| Nein danke, ich
trinke keine Milch! Bleiben Sie mir vom Leibe mit dem faden schlierig-schmierigen Ausfluss
vegetarischer Hornträger, verschonen Sie mich mit diesem Symbol unserer tierhaften
Kleinkindexistenz, Herr Doktor. Aber einen Kaffee trinke ich natürlich gern, wenn es sein
muss auch mit dem Strohhalm. Es hat wohl nicht viel Sinn, Sie zu bitten, mir diese dumme
Zwangsjacke abzunehmen? Nein? Ich hatte auch nicht mit dieser Art des Entgegenkommens
gerechnet, wenngleich ich Ihnen versichern kann, dass ich alles andere als verrückt bin.
Kriminell, ja, von mir aus ... Ein Dieb und Betrüger bin ich gewiss, das habe ich auch
vor Ihren Kollegen nicht geleugnet. Ich werde auch gern all meine Geständnisse gegenüber
den Behörden wiederholen - ich nehme doch an, Sie haben die Polizei inzwischen
verständigt -, aber ich betone nochmals: Ich bin nicht verrückt! Nun gut, wenn
Sie mich nötigen, werde ich auch Ihnen nochmals diese unselige Geschichte erzählen.
Würde es Ihnen etwas ausmachen, die Vorhänge zu schließen? Ja, vielen Dank, so ist es
besser. Nein, das Sonnenlicht hat mich nicht gestört, es war vielmehr der Ausblick ...
dieses Panorama, wissen Sie, dieses postkartenperfekte alpine Panorama aus blauem Himmel
und Bergen, die untere Hälfte bedeckt mit einem trügerisch friedlichen Grün und
darüber, sonnenbestrahlt, diese bläulich-weißen Gipfel, die auf mich wirken wie riesige
Milchwogen, die sich unaufhaltsam in die wehrlos darunterliegenden Täler und Dörfer
ergießen werden ... Nehmen Sie es mir nicht übel, doch ich hasse diese Landschaft!
Gebirge haben mich nie gereizt, im Gegenteil. Ich empfand diese Ansammlung von
deplatzierten Felsklumpen inmitten kitschiger Grünflächen, alberner Bächlein und noch
albernerer Spielzeugdörfer immer als geradezu enervierend belang- und geschmacklos. Doch
das Schlimmste daran sind diese Kreaturen ... Oh Gott, glauben Sie mir, etwas abgrundtief Böses
lauert in dieser trügerischen Idylle! Hören Sie mir zu, ich werde auch Ihnen in aller
Knappheit berichten, wie es dazu kam, dass ich mich in Ihrer Klinik wiederfand ... Es
begann ebenso harmlos wie perfekt.
Kurz nachdem ich wegen einiger aufgeflogener Scheckbetrügereien
gezwungen war, aus dem seriösen Geschäftsleben abzutauchen, traf ich - inzwischen
mittellos und außerstande, weiterhin meine Hotelrechnungen zu bezahlen - in einem
südeuropäischen Badeort meinen alten Freund Cramer, der mir eine Beteiligung an einer
recht interessanten Transaktion anbot. Es ging darum, den Besitzer eines bekannten
belgischen Beinprothesenkonzerns um seine Gemäldesammlung zu erleichtern. Auftraggeber
und Kopf dieses Unternehmens war eine ominöse bulgarische Gräfin, deren Namen ich mir
nicht merken konnte und von der man munkelte, sie wäre eine illegitime Tochter Benito
Mussolinis und besäße selbst zwei Beinprothesen des besagten belgischen Fabrikanten. Ich
gebe zu, all das hätte mir zu denken geben sollen, doch ich war wie geblendet von der
Aussicht, auf kriminelle Art erneut zu Vermögen zu kommen. Auch Cramer war sehr
zuversichtlich, und wir feierten unser Wiedersehen ausgiebig mit Hilfe seiner gefälschten
American-Express-Karte.
Am nächsten Tag ich hatte meinen Brummschädel nur mühsam mit
einem Aspirin-Tabasco-Cocktail unter Kontrolle gebracht - holte uns der Wagen der Gräfin
vom Hotel ab und wir fuhren zum Flughafen. Der Chauffeur war ein einäugiger Indianer, der
sich als Dimitri vorstellte und uns während der Fahrt in gebrochenem Holländisch seine
Lebensgeschichte erzählte. Angeblich war er als Säugling von sowjetischen Agenten in New
Mexico geraubt worden und später unter abenteuerlichen Umständen bei einem
Missionarsehepaar auf den niederländischen Antillen gelandet, doch für Cramer und mich
war völlig klar, dass der Kerl ein ehemaliger KGB-Mann war, den die globalen politischen
Umwälzungen der frühen neunziger Jahre als Faktotum bei unserer Gräfin stranden
ließen. Aber es war uns egal, denn bis auf die Verständigungsschwierigkeiten - Cramer
besaß nur einen alten Holländisch-Sprachführer für Touristen - war Dimitri ein
fröhlicher und gutmütiger Geselle, der dröhnend lachte, wenn er laut hupend den
schweren 600er Benz mit hundertachtzig Sachen durch die malerischen mediterranen Gassen
jagte.Am Flughafen erwartete uns schon ungeduldig die Gräfin. Ich höre noch heute das
Knirschen ihrer orangefarbenen Knautschlack-Fliegerkombination, als sie uns im
Stechschritt zu ihrem Flugzeug führte, einem umgebauten englischen Bomber aus den Tagen
der Suezkrise. Als Cramer, Dimitri und ich in der Maschine Platz nahmen, verteilte sie an
uns Wollmützen, Maschinenpistolen und Amphetamine. Mir kamen die ersten Zweifel, denn
einen Kunstraub hatte ich mir eigentlich immer ein wenig undramatischer vorgestellt, aber
nun gab es kein Zurück mehr. Mit ausdruckslosem Gesicht, die Augen hinter den
undurchdringlichen Gläsern einer Spiegelsonnenbrille verborgen, gab die Gräfin uns in
gebrochenem Russisch letzte Instruktionen, die Dimitri ins Holländische übersetzte. Ich
verstand kein Wort, und der Kopf tat mir weh. Wo mochte das alles enden? Knirschend
verschwand unsere geheimnisvolle Auftraggeberin im Cockpit, und wir starteten zu einem
Flug ins Ungewisse ...
Mit den Ereignissen in Brüssel will ich mich nicht lange aufhalten. In
einer Nacht-und-Nebel-Aktion stürmten wir das Palais des Prothesenfabrikanten. Dimitri
erdrosselte routiniert die fünf bis an die Zähne bewaffneten Leibwächter, und wir
schossen dabei wild in die Luft. Ich verstand zwar nicht, wozu, doch nach Cramers
Holländisch-Sprachführer war all dies Bestandteil der Instruktionen unserer Gräfin.
Vergeblich hielten wir nach einer Gemäldesammlung Ausschau. Bis auf einige billige
Spitzweg-Reproduktionen fand sich jedoch nichts an den verschwenderisch mit handgewebten
Textiltapeten verkleideten Wänden des Palais, und wir ahnten, dass die Gräfin uns nur zu
einem privaten Racheakt missbraucht hatte. Ein Verdacht, der sich noch erhärtete, als wir
eine lang anhaltende Maschinenpistolensalve und einen heiseren Todesschrei aus dem
Nebenzimmer hörten, und der zur Gewissheit wurde, als die Gräfin vergnügt lächelnd
durch die Tür trat. Feucht glänzende Blutflecke entwarfen mit jeder Bewegung immer neue
abstrakte Muster auf ihrer orange glänzenden Gestalt, während sie mit rauchiger Stimme
ein bulgarisches Volkslied anstimmte.
Ich hatte das unbestimmte Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu
sein.
Als ich mich an Cramer wenden wollte, bemerkte ich, dass er verschwunden
war. Durch ein zerschossenes Fenster sah ich ein Taxi davonfahren. Ich habe Cramer seitdem
nicht mehr gesehen.
Der Rückflug verlief sehr unerfreulich. Die Kommunikation mit Dimitri,
beziehungsweise mit der Gräfin über Dimitri, verlief sehr stockend, denn Cramer hatte
natürlich den Holländisch-Sprachführer mit sich genommen, und meine Kenntnisse dieser
Sprache erwiesen sich als äußerst unzureichend, zumal Dimitri nur ein sehr gebrochenes
Holländisch mit starkem russischen Akzent sprach. Doch damit nicht genug; die Gräfin -
offensichtlich immer noch von ihrer Bluttat euphorisiert - verflog sich, unsere Maschine
geriet in einen Gewittersturm und stürzte über den Alpen ab. Wie durch ein Wunder
überlebten wir die Katastrophe und machten uns in der Gewitternacht auf die Suche nach
dem nächsten Gehöft oder irgendeiner Menschenseele, die uns weiterhelfen konnte.
Es war die schrecklichste Nacht meines Lebens.
Blitze zuckten in apokalyptischem Eifer über die Berggipfel, der Wind
peitschte uns den Regen geradezu schmerzhaft ins Gesicht, und wir wussten nicht im
mindesten, wohin wir gingen, als wir uns über die regenglitschigen Almhänge kämpften.
Und plötzlich ... plötzlich war da dieser Ton, oh Gott, nie im Leben werde ich diesen
Laut vergessen können ... Es war der Ruf einer Kuh, jedoch nicht das uns allen vertraute,
leicht einfältig klingende "Muh", sondern eine pervertierte, unheimliche Form
des Muhens, wie ich sie noch nie zuvor vernommen hatte. Dieses Muhen klang wissend,
zutiefst bösartig und ... hungrig!
Wir standen wie erstarrt. Ein Blitz leuchtete über unseren Köpfen auf
und tauchte die Wiese und uns in ein grelles weißes Licht. Dimitris Gesicht war
angstverzerrt, sein eines Auge in panischer Furcht aufgerissen. Die Gräfin zerbiss einen
bulgarischen Fluch auf ihren dünnen Lippen und stolperte einen Schritt rückwärts, und
in den regentropfenübersäten Spiegelgläsern ihrer Brille sah ich den Grund für ihr
Entsetzen und das scheußliche Geräusch. Vor uns, vielleicht zehn, fünfzehn Meter
entfernt, standen Kühe, eine ganze Herde von Kühen, aber was für Kühe ... Sie schienen
seltsam aufgebläht, viel kräftiger, als eine normale Kuh jemals ist. Ihre Augen
leuchteten in einer unglaublich abgrundtiefen Bosheit, die geblähten Nüstern zitterten
erregt, und ihre Mäuler entblößten blutverschmierte Fangzähne in unsere Richtung! Ich
glaube, ich habe nur noch sinnlos geschrien und mich dann völlig kopflos in die Nacht
gestürzt. Dimitri lief hinter mir, anfangs hörte ich auch noch das rhythmische Knirschen
der Gräfin, das dann jedoch abrupt abbrach. Ich hörte ihre schrillen Schreie, hörte
noch die Salven aus ihrer Maschinenpistole, bis dieses abnorme Muhen wieder einsetzte und
alles andere übertönte. Als ich mich kurz umblickte, glaubte ich im Schein eines Blitzes
eines dieser Monster mit den Beinprothesen der Gräfin davonlaufen zu sehen ...
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir durch die Nacht rannten; es können
Stunden oder auch nur Minuten gewesen sein. Irgendwann kamen wir jedenfalls zu dieser
verdammten Almhütte, in der wir uns völlig erschöpft verbarrikadierten. Wir wussten,
dass diese Bestien noch irgendwo dort draußen sein mussten, wenngleich wir von ihnen nun
nichts mehr hörten oder sahen. Doch fürs Erste waren wir sicher. Das dachte ich
jedenfalls.
Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als wir uns in der Hütte nach etwas
Essbarem umsahen. Wir fanden Schinken und Käse, und Dimitri entdeckte einen Eimer mit
Milch, aus dem er sich eifrig bediente. Angewidert - ich schilderte Ihnen ja schon meine
diesbezügliche Abneigung - wandte ich mich von Dimitri ab und irgendeinem obskuren
Bergbauernschnaps zu, der meine Eingeweide wohlig wärmte, meinen lädierten Verstand
beruhigte und mich schon bald in einen angenehmen Dämmerzustand versetzte. Dieser endete
abrupt durch lautes Geschrei und das Krachen des umstürzenden Tisches. Ich sprang auf und
wollte meinen Augen nicht trauen: Am Boden wälzte sich, inmitten einer fettig glänzenden
Milchlache, Dimitri - oder besser das, was einstmals Dimitri gewesen war! Die
Gesichtszüge des Indianers waren auf eine entmenschte Art verzerrt, sie schienen
eigentümlich verschoben, seine Augenklappe war verrutscht und hatte einer fortdauernden
Metamorphose des Schädels Platz gemacht. Die Haut auf seinem Kopf riss, auf und die
Spitzen zweier Hörner schoben sich mit einem widerwärtigen Schaben hindurch; seine
hilfesuchend ausgestreckten Hände verklumpten, formten sich zu Hufen, und ... es war
unglaublich! ... durch die zerrissenen Fetzen seiner Chauffeurs-Livree sah ich, wie ihm
ein Euter wuchs! Das Letzte, woran ich mich erinnern kann, ist die akkubetriebene
Schlagbohrmaschine, die an der Hüttenwand hing. Ich glaube, ich habe sie gegriffen und
dann ...
Den Rest kennen Sie ja, Herr Doktor. Irgendwann habe ich mich hier in Ihrer Klinik
wiedergefunden. Aber ich bin nicht verrückt! Irgendwo dort draußen sind diese Kreaturen,
und vielleicht werden es noch mehr, verstehen Sie, der arme Dimitri ... Ich weiß nicht,
was es war, aber es hatte irgendetwas mit dieser Milch zu tun.
Was sagen Sie? Sie trinken hier immer nur die gute Frischmilch von da
oben? Und die Flasche da haben Sie auch erst heute erhalten? Schön, schön, aber wie
gesagt, ich hasse Milch, für mich bitte nicht, doch Ihnen scheint sie ja zu schmecken.
Haben Sie eigentlich schon die Polizei verständigt?
Herr Doktor?
Ist Ihnen schlecht?
Herr Doktor ...?
© Thomas Wagner 2003 |
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