Montag.
Dieses neue Geschöpf mit dem langen Haar fängt an, mir sehr im Wege zu sein. Es ist
immer hinter mir her und lungert beständig um mich herum. Ich mag das nicht; ich bin
nicht an Gesellschaft gewöhnt. Ich wünschte, es bliebe bei den übrigen Tieren
Es
ist heute umwölkt; denke, wir werden Regen haben. Wir? Wer ist wir? Woher habe ich das
Wort? Ich erinnere mich jetzt das neue Geschöpf braucht es immer.Dienstag.
Habe den großen Wasserfall untersucht. Er ist das Beste auf dem ganzen Grundstück,
sollt ich meinen. Das neue Geschöpf nennt ihn den Niagara-Fall
habe auch nicht die blasseste Ahnung, weswegen. Wenn es sagt, das Ding sehe aus wie
Niagara, so hat das keinen Sinn. Es ist nur so ein Einfall, nur leeres
Geschwätz. Ich selber komme gar nicht mehr dazu, irgendetwas zu benennen. Das neue
Geschöpf tauft alles, was uns gerade in die Quere kommt, ehe ich auch nur den geringsten
Einwand dagegen erheben kann. Und das immer unter einem und demselben Vorwand, dass es so
aussehe.
Mittwoch.
Habe mir einen Unterschlupf gegen den Regen gebaut. Aber ich konnte ihn nicht friedlich
für mich behalten. Das neue Geschöpf war gleichfalls sofort drinnen. Als ich es
hinauszudrängen versuchte, vergoss es Wasser aus den beiden Löchern, mit welchen es
sieht, wischte es mit dem Rücken seiner Pfoten fort und gab dabei Töne von sich, wie
verschiedene andere Tiere, sobald ihnen etwas weh tut oder sie sich fürchten. Wenn es nur
nicht sprechen würde! Es schwatzt beständig. Das klingt fast wie Hohn und Spott, als
wollte ich mich über das arme Geschöpf lustig machen. Aber diese Absicht liegt mir fern.
Ich habe die menschliche Stimme nie zuvor gehört, und jeder neue und fremde Laut, welcher
das feierliche Schweigen in dieser träumerischen Einsamkeit unterbricht, beleidigt mein
Ohr wie eine falsche Note. Und obendrein ist dieser neue Laut immer so nahe bei mir, er
ist dicht an meiner Schulter, dicht an meinem Ohr, erst auf dieser, dann auf der anderen
Seite; und ich war nur gewöhnt Laute zu hören, die mehr oder weniger entfernt von mir
sind.
Freitag.
Das Benennen geht unaufhaltsam weiter, ich mag dagegen tun was ich will. Ich hatte für
das große Grundstück hier einen sehr guten Namen erfunden, der hübsch war und
musikalisch zugleich Garten von Eden. Ich gebrauche den Namen jetzt noch, aber
nicht öffentlich, nur verstohlen. Das neue Geschöpf sagt, man sehe in der ganzen
Landschaft nur Wald, Felsen und Wasser; sie erinnere nicht im Mindesten an einen Garten,
sondern sehe aus wie ein Park und wie nichts anderes. So hat es ihm denn, ohne mich weiter
zu fragen, den Namen Niagara-Park gegeben. Das ist eigenmächtig genug, sollte ich meinen.
Und schon kann man auf dem Gras eine Tafel mit der bekannten Warnung sehen: »Es ist
verboten, den Rasen zu betreten!«
Mein Leben ist nicht mehr so glücklich wie früher.
Samstag.
Das neue Geschöpf isst zu viel Früchte. Wir werden wahrscheinlich bald Mangel daran
haben. Schon wieder Wir das ist sein Wort, und meins jetzt auch bereits
vom ewigen Hören
Ziemlich neblig heute früh. Ich selbst gehe nicht in den Nebel
hinaus. Aber das neue Geschöpf tut es. Es geht in allen Wettern aus und kommt dann mit
schmutzigen Füßen wieder hereingestampft. Dabei spricht es fortwährend, und früher war
es hier so angenehm und ruhig.
Sonntag.
Habe ihn glücklich hinter mir. Dieser Tag wird immer ermüdender. Der Sonntag wurde im
letzten November zum Ruhetag gewählt und abgesondert. Früher hatte ich in jeder Woche
schon sechs solche Tage. Und heute? Heute morgen fand ich das neue Geschöpf, wie es mit
Erdklumpen nach dem verbotenen Baum warf, um die Äpfel herunter zu holen.
Montag.
Das neue Geschöpf sagt, sein Name sei Eva. Das ist ganz recht, und ich will nichts
dagegen einwenden. Es sagt, der Name sei dazu da, dass ich es rufen könne, wenn ich es
bei mir zu haben wünsche. Darauf erwiderte ich, dass der Name dann überflüssig sei.
Dies Wort hob mich augenscheinlich in der Achtung des neuen Geschöpfs. Und wirklich, das
Wort überflüssig ist sehr gut und von allgemeiner Bedeutung; es verdient,
bei jeder Gelegenheit wiederholt zu werden. Danach sagte mir das Geschöpf, dass es gar
kein Es, sondern eine Sie sei. Das ist zum mindesten zweifelhaft,
aber mir ists einerlei; sie mag sein was sie will, wenn sie nur ihrer Wege gehen und
nicht beständig reden wollte!
Dienstag.
Sie sagt, dieser Park würde eine äußerst erquickende und reinliche Sommerfrische
abgeben, falls sich Gäste dafür finden ließen. Sommerfrische was heißt das?
Offenbar wieder so ne neue Erfindung ihres rastlosen Hirns und ihres noch
ruheloseren Mundes Worte ohne jeden Sinn. Was ist eine Sommerfrische? Aber besser,
ich frage sie gar nicht erst danach sie hat ohnehin eine wahre Sucht alles zu
erklären.
Freitag.
Sie hat es für gut befunden, mich zu bitten, nicht mehr über den Wasserfall zu gehen,
wie ich es mir angewöhnt hatte. Wem geschieht denn damit etwas zuleide? Sie sagt, es
mache sie schaudern. Ich möchte nur wissen warum? Ich habe es immer getan, seit ich hier
bin. Das Hineinspringen, das Untertauchen und die Aufregung dabei macht mir den größten
Spaß. Und dann die Kühle, wenn es sonst heiß ist! Ich habe auch immer gedacht, dass der
Fall gerade deswegen da wäre. Wenigstens hat er soweit ich sehen kann sonst
keinen Zweck, und irgend einen Zweck muss er doch haben. Und jetzt kommt sie und sagt, die
ganze Geschichte wäre nur wegen der malerischen Szenerie da wie das Rhinozeros und
das Mastodon.
Bin darauf in einem Fass über den Fall hinuntergesegelt auch das war
nicht nach ihrem Geschmack. Dann in einer Waschbutte sie war noch immer nicht
zufrieden. Ich schwamm durch den Strudel unterhalb des Falls und durch die Stromschnellen
oberhalb des Falls in einem nagelneuen Schwimmanzug von Feigenblättern, der dabei fast in
Fetzen ging. Da bekam ich endlose Vorwürfe wegen meiner Verschwendungssucht. Ich fühle
mich hier von allen Seiten eingeengt. Ein Ortswechsel wird mir gut tun.
Samstag.
Am Abend des letzten Dienstag bin ich durchgebrannt und habe mir dann, nachdem ich zwei
Tage drauflos gewandert war, einen neuen Unterschlupf gebaut, an einer ganz abgelegenen
Stelle. Aber wie sehr ich auch bemüht gewesen war, meine Spuren zu verwischen und zu
verbergen sie hat mich doch aufgespürt, mit Hilfe eines Tieres, das sie gezähmt
hat und Wolf nennt; sie stürzte plötzlich zu mir herein, machte wieder das
klägliche Geräusch, das ich nicht hören mag, und lies das Wasser aus den beiden
Löchern, mit denen sie sieht, hervor schießen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als
mit ihr zurückzugehen aber ich werde sofort wieder ausreißen, wenn sich die
Gelegenheit bietet. Sie gibt sich mit allerlei ganz überflüssigen Dingen ab. Unter
anderem versucht sie herauszubekommen, warum die Tiere, welche Löwen und Tiger heißen,
auf diesem großen Grundstück von Gras und Blumen leben, während sie doch nach ihrer
Meinung eine Art Zähne haben, die deutlich beweist, dass sie bestimmt sind einander
aufzufressen. Das ist einfach Narrheit.
Sonntag.
Habe ihn glücklich hinter mir.
Montag.
Ich glaube jetzt dahinter gekommen zu sein, wozu die Woche da ist: Sie soll einem Zeit
geben, um sich von der Ermüdung des Sonntags zu erholen. Das ist gar keine schlechte Idee
Ich habe Eva schon wieder an dem verbotenen Baum erwischt. Sie war hinaufgeklettert
und ich warf mit Erdklumpen nach ihr, bis sie herunter kam und sagte, es hätte ja niemand
gesehen. Ich glaube, sie hält das für eine genügende Rechtfertigung, um die
gefährlichsten Dinge zu tun. Sagte ihr es auch ins Gesicht. Das Wort Rechtfertigung
erregte ihre Bewunderung und zugleich, wie mir schien, ihren Neid, der immer sehr leicht
erregt ist. Es ist aber auch ein sehr gutes Wort.
Dienstag.
Das Neueste, was sie mir gesagt hat, ist, dass sie aus einem von meinem Körper genommenen
Rippe gemacht sei. Das scheint mir eine gewagte Behauptung. Mit hat doch nie eine Rippe
gefehlt! Besonders Kopfzerbrechen macht ihr seit einiger Zeit der junge Habicht, mit dem
sie sich so viel abgibt. Sie sagt, er könne kein Gras vertragen und fürchte daher, ihn
nicht aufziehen zu können, weil er, wie sie sich einbildet, verwestes Fleisch zur Nahrung
haben müsse. Ein Habicht sollte sich, meiner Meinung nach, mir dem begnügen was
vorhanden ist. Man kann doch nicht bloß dem Habicht zuliebe die ganze Ordnung der Dinge
umkehren.
Samstag.
Gestern fiel sie in den Teich, als sie sich zu weit vor bog, um sich im Wasser zu
betrachten. Sie tut das immer, sobald sie an einen Teich kommt, nur ist sie bis jetzt noch
nicht hineingefallen. Sie hat so viel Wasser geschluckt, dass sie beinahe erstickte. Das
sei ein höchst unbehagliches Gefühl, erklärte sie, als sie wieder draußen war. Es
machte sie auch traurig wegen der Geschöpfe, die im Wasser leben müssen, und die sie
Fische nennt. Sie hat nämlich noch immer nicht aufgehört, allen möglichen Dingen ganz
unnütze Namen anzuhängen. Sie kommen gar nicht, wenn sie den Namen ruft, aber das
verschlägt ihr nicht das Geringste; sie ist nun einmal eine solche Torin! Die Folge war,
dass sie gestern Abend eine ganze Menge Fische einfing, hereinbrachte und, damit sie warm
werden möchten, in mein Bett tat. Aber ich habe sie seitdem beobachtet und die
Wahrnehmung gemacht, dass sie durchaus nicht glücklicher schienen als vordem. Nur viel
stiller sind sie den ganzen Tag gewesen. Und wenn es wieder Nacht wird, werde ich sie
einfach vor die Tür werfen und nicht wieder mit ihnen schlafen, denn sie sind unangenehm
schleimig und nasskalt, und das Liegen zwischen ihnen ist, vor allem wenn man nichts
anhat, höchst unbehaglich.
Sonntag.
Habe ihn glücklich hinter mir.
Dienstag.
Jetzt hat sie sich mit einer Schlange eingelassen. Die anderen Tiere sind froh, weil sie
beständig an ihnen herumhantierte und sie nicht in Ruhe ließ auch ich freue mich
darüber, weil die Schlange gleichfalls spricht und ich mich etwas erholen kann.
Freitag.
Sie sagt mir, die Schlange habe ihr geraten, die Frucht von dem Baum zu kosten, und ihr
versprochen, dass das Ergebnis eine große, schöne und edle Fortentwicklung sein werde.
Ich sagte ihr, es würde noch etwas anderes daraus entstehen der Tod würde in die
Welt kommen. Aber das war ein großer Missgriff von mir, und es wäre ungleich besser
gewesen, die Bemerkung für mich zu behalten. Es brachte sie nur auf den Gedanken, dass
sie dann den kranken Habicht gesund machen und den trübselig einher schleichenden Löwen
und Tigern frisches Fleisch zur Nahrung verschaffen könnte. Ich riet ihr noch einmal aufs
Dringendste, von dem Baum fortzubleiben. Sie sagte, sie wollte es nicht. Ich sehe allerlei
Unannehmlichkeiten voraus und denke wieder ans Auswandern.
Mittwoch.
Ich habe eine bunte Zeit hinter mir. An jedem Abend bin ich ausgerissen und die ganze
Nacht hindurch geritten so schnell mein Pferd nur laufen konnte, in der Hoffnung, aus dem
Park herauszukommen und ein anderes Land zu erreichen, bevor die ganze Not hereinbrach.
Aber das sollte mir nicht gelingen. Eine Stunde nach Sonnenaufgang hatte ich die Grenze
noch immer nicht erreicht. Dafür befand ich mich auf einer grasigen, mit Blumen bedeckten
Ebene, auf der Tausende von Tieren versammelt waren, teils schlafend, teils weidend, teils
miteinander spielend, wie das bei den Tieren Brauch war. Aber plötzlich stießen sie
allesamt ein entsetzliches Gebrüll und Geheule aus, und schon im nächsten Augenblick
lief auf der ganzen Ebene alles wirr durcheinander. Wie rasend fielen die Tiere
übereinander her und zerfleischten sich gegenseitig. Ich hätte so etwas nie für
möglich gehalten, doch wusste ich sofort, was es zu bedeuten hatte Eva hatte von
der verbotenen Frucht gegessen, und im selben Augenblick war auch der Tod in die Welt
gekommen! Die Tiger stürzten sich auf mein Pferd und zerrissen es, ohne sich weder um
meine Bitten noch um meine Befehle zu scheren. Ja, sie würden mich selber gefressen
haben, hätte ich mich nicht schnell aus dem Staub gemacht. Jenseits der Grenze des Parks
fand ich diesen Platz, und hier habe ich mich seitdem auch ein paar Tage äußerst
behaglich befunden, bis sie mich auch hier entdeckt hatte und plötzlich vor mir
stand. Das Merkwürdigste dabei war, dass mir das eigentlich gar nicht so unangenehm
schien, wie ich es mir vorher vielleicht vorgestellt hatte. Auch sie fand den Platz gar
nicht übel und hatte natürlich wieder sofort einen Namen für ihn weil er gerade
so aussah. Schließlich war ich sogar ganz froh, dass sie mich gefunden hatte, da es hier
herum weder Früchte noch Beeren gab wie drüben im Park, und sie ein paar von den Äpfeln
des verbotenen Baumes mitgebracht hatte. Ich war so hungrig, dass ich mich genötigt sah,
sie zu verspeisen. Eigentlich ging es gegen meine Grundsätze aber ich habe damals
entdeckt, dass der Mensch seinen Grundsätzen nur treu zu bleiben pflegt, wenn er genug zu
essen hat.
Auch etwas Neues habe ich an ihr entdeckt. Sie kam in einer Art Umhüllung
von Zweigen und Laubgewinden, und als ich sie fragte, was dieser neue Unsinn bedeuten
solle, ihr das ganze grüne Zeug herunter riss und es auf die Erde warf da zitterte
sie an allen Gliedern und wurde rot im Gesicht. Ich hatte noch nie jemanden zittern und
rot werden sehen, es schien mir nicht nur unschön, sondern geradezu blödsinnig. Sie
sagte aber auf meine Frage nur, ich würde das bald an mir selbst erfahren. Und darin
hatte sie recht. Denn trotz meines Hungers legte ich den Apfel halb angebissen beiseite
es war obendrein der feinste, den ich je gekostet habe, noch dazu bei so
fortgeschrittener Jahreszeit und fing an, mich selber mit dem Grünzeug zu
behängen, das ich ihr eben vom Leibe gerissen hatte. Dann sah ich sie an, wie sie so
dastand und befahl ihr mit Entrüstung, noch mehr Zweige und Blätter zu holen, weil es
sonst ein wahrer Skandal sei. Sie gehorchte mir mit Eifer und dann schlichen wir beide zu
dem Platz zurück, wo die wilden Tiere vorhin die Vernichtungsschlacht gekämpft hatten
und sammelten einige von den Fellen. Ich befahl ihr, daraus für uns ein paar Anzüge
zusammenzunähen, in denen wir uns öffentlich zeigen könnten. Sie sind hart und
unbequem, aber jedenfalls nach der neuesten Mode, und das ist ja schließlich bei Kleidern
die Hauptsache.
Ich finde neuerdings auch, dass sie eine ganz gute Gesellschafterin ist. Ohne
sie würde ich jetzt recht einsam und traurig sein, nachdem ich meinen Grundbesitz
verloren habe. Überdies hat sie mir eben gesagt, dass wir nach der neuen Ordnung der
Dinge fortan für unseren Lebensunterhalt arbeiten müssen. Da kann sie sich nützlich
machen. Sie wird arbeiten und ich werde die Aufsicht führen.
Nächstes Jahr.
Wir haben es Kain getauft. Sie hat es eingefangen, während ich weiter draußen im Land
war, um zu jagen und Fallen zu stellen. Sie fing es, wie sie mir bei meiner Rückkehr
erzählte, im Tannengehölz, ein paar Meilen südlich von der Erdwohnung, die wir uns
angelegt haben. Es sieht uns gewissermaßen ähnlich und ist vielleicht irgendwie mit uns
verwandt. Wenigstens glaubt dies Eva, aber meiner Meinung nach ist dies ein Irrtum. Der
gewaltige Unterschied allein in der Größe rechtfertigt schon die Annahme, dass es nur
eine andere, noch neue Art Tier ist vielleicht ein Fisch. Als ich es aber ins
Wasser warf, um mir Gewissheit zu verschaffen, sank es sofort unter, worauf sie ihm nach
sprang und es heraus zog, ohne mir die nötige Zeit zu lassen, die Sache durch meinen
Versuch zu entscheiden. Ich bin aber noch immer der Überzeugung, dass es ein Fisch ist,
während es ihr so gleichgültig zu sein scheint, was es ist, dass sie es mir um keinen
Preis zu einem neuen Versuch überlassen will. Das verstehe ich nicht. Mir ist an ihr
neuerdings überhaupt mancherlei unverständlich. Seit sie das Geschöpf im Haus hat,
scheint ihre Natur verändert. Auf Versuche lässt sie sich schlechterdings nicht mehr
ein. Sie hat auch noch nie auf ein Tier so große Stücke gehalten, wie auf dieses, doch
weiß sie mir keinen Grund dafür anzugeben. Ich glaube wirklich, sie hat ihre fünf Sinne
nicht mehr beisammen. Bisweilen trägt sie den Fisch halbe Nächte lang in ihren Armen
umher, wenn er jammert und winselt, weil er ins Wasser will, und wenn ich ihn dann zum
nächsten Teich tragen und hinein werfen möchte, so wehrt sie sich so sehr dagegen, wie
nur je, als sie noch bei Verstand war. Bei solchen Gelegenheiten kommt ihr dann wieder das
Wasser aus den Gucklöchern in ihrem Gesicht; sie drückt den Fisch an ihre Brust, klopft
ihm leise auf den Rücken, macht mit ihrem Mund allerlei Töne, die ihn beruhigen sollen,
und ist ganz närrisch vor Sorge und Angst um das Geschöpf. Ich habe sie früher
dergleichen nie mit einem anderen Fisch oder sonst irgend einem Tier tun sehen, und ich
mache mir viel Kopfzerbrechens darüber. Ehe wir von unserem Grundstück vertrieben
wurden, hat sie wohl auch von Zeit zu Zeit junge Tiger herumgetragen in ihr Spiel mit
ihnen getrieben, aber doch nicht immerfort, und niemals bei Nacht. Auch hat sie
sichs nie so zu Herzen genommen, wenn ihnen das Frühstück nicht gut bekam.
Sonntag.
Am Sonntag scheint sie sichs zur Regel zu machen, nicht zu arbeiten, sondern ganz
erschöpft von der Wochenarbeit dazuliegen und den Fisch auf sich herumkriechen zu lassen.
Dabei bringt sie allerlei Töne mit dem Mund hervor und behauptet, das belustige ihn; sie
steckt sich auch seine kleinen Pfoten oder Vorderflossen in den Mund und er fängt an zu
lachen. Mein Lebtag habe ich noch keinen Fisch lachen sehen, und dabei kommen mir allerlei
Zweifel
Der Sonntag gefällt mir jetzt selber ganz gut. Es ermüdet ja Körper und
Geist zugleich, wenn man die Woche über fortwährend die Arbeit anderer beaufsichtigen
muss. Da sollte es noch mehr Sonntage geben. Zu den früheren Zeiten, auf dem großen
Grundstück, waren die Sonntage kaum zum Aushalten, aber jetzt fangen sie an, mir ganz
gelegen zu kommen.
Mittwoch.
Es ist kein Fisch. Das weiß ich jetzt aber darum kann ich noch lange nicht
begreifen, was es eigentlich ist. Wenn es was haben will und bekommt es nicht gleich,
macht es den tollsten und abscheulichsten Lärm. Wenn es aber hat, was es will, oder sonst
zufrieden ist, sagt es Gugu oder etwas der Art. Es ist kein Mensch, denn es
kann nicht gehen; es ist kein Vogel, sonst könnte es fliegen; es ist kein Frosch, denn es
hüpft nicht; und auch keine Schlange, weil es nicht kriechen kann. Dass es kein Fisch
ist, weiß ich ebenfalls ganz bestimmt, ob gleich ich nicht dazu kommen kann, es schwimmen
zu lassen. Wenn Eva es nicht auf den Armen hat, liegt es meist auf dem Boden auf dem
Rücken und streckt die Füße in die Luft. Das habe ich noch bei keinem Tier gesehen. Ich
glaube, es muss ein Riesenkäfer sein. Wenn es stirbt, werde ich es auseinander nehmen, um
seine innere Einrichtung zu untersuchen. Ich muss der Sache doch auf den Grund kommen.
Drei Monate später.
Die Geschichte wird immer rätselhafter. Ich kann kaum noch schlafen, weil sie mir so im
Kopf herum geht. Das Geschöpf liegt nicht mehr am Boden, sondern kriecht nun auf seinen
vier Füßen herum. Aber es unterscheidet sich wesentlich von den übrigen Vierfüßlern,
denn seine Vorderbeine sind ungewöhnlich kurz. So ragt denn der Hauptteil seiner Person
ganz unverhältnismäßig in die Höhe, was durchaus nichts Anziehendes hat. Im Übrigen
ist es ganz so gebaut wie wir, doch beweist schon die Art seiner Fortbewegung, dass es
nicht zu unserer Gattung gehört. Die Kürze der Vorder- und die Länge der Hinterbeine
deutet darauf hin, dass es aus der Känguru-Familie stammt. Doch unterscheidet es sich
auch hier wieder von dem wirklich Känguru, denn es kann nicht hüpfen wie dieses. Es muss
eine seltsame und interessante Abart sein, die bisher noch nicht katalogisiert worden ist.
Da ich dieselbe entdeckt habe, halte ich mich auch für berechtigt, mir den Ruhm dieser
Entdeckung für alle Zeiten dadurch zu sichern, dass ich dem neuen Geschöpf meinen Namen
beilege. Ich habe es Kaengurum Adamiensis getauft.
Es muss ein ganz junges Exemplar gewesen sein, als Eva es in dem
Tannengehölz fing, denn es ist seitdem beständig gewachsen. Jetzt ist es wohl fünfmal
so groß wie damals, und wenn es etwas haben will und es nicht gleich bekommt, macht es
dreißig Mal mehr Lärm als früher. Zwang und Gewalt vermögen nichts dagegen
auszurichten, im Gegenteil, sie machen die Sache immer nur schlimmer. Darum habe ich das
Zwangssystem, mit dem ich es eine Zeitlang versuchte, wieder aufgegeben, zumal ich Eva
gegenüber damit ohnehin einen besonders schwierigen Stand hatte. Sie besänftigt es immer
mit Zureden und Schöntun und meistens damit, dass sie ihn alles gibt, was sie ihm zuerst
rundweg abgeschlagen hat.
Wie ich schon bemerkt habe, war ich nicht zu Hause, als sie es brachte. Sie
sagte mir, sie habe es im Wald gefunden. Es ist unbegreiflich, dass es das einzige seiner
Art sein sollte, aber ich habe mich die ganze Zeit über müde und lahm gesucht, um ein
zweites Exemplar zu finden, teils um es unserer Sammlung hinzuzufügen, teils als
Spielgefährten für unseres. Es würde dann gewiss stiller sein und sich leichter zähmen
lassen. Aber ich kann keines entdecken; auch nicht die leiseste Spur habe ich aufgefunden.
Merkwürdig! Es kann doch gar nicht anders leben, als auf dem Erdboden, und wenn es sich
vorwärts bewegt, müsste es doch eine Fährte hinterlassen. Ich habe wohl ein Dutzend
Fallen und Schlingen gelegt, aber nichts dadurch erreicht. Alle kleinen Tiere kann ich
fangen, nur dieses nicht. Sie gehen meist aus Neugierde in die Falle, nur um zu sehen,
wozu die Milch eigentlich dorr aufgestellt ist, glaube ich. Trinken tun sie die Milch nie,
sie werfen sie höchstens um.
Drei Monate später.
Unser adamitisches Känguru wächst noch immer fort, was höchst seltsam und beunruhigend
ist. Ich habe noch nie gesehen, dass ein Känguru so lange braucht, um seine volle Größe
zu erreichen. Es hat jetzt einen Pelz auf dem Kopf; gar nicht wie einen Kängurupelz,
sondern viel eher wie unser eigenes Haar, nur dass es sich feiner und weicher anfühlt,
und statt schwarz rot ist. Wenn das noch lange so fort geht, verliere ich nächstens den
Verstand über die tollen und unberechenbaren Sprünge in der Entwicklung dieses
unklassifizierten zoologischen Naturspiels. Könnte ich nur ein zweites fangen doch
das ist eine ganz vergebliche Hoffnung. Es ist eine neue Art, und von dieser das einzige
Exemplar soviel steht jetzt fest. Seit vorgestern ist mir auch noch der letzte
Zweifel geschwunden. Ich hatte ein wirkliches Känguru gefangen und mit nach Hause
gebracht, in dem Gedanken, dass das unserige in seiner Einsamkeit froh sein würde, einem
ihm wenigstens einigermaßen verwandtem Tier zu begegnen. Unter Wildfremden, die nichts
von seiner Art und Weise und seinen Wünschen und Begierden verstehen, musste es doch
darin, wie ich glaubte, einen kleinen Trost finden. Aber welchen Missgriff hatte ich
begangen. Es fiel bei dem bloßen Anblick des eingefangenen Kängurus in solche Krämpfe,
dass ich sofort wusste, es habe noch kein derartiges Geschöpf gesehen. Mir tut das kleine
Tier leid, denn es schreit bei der geringsten Gelegenheit und ich kann nichts tun, um es
glücklich zu machen oder zu sorgen, dass es sich bei uns wie unter seinesgleichen fühlt
und doch möchte ich es selbst jetzt gar nicht mehr missen. Wenn ich es nur
wenigstens jetzt zähmen könnte aber auch das ist ganz außer Frage. Und je mehr
ich es versuche, umso schlimmer scheine ich es zu machen. Es schneidet mir geradezu ins
Herz, das kleine Ding bei seinen Anfällen von Kummer und stürmischer Leidenschaft zu
sehen. Eigentlich wünschte ich, wir wären es wieder los; doch wage ich gar nicht, diesen
Wunsch auszusprechen. Denn erstens ist es mir doch nicht ganz ernst damit und zweites
würde Eva von einem solchen Vorschlag kein Wort hören wollen. Das scheint sehr grausam
und selbstsüchtig von ihr aber vielleicht hat sie doch Recht. Es würde dann am
Ende noch einsamer sein als vorher. Ist es mir nicht gelungen, ein zweites Exemplar seiner
Gattung zu finden, so müsste es selber gewiss auch vergebens danach suchen.
Fünf Monate später.
Es ist kein Känguru! Nein, es kann sich seit wenigen Tagen selbst auf den Hinterbeinen
aufrecht erhalten, wenn es sich gleichzeitig mit einer seiner Vorderpfoten an Evas
hingestrecktem Finger festhält. Über ein paar Schritte kommt es dabei freilich noch
nicht hinaus, sondern fällt dabei jedes Mal bald wieder auf alle Viere zurück. Aber das
genügt, um uns die Gewissheit zu verschaffen, dass es kein Känguru ist. Viel
wahrscheinlicher, dass es eine Art Bär ist. Nur hat es keinen Schwanz und
wenigstens bis jetzt kein haariges Fell, außer auf dem Kopf. Übrigens sind die
Bären gefährlich ich weiß das von jener Vernichtungsschlacht her. Ich werde
diesem hier, so gerne ich ihn auch manchmal habe, nicht mehr lange erlauben, sich ohne
Maulkorb herumzutreiben. Neulich habe ich wieder einen Versuch gemacht, Eva ein richtiges,
ausgewachsenes Känguru zu versprechen, für welches sie dann dieses laufen lassen
könnte. Aber alles, was ich damit erreichte, war, dass es aus den Löchern in ihrem
Gesicht förmlich wie Feuer sprühte und sie seitdem den kleinen Bären noch weniger als
je von der Hand lässt. Ich fürchte, sie wird uns durch ihre Torheit in neue Gefahr
bringen. Seit sie den Verstand verloren hat, ist sie wie umgewandelt.
Vierzehn Tage später.
Ich habe seinen Mund untersucht. Noch ist es unschädlich; es hat erst einen Zahn. Auch
einen Schwanz hat es noch immer nicht. Aber dafür macht es mehr Lärm als je zuvor. Und
hauptsächlich in der Nacht. In den beiden letzten Nächten war es so arg, dass ich
ausgezogen bin. Aber morgen gehe ich zum Frühstück hinüber, und dann sehe ich nach, ob
es noch mehr Zähne bekommen hat. Wenn es erst einmal den ganzen Mund voll Zähne hat,
wird es die höchste Zeit sein, Maßregeln zu ergreifen Schwanz oder nicht Schwanz
denn ein Bär braucht keinen Schwanz, um gefährlich zu sein.
Vier Monate später.
Ich bin wieder auf einem längeren Jagd- und Fischausflug fort gewesen. Etwa einen Monat
lang. In der Zwischenzeit hat der Bär gelernt, sich ohne Hilfe und auf den Hinterbeinen
allein fort zu helfen und etwas, das wie Poppa und Momma klang, zu
sagen. Es ist sicherlich eine ganz neue Art. Diese Töne, die sich ganz wie Worte
anhören, mögen etwas rein zufälliges sein und an sich gar nichts zu bedeuten haben.
Aber selbst dann ist die Sache noch immer merkwürdig genug, und jedenfalls etwas, was
kein anderer Bär kann. Diese Ähnlichkeit mit menschlicher Rede, dazu das Fehlen des
Pelzes und der vollständige Mangel eines Schwanzes beweisen zur Genüge, dass es nicht
nur ein besonderer, sondern eine ganz neue Art Bär ist. Inzwischen beabsichtige ich,
seinetwegen auf eine neue Forschungsexpedition auszugehen und die großen Wälder weiter
im Norden nach einem zweiten Exemplar zu durchsuchen.
Drei Monate später.
Es war ein langer und langweiliger Jagdausflug, von dem ich da eben zurückgekehrt bin.
Aber es war ganz und gar erfolglos. Was hat sie aber in der Zwischenzeit getan? Ohne sich
von Platz zu rühren und sich im mindesten anzustrengen hat sie unterdessen gerade auf dem
neuen Grundstück ein zweites Exemplar eingefangen! Hat man je von solchem Glück gehört?
Tags darauf.
Ich habe das neue Geschöpf genau mit dem alten verglichen, und es ist gar kein Zweifel,
dass sie vom gleichen Schlage sind. Ich äußerte den Wunsch, eines von ihnen für meine
Sammlung auszustopfen. Aber sie ist gegen das Ausstopfen im Allgemeinen eingenommen, und
in diesem Falle wollte sie erst recht nichts davon wissen. So habe ich denn die Absicht
wieder aufgeben müssen, obgleich ich denke, dass ich unter allen Umständen darauf hätte
bestehen sollen. Man denke sich, dass sie plötzlich wieder abhanden kämen und stelle
sich den Verlust für die Wissenschaft vor, wenn nichts von ihnen zurückbliebe!
Das ältere von beiden ist auch das weitaus zahmere. Es kann sogar plappern
und lachen, wie ein Papagei. Und da auch Papageien so viel um uns herum sind, bin ich
überzeugt, dass es das alles, und die Gabe der Nachahmung überhaupt, von ihnen gelernt
hat. Na, wer weiß vielleicht kommt es zuletzt noch heraus, dass es selbst eine Art
Papagei ist. Ich würde mich gar nicht darüber wundern, wenn ich bedenke, was es alles
schon gewesen ist seit jenen ersten Tagen, als ich es für einen Fisch hielt. Das neue ist
grade so hässlich, wie das andere zuerst war; es hat gelblich-rote Fleischfarbe und auf
dem Kopf nur hier und da einen ganz leisen Ansatz von Pelz. Sie hat ihm auch schon einen
Namen gegeben Abel nennt sie es.
Zehn Jahre später.
Es sind Jungens! Wir wissen das jetzt schon seit geraumer Zeit. Nur ihre anfängliche
Winzigkeit und Gestaltlosigkeit hat uns so lange irre geführt. Wir hatten es noch nicht
erlebt, daher unsere lange Ungewissheit. Jetzt haben wir uns bereits daran gewöhnt
auch ein paar Mädel sind schon angekommen.
Abel ist ein guter Junge. Aber wenn Kain ein Bär geblieben wäre, so würde
das besser für ihn gewesen sein.
Was mich anbelangt, so sehe ich nach allen diesen Jahren ein, dass ich Eva am
Anfang Unrecht getan habe. Es ist besser, außerhalb des Gartens mit ihr zu leben, als im
Garten ohne sie. Ich meinte zuerst, sie spräche zuviel. Aber jetzt würde es mich aufs
Tiefste betrüben, wenn diese Stimme verstummen und sich sie mein Lebtag nicht mehr hören
sollte. Gesegnet sei der Apfelbiss, der uns zuerst einander so nahe gebracht hat, dass ich
ihre Holdseligkeit und die Güte ihres Herzens erkennen konnte!
Übersetzer unbekannt.
Entnommen aus: Adams Tagebuch und anderes von Mark Twain.
Verlag von Robert Lutz, Stuttgart, 1901. |


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