Ungarischer
Lloyd, Neunter Jahrgang, Nr. 282. Budapest, Freitag, 10. Dezember 1875, Titelseite
und folgende:Julius Verne
Der Mann ein Original; eine vollkommene Novität seine Werke! Wie der Autor es liebt,
in seinen Romanen unbekannte Gewalten spielen zu lassen, so scheint er es mit seinem Leben
zu halten; sei's aus Bescheidenheit, sei's aus Liebe zum Mysteriösen oder aus Reiz des
Pikanten, der darin liegt: Julius Verne, der in Paris lebt, hat sich, soviel Recht und
Aufforderung dazu auch vorlagen, noch in keiner Weise mit seiner Person an die
Oeffentlichkeit gedrängt; ja er ist selbst denen, die sich in Deutschland, sei's in
geschäftlicher, sei's in literarisch-kritischer Richtung auf das eingehendste mit seinen
höchst eigenartigen Werken befaßt haben, unbekannt geblieben. Das ist sonst nicht die
Art, die wir den Franzosen zuschreiben. Den Originalverlag seiner Werke, die schon vor
Erscheinen der deutschen Gesammtausgabe (A. Hartleben's Verlag in Wien, Budapest und
Leipzig) in vielen Uebertragungen zirkulirten, besitzt die Firma Hetzel u. Comp. in Paris.
In allen 21 Bänden findet sich nicht eine einzige Andeutung, die im entferntesten mit der
Stellung des Autors zusammenhinge.
Machen wir uns zunächst klar über das Talent des rasch zur
Berühmtheit gelangten Autors. Die erste durchgreifende Wahrnehmung ist diese: Die
Wesenheit, im Großen und Ganzen genommen, ist eine so ausgeprägt spezifische und
erfüllt den Autor so durch und durch, daß er gar keinem Zweiten sich parallel stellen
läßt, dafür aber sich selbst unwandelbar gleich und treu bleibt. Es ist ein und
derselbe große Zug vom ersten bis zum 21. Band, und der Kenner, der sich einmal in die
Manier hineingelesen hat, wird schließlich mit gleicher Sicherheit die Art und Weise
Verne's sich konstruieren und mit gleicher Klarheit sie darlegen können, ob er nun seiner
Beurtheilung die eine der größten (dreibändigen) Kompositionen unterlege: »Die Kinder
des Kapitän Grant« und »Die geheimnisvolle Insel«, oder aber, ob er eine der
kürzesten und knappsten herausziehe wie etwa aus Band 19 »Die Blokadebrecher« oder aus
Band 20 »Eine Idee des Doktor Ox«. Wir unsererseits haben die Eigenart Verne's in
vollster Wucht und frappantestem Glanz sich entfalten sehen in den zwei Erzählungen:
»Zwanzigtausend Meilen unterm Meer« und »Abenteuer des Kapitän Hatteras«. Wer
übrigens bei dieser fast mit plastischen Rundung in fest umschriebenen Linien sich
absetzenden Gleichartigkeit des Talents Einförmigkeit im Ton und in den Gestaltungen
fürchten sollte, der findet sich zu seiner Ueberrasschung enttäuscht und liest den 21.
Band mit der gleichen Spannung wie den ersten. Es sind immer neue Kreise in den
unermeßlichen Regionen von Erde und Himmel, in die wir eingeweiht, es ist ein immer neues
Spiel von Kombinationen der Kräfte und Elemente, die vor uns aufgeführt, es sind neue
Charaktere und Personengruppen, die in Thätigkeit gesetzt, ganz verschiedenartige
Phantasiegebilde und Landschaftsgemälde, die vor uns ausgebreitet werden, in jedem Stück
neues, überraschendes, mächtiges und prächtiges Leben, ein bewältigender Reichthum von
Schöpfungen und Bildungen.
Und nun die spezifische Wesenheit! Wir nannten sie früher schon
ausgeprägt in der durchaus ungewohnten und neuen, in der ganz einzigen Art der
Gestaltungen, welche seine riesige Phantasie schafft, und das Einzige beruht in der von
keinem vor ihm versuchten innigen Verknüpfung zweier ganz verschiedener, ja ihrer Natur
nach widersprechender Elemente zu Gebilden von mächtig ergreifender Lebenskraft. Seine
abenteuerlichen Reisen nach bekannten und unbekannten Welten verwenden auf der einen Seite
einen ganz ungeheuern Apparat moderner Naturkenntnisse, ein riesig aufgehäuftes, ein fast
unübersehbares Material aus allen den Zweigen dieses neuesten Wissens von der Natur,
deren kleinster ja heute zu einer die volle Lebenskraft absorbirenden Disziplin
angewachsen ist; eine mathematisch-exakt abgewogene und ebenso genau benutzte und
angebrachte Kenntniß aus den Kreisen der Astronomie und Mathematik, der Mechanik und
modernen Erfindung, der Chemie und Physik, der alten und neuen Geographie und der
sämmtlichen naturbeschreibenden Zweige. Verne setzt also den einen Fuß sehr energisch in
diese realistisch-materielle Welt hinein, mit deren eingehender Erforschung die jungen
Generationen sich gewaltig zu schaffen machen; er nimmt die Fakten und die sie regierenden
Kräfte, kombinirt sie, rechnet mit ihnen, gibt die Zahl- und Zeitbestimmungen, die Raum-
und Zeitgrößen mit aller Genauigkeit des Mathematikers, führt uns die nackten, klaren
und scharfen Thatsachen des Physikers und Mechanikers, die unbeirrbaren astronomischen
Gesetze der Weltbewegung auf das genaueste vor und bleibt mit erstaunlicher Festigkeit im
Bereich der erkannten und anerkannten Naturgewalten stehen, und die Bewegung, die er aus
ihnen herausschlägt, hält sich gemessen, Schritt um Schritt vorgehend, im Kreise der von
unserer neuesten Wissenschaft als Realitäten erwiesenen Gründe und Wirkungen.
Das ist die eine Seite: der unantastbare, der mit mathematischer
Sicherheit durchgeführte Realismus. Aber im Handumdrehen haben wir eine vollkommen
verschiedene Gestalt vor uns. Derselbe Mann, der den unermeßlichen Schatz realsten
Wissens plünderte, um uns den Inhalt desselben in tausend Konstruktionen hinzulegen;
derselbe, der so fest auf Granitboden steht, macht eine unberechenbare Wendung, springt in
einer Minute mit dem zweiten Fuß ins Unendliche hinaus, beginnt den Reigen mit den
Meteoren und Nebelflecken, treibt seine verwegenen Kombinationen und Phantasierechnungen
ins Ungeheuerliche und Unmögliche; er macht Prozesse durch, viel verwegener als der
berühmte Dichter, der seine Riesenfeder in den Schlund des Aetna tauchte, um mit ihr den
Namen der Geliebten in den Himmel zu schreiben; er springt, schnaubt, fliegt hinein ins
Schranken- und Gesetzlose, ins Abenteuerliche, Tolle und Märchenhafte; er spielt mit
einer riesig-ungeheuerlichen Naturphantastik, vor welcher alle Gesetze verstummen. Es ist
nach beiden Seiten die Bezeichnung »Naturwissenschaftliche Romane« in ihrem
charakteristischen Recht, und wir haben kurzweg eine neue Art vor uns und den Schöpfer
einer solchen. Sie und er stehen heute noch einzig da; es ist zweifelhaft, inwieweit es
andern gelingen möchte, auf den gleichen Pfaden zu wandeln.
Das unbedingt Originale liegt sonach in der Organismen schaffenden
Verknüpfung der mathematisch-genauen Real- und der phantastisch-romantischen Ideal- oder
besser Traumwelt, und das durch und durch Charakteristische des Schaffens und der
Schöpfungen faßten wir an einem andern Ort in einem Satz zusammen, an dem wir nichts zu
ändern finden. Wir sagten: Sollen wir in einem Paradoxon reden, so nennen wir das unsern
Autor Auszeichnende die Phantastik des Materialismus, und insofern ist er wiederum eine
Erscheinung modernsten Schlags. Also ein Talent des äußersten Dualismus, das aber - um
ein weiteres Paradoxon zu brauchen - durch sein Fixiren auf die mathematisch-genauen
Rechnungs- und Konstruktionspunkte die Logik des Unmöglichen aufbauen will.
Thöricht, wer einem Autor dieser Art gegenüber etwas ausschlaggebendes
glaubt gesagt zu haben mit der Erklärung: er belehre nicht, er verwirre. Wer so redet,
beweist entweder die Unkenntniß mit den Werken Verne's oder den Mangel an besonnener
Abstraktionskraft, die dem Leser ja jeden Augenblick jene Grenzen zwischen realem Wissen
und phantastischem Rechnen und Träumen herausfinden läßt, welche das mächtige
Gestaltungstalent des Autors, ästhetisch fein operirend, allerdings vorweg verwischt. So
gilt uns denn in Verne's Romanen die eine und die andere Seite gleich viel, die auf
Belehrung abzielende und die der poetisch-ästhetischen Unterhaltung dienende, sonach
nicht der eine oder andere Zweck abgetrennt, sondern der Doppelzweck. Wir schätzen die
verwegenen Phantasiegebilde, als freipoetisches Spiel - wir werden mächtig erfaßt und
eingesponnen in dieses neue Märchenfeld, das Märchen des Realismus, der Materie. Aber
wir repektiren auch die anmuthende Verbreitung populären Naturwissens aus allen Zweigen,
jene auf die fesselndste Art angebrachte Belehrung, welche von allen Ecken und Enden her
Naturkenntnisse in Kreise hineinträgt, die sonst nicht so schnell und jedenfalls nicht so
gierig danach greifen möchten. Man unterscheide wohl, und man fordere nicht, was man
nicht darf: Verne ist nicht Mathematiker noch Astronom, nicht Verfasser von physikalischen
oder mechanischen Hand- und Lehrbüchern, er ist und bleibt Romanschriftsteller. Aber er
streut in elegantester und gewandtester Weise eine erstaunliche Fülle von Kenntnissen
hin, aus allen Kreisen, und der Leser wird umso eher veranlaßt, davon Notiz zu nehmen,
als ohne ihre Unterlage die gewaltigen phantastischen Konstruktionen, die er aus der
unerhörten Multiplikation der realen Kräfte herausschlägt, absolut nicht verständlich
sind. Uebrigens bedarf er, um die wunderbaren Reisen nach dem Mond und um den Mond, nach
dem Mittelpunkt der Erde, 20.000 Meilen unterm Meer, die Fahrten nach dem Nordpol und in
die nie erreichten Eisgefilde des äußersten Südens, die erstaunliche Schnellreise um
die Erde, die Forschungen in ganz unbekannten Erdgürteln, die Ballonfahrten und Dramen
hoch in den Lüften auszuführen - er bedarf zu diesen fabelhaften und glücklich
erreichten Zwecken solcher Träger, die er heroisirt. Damit sie groß genug seien für die
tollkühnen Unternehmungen, muß er ihnen an Geistes- und Körperkräften titanenhafte
Dimensionen geben, ihnen einen Muth und eine Energie zusprechen, die Alles ertragen und
Alles überwinden. Dadurch nehmen diese Gestalten etwas Mysteriöses an, das ganz eigenen
Zauber auf sie wirft, aber auch mehrfach eine in's Düstere und Melancholische
herüberführende Grandiosität entwickelt, etwas Dämonisches an sich trägt. Ueberhaupt
schwebt immer eine unbekannte Riesenmacht über diesen prometheisch-gigantischen
Unternehmungen und läßt sie gelingen.
Die spezifisch wissenschaftlichen Hilfmittel sind unübersehbar: eine
Masse aus allen Jahrhunderten gezogener geschichtlicher Daten über Erfindungen,
Entdeckungen, mechanische Konstruktionen, über die Fortschritte in den
Einzelwissenschaften; Aufbau und Aufnahme philosophisch-wissenschaftlicher Theorien der
allerverschiedensten Art; Rechnungen über die Distanzen, die Materien und Medien;
Darlegung physikalischer Gesetze und mechanischer Konstruktionen höchst verwickelter Art;
Komposition, Wesen und Wirkungsweise der verschiedenartigsten Materien, die gewaltigsten
Vermessungen am Himmel und auf der Erde; Bahnberechnungen, Lichteffekte, Temperaturmaße,
Höhenmessungen, Gesetze der Schwere, Bestimmung der Anfangs- und Endgeschwindigkeit
fliegender Körper unter Einwirkung mannigfach sich kreuzender Kräfte; die ungelösten
Fragen des Himmels, so über die Mondbewohner, den Bau der Erdrinde und die Komposition
des Erdinnern bis in riesige Tiefen, die auf dem Festland und in den Meeren vorkommenden
organischen Schöpfungen und die vorweltlichen Gebilde; Operationen, Rechnungsaufgaben,
Instrumente und Apparate der mannigfachsten und sinnreichsten Art u.s.w. Kurz, die
Aufzählung ginge ins Ungemessene.
Das eigentliche Prachtmoment in Verne's Darstellungen sind die Bilder
der kontinentalen, der maritimen und der Himmelslandschaften. Man nehme den Anblick des
Himmels in einer dem Mond zustrebenden Höhe oder den des Mondes auf der von der Sonne
abgewendeten Seite; man durchwandere die mit einem Reiz düsterer Art und einem fast
geheimnisvoll sich ausprägenden Leben ausgestatteten Reiche des alleräußersten Südens
und Nordens; man blicke in jene unermeßliche Höhle mit dem Riesenmeer tief unten im
Erdenschoß und mit der ganz erstaunlichen Wunderwelt der Urschöpfungen; oder aber auf
die Atlantis als untergegangenen Erdtheil mit den Resten des organischen und des
Menschenlebens - die letztern zwei Gemälde insonderheit von grandios-majestätischer
Wirkung; man mache den fabelhaften Spaziergang mit und die Jagdstreifereien auf dem Grund
des Meeres; man streiche im Ballon über die unzugänglichen Wüsten und mephitischen
Sumpfgegenden Afrikas hin. Wir müssen auch hier mit einem sehr gedehnten Undsoweiter
schließen. So liegen sie vor uns, lebensvoll, anschaulich, springend, greifbar und
prachtvoll, groß und klein, Hunderte dieser Gemälde.
Dr. J. J. H.
Jules Verne im
Ungarischen Lloyd 1867-1876
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