augenwinkeln heraus ein echtes Unheil nahen:
Max sprintete über die Straße, hieb sich mit einem Butterflymesser eine Gasse durch das
Leibergedränge und blieb schwer atmend vor Mike stehen.
»Happy Independence Day, Alter!«Ein Minuspunkt für das Wort
»Alter«, dachte Mike schadenfroh, dann klemmte er das Päckchen unter seinem Arm
unwillkürlich noch fester gegen die Rippen.
»Wott duhjuh hier?« Max sprach ein gräßliches Englisch. Aber das war
Mike nur ein schwacher Trost: Seine eigenen Kenntnisse der gesetzlich vorgeschriebenen
Amts- und Verkehrssprache im US-Bundesstaat Germany reichten gerade aus, um nicht einer
DOAF-Streife aufzufallen.
Das war für ihn alles viel zu schnell gegangen: Kaum hatten diese
Idioten von der Deutschen Offiziellen Amerikanisierungs-Front -- auf höchst rätselhafte
Weise! -- die Wahl gewonnen, da hatten sie auch schon den Anschluß an die Vereinigten
Staaten unter Dach und Fach. Ruckzuck war Deutschland auf einmal der siebenundachtzigste
Taubenschiß auf dieser potthäßlichen Flagge mit den Streifen und Sternen. Und jetzt
liefen überall DOAF-Streifen rum und droschen auf jeden ein, dem versehentlich ein
deutsches Wort über die Lippen rutschte. Wenn gerade mal keine DOAF-Streife da war,
registrierte dieser verfluchte iiiChip jeden Verstoß gegen Paragraph 33. Da konnte man
senkrecht in die Luft kotzen!
»Spinatburger ist doch wirklich geil!«
Mike schaute sich verunsichert um. Wurde er von einem durchgeknallten
Psychotypen verfolgt? Igittigitt -- Spinatburger. Sowas essen doch wirklich nur Idioten!
Max schien nichts gehört zu haben. »Wott duhjuh hier?« wiederholte er
geduldig und wischte mit einem Stück Papier das Blut von seinem Messer. Dann deutete auf
Mikes Päckchen.
»Wott dujuh häff in zis bägg?« In seinen Augen leuchtete diese Art
von Neugier, mit der ein Tiger das neugeborene Zebrafohlen mustert.
Mike wurde siedendheiß. Er stotterte etwas von altem Trödel, den er
auf der Schwarzen Börse verhökern wollte. Seine Ohrmuscheln wurden dabei so heiß wie
Waffeleisen. Sollte ihn eine DOAF-Streife mit diesem Päckchen erwischen, dann hatte er
mindestens eine Anzeige wegen chauvinistischem Germanismus an der Backe, und wenn alles
schlecht lief, würde man ihn sogar wegen subversivem Antiamerikanismus anklagen. Dann war
er erledigt. Antiamerikanismus war Vaterlandsverrat.
Ein wahrer Deutscher ist im tiefsten Grunde seiner Seele amerikanisch. So
stand es in Artikel Eins der Anschluß-Deklaration. Deutsche hätten schon immer die
Überlegenheit der im Ringen mit sich selbst gewachsenen amerikanischen Kultur anerkannt
und mit Freuden den Ballast ihrer sprunghaft-widersprüchlichen Geschichte über Bord
geworfen.
»Spinatburger ist doch wirklich geil!«
»Das nervt!« Mike fuhr herum, um denjenigen zu erwischen, der ihm
ständig diesen Schwachsinn ins Ohr grunzte. Während er ausholte, um dem Mann, der gerade
an ihm vorbeiging, entschlossen die Handkante über die Lippen zu dreschen, erklärte der
iiiChip sachlich: » Zwei Minuspunkte wegen Verstoß gegen Paragraph 33. Ihr
Freipunktekonto beträgt jetzt fünf. Bei Überschreitung des Limits werden Sanktionen
verhängt.«
Mike verfluchte den Tag, an dem er sich zu dieser Operation hatte
überreden lassen. Was hatten sie ihm von den Vorteilen des iiiChip vorgeschwärmt:
Ständiger Zugriff auf alle nur denkbaren Virtualitäten, 24 Stunden am Tag vernetzt, alle
Inhalte hundert Prozent gefühlsecht -- das war ihm 99.999 Eddies wert gewesen. Damals
hatte der Eurodollar sowieso nur einen Kurs von eins zu acht gehabt, das waren umgerechnet
ein bißchen über zehntausend US-Dollar. Und jetzt hatte er diesen Scheiß-iiiChip im
Kopf, der ihm zwar die heißesten Sexvideos mitten ins Gehirn projizierte, ihm aber auch
jeden Tag Minuspunkte für verbalen Nationalismus verpaßte. Das wurde auch nicht durch
die mit dem iiiChip verdrahtete Augenprothese aufgewogen -- mit einem Auge war er auch
ganz ordentlich zurechtgekommen. Vor allem: Nur vier Monate später wurden die Chips für
neun Eddies neunundneunzig verschleudert. Jeder Prolo konnte sich jetzt so ein Ding
leisten! Einfach nicht zu fassen. Seine ganzen Ersparnisse weg für nichts und wieder
nichts.
Und außerdem hätten die Kids ihn nicht überfallen, wenn er die vier
Monate gewartet hätte. Für schlappe zehn Eddies hätten sie sich nicht in die
Schrotladungen aus seiner 48er Trumpet gestürzt. Und er hätte noch beide Augen.
Beschissen gelaufen.
Er strich sich mit einer ärgerlichen Geste die roten Haare aus der
Stirn. Dabei berührten seine Finger kurz die Narbe über der rechten Braue. Das hatte der
Chirurg nicht hingekriegt, dazu war der Riß im Knochen zu tief gewesen. Mike hatte damals
nicht bemerkt, wie sich noch zwei andere Kinder von hinten an ihn herangeschlichen hatten.
Den beiden, die ihn frontal angriffen, um ihm den iiiChip aus dem Gehirn zu schnippeln,
hatte er die Schrotladungen voll auf die Sechs geballert. Mann, da waren bloß noch zwei
Riesenlöcher, wo die vorher ihre Eier hatten. So eine Trumpet ist ein echtes Teufelsding.
Vor den anderen beiden hatte ihn in allerletzter Sekunde ausgerechnet
Max gerettet. Da hatten sie ihm schon das Auge ausgestochen und versucht, mit dem Messer
an den Chip zu kommen. Bastarde.
Ein Wunder nur, daß Max sich den Chip nicht geschnappt hatte. Ein
echtes Wunder. Der mußte den iiiChip völlig vergessen haben.
Das dumpfe Brausen der menschlichen Brandung, die in konzentrischen
Wellen gegen den Platz der Unabhängigkeit anrollte, klang immer mächtiger.
Weiter vorn prügelte sich ein DOAF-Trupp durch die Menschenklumpen und
hetzte einen jungen Mann mit einem schwarzrotgoldenen Stirnband auf die Straße. Der Junge
hatte ein Bündel Flugblätter unter die Menschen geworfen. Das Geschehen beanspruchte
Max Aufmerksamkeit und lenkte ihn von Mikes geheimnisvollem Päckchen ab. Als es
dumpf knallte, ein Lastkraftschweber in die gegenüberliegende Spur schleuderte und der
Körper des jungen Nationalisten durch die Luft wirbelte, johlte die Menge begeistert auf
und klatschte Beifall.
»Spinatburger ist doch wirklich geil!«
Diesmal nahm Mike die aufdringlichen Worte kaum wahr. Max war
wieselflink zur Unfallstelle gehuscht und hatte sich das Stirnband gegriffen.
Saugefährlich! Wenn die DOAF-Köppe das mitgekriegt haben, machen sie ihn fertig,
dachte Mike, und er empfand für wenige Sekunden so etwas wie Respekt vor diesem kleinen,
schmierigen Tauschhändler, der einem alles besorgen konnte, was auf dem Index stand.
Warum Max so gierig auf das Päckchen gestarrt hatte, war Mike völlig klar. Diese kleine
Ratte witterte mit ihrem feinen Instinkt alles, was die Razzien der Großen Säuberung
überstanden hatte.
Genauso flink, wie er davongehuscht war, glitschte Max wieder aus dem
Trubel und stand plötzlich neben Mike.
»Original blood!« schniefte er entzückt und zeigte auf einen
dunkelroten, feuchten Fleck. Er hatte das Stirnband in eines der Flugblätter gewickelt,
und Mike konnte lesen: Ei-ei-ei Frank Norton -- Frank Norton aller Orten!
Schon wieder dieser saudämliche Spottvers. Und dafür hatte sich dieser
arme Schwachkopf vor einen Lastkraftschweber jagen lassen. Mann, die ticken doch nicht
richtig, diese Antis!
Max strahlte vor Glückseligkeit. Diese Trophäe würde auf der
Schwarzen Börse einen Tumult auslösen. Wenn er hartnäckig handelte, konnte Max vom
Erlös ein paar Wochen leben. Vielleicht würde er das Antistirnband auch versteigern
lassen -- das könnte noch mehr bringen.
Aber Mike hatte diesmal etwas ungleich Wertvolleres: eine echte
Reliquie. Wenn Max wüßte, was er da unter dem Arm trug, würde er ihm ohne Zögern das
Butterflymesser zwischen die Rippen rammen. Das Päckchen wollte Mike auch nicht auf der
Schwarzen Börse verhökern. Die Börse war nur der Treffpunkt. Das Päckchen war für die
Antiamerikanisten, die Spinner würden dafür mindestens zehntausend Eddies rüberwachsen
lassen. Daß die Ware für die Antis war, machte ihm übrigens keine Probleme. Man konnte
auch mit jemandem Geschäfte machen, den man für außerordentlich bescheuert hielt.
Meistens waren das sogar ziemlich gute Geschäfte.
Das Päckchen würde ihm zehntausend Eddies bringen. Keine Frage.
Dagegen war Max Frischblut-Trophäe Firlefanz.
»Spinatburger ist doch wirklich geil!«
Die DOAFs bewegten sich nun auf Mike und Max zu, deshalb hatte Mike
keine Zeit, lange nach dem bescheuerten Spinatburger-Fan Ausschau zu halten. Vielleicht
waren es ja auch nur Halluzinationen. Seit Tagen beschäftigte ihn das Treffen mit dem
Anti bei Burger-Henry, und natürlich gab es bei Henry auch diesen widerwärtigen
Spinatburger. Sicherlich spielte ihm sein Unterbewußtsein einen Streich.
Max gab ihm ein Zeichen, ihm zu folgen. Sie schlängelten sich durch den
Brei aus Menschenleibern, der sich die Fifth Avenue hinaufwälzte wie eine gigantische
Amöbe.
Voriges Jahr hieß das hier noch Frankfurter Allee, dachte Mike. So
schnell kann das gehen, mannmann.
Die harten Blicke der DOAFs strichen über sie hinweg, ohne sie
wahrzunehmen. Mike flößten solche Blicke automatisch ein unkontrollierbares
Schuldbewußtsein ein. Das war schon in frühester Kindheit so gewesen: Wenn andere etwas
ausgefressen hatten, bekam er den roten Kopf unter dem strengen Blick des Lehrers und galt
als überführt. Dadurch wurde es immer schlimmer. Mit jeder unverdienten Strafe wurde die
Angst größer und seine Reaktion auf diese Art Blicke zu einer Art Naturgesetz:
unausweichlich, übermächtig, ewig.
Diesmal aber hatte er sich wirklich schuldig gemacht. Und seltsamerweise
war er diesmal vergleichsweise ruhig.
Die beiden huschten durch die Gullidämpfe der Hundertachtundzwanzigsten
und bogen in das gefährliche Dunkel der Siebenundvierzigsten ein. Im Flackern der
allgegenwärtigen Werbebotschaften war das grüne Laserleuchten über Henrys Burgerbude
bereits von weitem zu sehen. Daß ausgerechnet diese Bude zum Treff der Schwarzen Börse
geworden war, lag an Henrys Mikrowelle: Das Gerät war nicht entstört und blockierte die
iiiChips. Bisher mußte das den DOAF-Streifen entgangen sein.
Der Anti wartete schon auf Mike. Sie verdrückten sich aufs Klo, und
Mike wickelte die beiden Flaschen aus dem grauen Packpapier.
»Tatsächlich, richtiger Verpoorten -- die Flaschen sind echt«,
hauchte der Abgesandte der Antiamerikanisten fassungslos. »Mann, wird das ein Feuerwerk!
Die werden sich wundern ...«
»Bei mir wird zuverlässig geliefert. Zufriedene Kunden sind die beste
Werbung.« Mike genoß es, Deutsch sprechen zu dürfen, ohne dass der iiiChip postwendend
Strafpunkte verteilte. Jaja, diese Mikrowelle in Henrys Küche war nicht mit Gold
aufzuwiegen.
Aus dem Gastraum der Burgerbude drang der Lärm einer Versteigerung.
Deshalb hatten sie sich auf das Klo verzogen. Während einer Versteigerung der sicherste
Platz, denn jeder Besucher der Schwarzen Börse würde sich lieber die Hose vollpinkeln
als auch nur eine einzige Reliquie oder Trophäe zu verpassen. Offenbar war gerade das
Stirnband an der Reihe. Burger-Henry war ein gewiefter Geschäftsmann. Ohne die Schwarze
Börse würde seine Burgerbude nicht halb so gut laufen. Es hieß, er würde bei den
DOAF-Streifen ordentlich abdrücken, damit die einen Bogen um seinen Laden machten.
Als der Antiamerikanist verschwunden war, zählte Mike noch einmal ganz
bedächtig die Scheine und grinste zufrieden. Das Risiko hatte sich gelohnt: Zwölftausend
Eddies, sechs pro Flasche. Der Anti hatte mit keiner Wimper gezuckt und das Geld
hingeblättert. Keine Ahnung, weshalb die ausgerechnet auf diesen Eierlikör so scharf
waren -- aber eigentlich interessierte ihn das ungefähr so sehr wie die Fliegenkleckse
über Henrys Mikrowelle.
Mike verstaute das Geld in einer Plastiktüte, die er sich um den linken
Unterarm wickelte und mit Tape festklebte. Dann stieß er die Tür zum Gastraum auf und
kämpfte sich durch die Rauchschwaden bis an die Theke vor.
»He, Henry -- einen Spinatburger ...«
Er hatte es ausgesprochen. Er hatte diesen Scheißsatz ausgesprochen --
und nun stand der Teller mit der dampfenden grünlich-schleimigen Pampe vor seiner Nase.
Mike blickte fassungslos in Henrys zufriedenes Grinsen.
»Spinatburger ist doch wirklich geil!« Henry sagte es mit einer
seltsamen Heiterkeit und lächelte glücklich. Dann zeigte er auf ein kleines
mattsilbernes Kästchen unter der Theke und raunte: »Hat Max mir besorgt. Klappt echt
geil. Heute wollen alle Spinatburger.«
Während Mike leere Bierbecher stapelte, dachte er angestrengt darüber
nach, was das Kästchen mit dem Spinatburger zu tun haben könnte, aber auch der steigende
Alkoholspiegel brachte ihn der Lösung keinen Schritt näher.
Draußen hatte sich das Brausen, das der auffrischende Wind vom Platz
der Unabhängigkeit herüberwehte, zu einem donnernden Tosen gesteigert. Vereinzelt
durchbrachen Schüsse diesen gräßlichen Lärm.
Aber Mike interessierte das nicht mehr. Er hatte gerade den vierzehnten
Pappbecher am Wickel und fühlte sich sauwohl.
»Happy Independence Day!« lallte er und gab eine Saalrunde.
Am nächsten Morgen erwachte er vom Piepen des iiiChips und spürte
gleich, daß das Gewicht seines Schädels der Zahl der ineinandergestapelten Pappbecher
durchaus angemessen war.
»Oh Mann ...«, brummte er.
»Zwei Minuspunkte wegen Verstoß gegen Paragraph 33«. begrüßte ihn
der iiiChip.
Dann spürte Mike, wie der Chip programmgemäß in den Nachrichten-Modus
schaltete.
»Achtung, Fahndung! Achtung, Fahndung! Antiamerikanistische Terroristen
verübten am Abend des Independence Day ein Attentat auf den Chef des DOAF-Geheimdienstes,
Admiral Frank Norton. Sie warfen zwei Brandflaschen auf das Fahrzeug Admiral Nortons, als
dieser vorfuhr, um auf dem Platz der Unabhängigkeit die Festrede zu halten. Admiral
Norton wurde nur leicht verletzt, die Terroristen wurden auf der Flucht erschossen. Im
Zusammenhang mit diesem abscheulichen Verbrechen wird ein Mann gesucht, der den
Terroristen bei der Beschaffung der Brandflaschen behilflich war. Beschreibung: Ungefähr
ein Meter fünfundsiebzig, rotes Haar, rechtsseitige Augenprothese der Firma Makrohard,
darüber eine auffällige große Narbe. Wer sachdienliche Hinweise geben kann -- «
Mike stand starr vor dem Spiegel. Die Hand, in der er den Rasierer
hielt, zitterte. Er konnte nur eins denken.
Weshalb brauchten diese antiamerikanistischen Idioten dazu unbedingt
diese bescheuerten Eierlikörflaschen??? Diese verdammten Idioten!!! Jede andere Flasche
hätte es doch auch getan!
Dann hörte er, wie mindestens zwei Dutzend Nagelstiefel die Treppe zu
seiner Wohnung hinaufpolterten.
Spinatburger ist doch wirklich geil!
Ei-ei-ei Frank Norton -- Frank Norton aller Orten ...
© 2000 by Michael Szameit
erschienen in ALIEN
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