epilog.de > Texte > Watson-ian-1943 > im Gespräch mit Ian Watson: Mit Stanley Kubrick zu arbeiten hatte etwas Surrealistisches
Plan Deutschland
epilog.de
Filme
Bücher
Personen
Texte

Magnet-Manufaktur

Epilog zum
verschenken:

»Mit Stanley Kubrick zu arbeiten hatte etwas Surrealistisches«

Bernhard Kempen im Gespräch mit Ian Watson


Im Rahmen von Trinity '99 - European Science Fiction Convention fand am 22.5.1999 in Dortmund ein Gespräch zwischen dem britischen Autor Ian Watson und Bernhard Kempen (der seinen Mana-Zyklus ins Deutsche übersetzte) statt. Dabei ging es in erster Linie um den kurz zuvor verstorbenen Regisseur Stanley Kubrick, mit dem  Watson 1990/91 an einem Drehbuch arbeitete, das erst zehn Jahre später von Steven Spielberg als A. I. Künstliche Intelligenz (A. I. Artificial Intelligence • USA 2001) verfilmt wurde, aber auch um Watsons eigene Romane.
Bernhard Kempen: Wie Sie vermutlich längst erraten haben, ist dies unser Ehrengast Ian Watson. Ich denke, daß wir ihn nicht mit allen biographischen Details vorstellen müssen. Also möchte ich mit einer Frage beginnen, die mir immer gestellt wird, wenn ich im Ausland bin: Wie gefällt Ihnen Deutschland?

Ian Watson: Deutschland ist außerordentlich grün. Das meine ich nicht im politischen Sinne. Es ist etwa vier Jahre her, seit ich zuletzt in Deutschland war, in Düsseldorf. Ich habe gedacht, daß Dortmund, da es schließlich im Ruhrgebiet liegt, voller Rauch und alter Fabriken wäre. So sieht es nämlich in England aus. Aber hier gibt es viele Bäume, und aus den Wipfeln ragen oben ein paar alte Fabrikdächer heraus. Als müßte man sie mit einer Kuppel schützen, um sie zu erhalten. Anderswo würde man vielleicht die letzten auf der Erde existierenden Pflanzen unter einer Kuppel schützen - aber hier wird es vielleicht einmal die letzte alte Fabrik mit all ihren giftigen Abgasen sein. Insgesamt ist es sehr schön und sehr freundlich. Allerdings kann ich nach 36 Stunden in Dortmund - von denen ich einen Großteil in der Kneipe verbracht habe - kaum auf ganz Deutschland schließen.

Kempen: Erzählen Sie uns etwas über Stanley Kubrick.

Watson: Ich habe 1990 und 1991 mit Stanley Kubrick an einem Drehbuch für den geplanten Film A. I. Artificial Intelligence - gearbeitet. Letztes Jahr verkaufte ich meine Memoiren über Stanley an den New Yorker. Die meisten Leute, die mit Stanley zusammengearbeitet haben, mußten sich mit ihrer Unterschrift zur strengsten Geheimhaltung verpflichten, aber er hat vergessen, mir einen solchen Schwur abzuringen. Die Memoiren, die laut Vertrag 9000 Wörter hatten, sind recht lustig, da die Arbeit mit ihm extrem surrealistisch war. Der New Yorker ist ein altehrwürdiges Magazin, und es verging viel Zeit. Man wollte meine Memoiren zum Filmstart von Eyes Wide Shut (Eyes Wide Shut • USA 1999) herausbringen. Dann starb Stanley plötzlich, und der New Yorker schickte mir eine E-Mail, in der es hieß, daß sie meine Arbeit nicht verwenden könnten, weil Stanley zu plötzlich gestorben sei. - Er hätte langsamer sterben sollen. - Also zahlten sie mir eine Abfindung und übernahmen etwa 1300 Wörter aus meinen Memoiren, die sie erheblich redigierten und abänderten. Als ich den Text las, fiel mir zum Beispiel auf, daß sie den Vogel geändert hatten - sie machten aus dem Star einen Spatz. Ich meine, wozu? Warum ändert man so etwas? Ich weiß es nicht. Das sind die typischen Sachen, die Verlagslektoren tun. Mit dem Wundermittel E-Mail setzte ich mich sofort mit dem Playboy in Verbindung und verkaufte ihm meine Memoiren. Sie haben es ein wenig zusammengeschnitten und einen Teil der komischsten Witze herausgeworfen. Aber 4000 Wörter davon erscheinen im Juli im Playboy. Ich arbeitete neun Monate mit Stanley zusammen, und es war ein wirklich seltsames Erlebnis. Eigentlich ging ich davon aus, daß Stanley mich wegen Verletzung der Privatsphäre oder sonstwas vor Gericht verklagen würde, wenn meine Memoiren veröffentlicht würden. Es steht aber nichts Gehässiges über ihn drin, sie sind lediglich komisch. Ich dachte, wenn er das tun sollte, würde ich mich vor Gericht verteidigen - das würde noch komischer sein. Ich meine, das Leben sollte doch Spaß machen!

Die einzige Möglichkeit, während der Zusammenarbeit mit Stanley nicht verrückt zu werden, war, das Ganze als eine surreale Episode zu betrachten. Stanley ist - beziehungsweise er war - ein wenig realitätsfremd. Nun ja, jetzt ist er tatsächlich weit von der Realität entfernt. Er war unter den Regisseuren insofern einmalig, als er die völlige finanzielle Kontrolle über seine Werke hatte. Er wachte geradezu fanatisch über jedes Detail der fremdsprachigen Versionen seiner Filme. Beispielsweise mußten sämtliche fremdsprachige Untertitel durch eigens von ihm eingestellte Experten überprüft werden, um sicher zu sein, daß sie dem englischen Drehbuch genau entsprachen. Das Problem mit einem korrekten koreanischen Titel für Full Metal Jacket (Full Metal Jacket • GB 1987) beschäftigte ihn mehrere Monate. Unsummen von Geld wurden ausgegeben. Stanley liebte es, Geld auszugeben. Er sagte mir einmal: »Weißt du, was die Essenz des Filmemachens ist, Ian?« Ich erwartete irgendeine große Offenbarung. Er sagte aber: »Sachen kaufen, Ian!«

Grundsätzlich zog er es vor, diese Sachen aus Deutschland oder Kalifornien zu beziehen, weil nichts so richtig funktionierte, wenn man es in Großbritannien kaufte. Das lag an der Labour Party, bei der ich damals aktives Mitglied war. Das machte Stanley skeptisch, und er fragte mich, was passieren würde, wenn Labour an die Macht käme. Stanley wohnte bereits seit 20 Jahren in Großbritannien. Er war nach England gezogen, weil er glaubte, es sei dort sicherer als in New York. Stanley machte sich erhebliche Sorgen über das Sterben. Er hatte einmal Flugunterricht für kleine Flugzeuge genommen, aber er weigerte sich, jemals wieder zu fliegen, weil der Flugunterricht ihm gezeigt hatte, wie extrem gefährlich das Fliegen war. Und er hatte auch Angst, aus dem Haus zu gehen, weil ihm ein Dachziegel auf den Kopf fallen könnte.

Jedenfalls war das Kaufen von Sachen für Stanley sehr wichtig, da er irgendwie ein Einsiedler war, und seine Filme deshalb fast ausschließlich in England gedreht wurden, abgesehen von kleinen Trips per Schiff hinüber nach Irland. In Full Metal Jacket zum Beispiel wurde Vietnam im Londoner East End gedreht, in einem verlassenen Gaswerk. Als erstes besorgte sich Stanley aus Kalifornien einen vietnamesischen Dschungel aus Plastik und ließ ihn einfliegen. Dann ging er auf den Set, schaute ihn sich an und sagte: »Er gefällt mir nicht. Weg damit!« Aus diesem Grund gibt es in North London so viele Häuser, in denen Filmtechniker leben, mit vietnamesischen Bäumen aus Plastik im Vorgarten ... Statt dessen ließ sich Stanley einen echten Dschungel einfliegen, der aus Palmen bestand, die in Spanien gekauft wurden. Und sie wurden alle in diesem Gaswerk im Londoner East End aufgestellt, wie auch in den Aufnahmestudios. Manche Leute sagen, daß an Full Metal Jacket eine leichte Künstlichkeit und Stilisierung auffällt. Das liegt wahrscheinlich daran, daß der Film in England gedreht wurde.

Stanley ist ein Perfektionist. Das ist einer der Gründe, warum er in Shining (The Shining • USA 1979) Jack Nicholson 58mal eine Straße überqueren ließ. Er machte das, so sagte er mir, in der Hoffnung, daß irgend etwas Interessantes passieren würde. Und dieser Vorgang des ständigen Wiederholens, ohne den Schauspielern zu sagen, was er wollte, wurde noch intensiviert. Für Eyes Wide Shut, glaube ich, wurden einige der Szenen 120mal gedreht. Es gab es Berichte in den Zeitungen, wie Tom Cruise Probleme hatte, in einigen der Sexszenen seine Manneskraft aufrecht zu erhalten. Das ist unter Umständen erklärbar, wenn man sie hundertmal wiederholen muß.

Niemand ist sich eigentlich sicher, wie Eyes Wide Shut letztendlich aussehen wird. Ich meine, es basiert - wie Sie ja wissen - auf einer Novelle von Arthur Schnitzler, die in das heutige New York versetzt wurde. Und es wurde natürlich in London gedreht, das so hergerichtet wurde, daß es wie New York aussah - indem Sachen gekauft wurden. Es ist möglicherweise der größte Blue Movie aller Zeiten. Bis jetzt haben ihn, glaube ich, fünf Leute gesehen: die zwei Manager von Warner Bros., die amerikanischen Filmzensoren, und Cruise und Kidman. So war die Situation vor einem Monat, sagte mir Warner Bros. Entweder ist es ein Meisterwerk, oder es wird der lächerlichste Film aller Zeiten. Terry Southern, der als Drehbuchautor für Dr. Strangelove mit Stanley zusammenarbeitete, hat sogar einen Roman geschrieben, der auf der Arbeit mit Stanley basiert. Darin stellt er sich einen Filmregisseur irgendwann in der Zukunft vor, der eine Unmenge Geld investiert, um - zu seinem eigenen Vergnügen - einen Blue Movie zu drehen, der mehr kosten würde als jeder andere Film in der Geschichte. Und es scheint, daß sich diese Prophezeiung bei Stanley irgendwie erfüllt hat. Möglicherweise ist es ein Meisterwerk, aber Warner Bros. hüllen sich in Schweigen.

Auf jeden Fall mußten viele Sachen gekauft werden. Wenn Stanley einen Bleistift wollte, wurden alle möglichen Bleistifte gekauft. Er probierte sie alle aus, bis er den richtigen hatte, und dann kaufte er große Mengen des richtigen Bleistifts. Stanley sah immer ein wenig vergammelt aus, als ich mit ihm arbeitete. Alte Turnschuhe, alte Hosen, ein Mantel mit vielen Taschen und Kugelschreibern - er sah ein wenig wie ein gutmütiger Stadtstreicher aus. Nach ein paar Wochen überlegte ich mir, wie er es schaffte, immer gleich auszusehen. Man hätte erwartet, daß die Hosen von Tag zu Tag schmutziger würden, aber sie wurden es nicht. Ich fragte schließlich Emilio - Emilio war Stanleys Chauffeur. Er hatte zusammen mit Emerson Fittipaldi Rennen gefahren - er war also ein ziemlich guter Fahrer. Emilio organisierte viele Dinge in Stanleys Haus; wenn Emilio sich nämlich nicht darum kümmerte, traten Katastrophen ein. Jedenfalls fragte ich Emilio, wieso Stanley immer dieselben Kleider trug. Und Emilio sagte: »Ach, Ian, wenn Stanley etwas sieht, das ihm gefällt, dann kauft er sich jede Menge davon. Von dieser Hose besitzt er zehn Stück, und von dem Mantel gibt es ebenfalls zehn Stück - alle in genau demselben Zustand. So arbeitet er sich durch seine Garderobe - er läßt die alten Klamotten reinigen und zieht die neuen an.«

Emilio holte mich zwei- oder dreimal die Woche von zu Hause ab - ich wohnte etwa 40 Meilen von Stanleys Haus entfernt - um mit Stanley zu Mittag zu essen und im alten Billardzimmer Brainstorming zu betreiben. Es hatte einen neuen Billardtisch, aber es war das alte Billardzimmer. Dadurch lernte ich auch Emilio näher kennen. Emilios größter Wunsch war es, wieder nach Hause zu seinem Weinberg in Monte Cassino zurückzukehren. Aber wenn man für Stanley wichtig geworden ist, ist es schwer, einfach wieder zu gehen. Emilio hatte vielerlei Pflichten. Er mußte jeden Morgen anfahren - er wohnte im North London, 25 Meilen von Stanley entfernt. Sogar am Weihnachtstag mußte er kommen, um die Tiere zu füttern. Wenn man nämlich Stanley die Tiere füttern ließ, kam es zu Mißgeschicken, da Stanley darauf bestand, daß für die Tiere nur das beste Porzellan benutzt wurde. Niemand wollte, daß er das tat. Aber Stanley tat es, es sei denn, es wurde ihm verboten. Also kam Emilio, um die Hundefutterdosen am Weihnachtstag und an jedem anderen Tag zu öffnen.

Emilio sagte mir eines Tages während der Fahrt: »Ian, Stanley hatte mir versprochen, daß ich am letzten Sonntagnachmittag frei haben könnte. Er versprach es feierlich. Nachmittags klingelte dann das Telefon.« Es handelte sich dabei um eine eigens eingerichtete Standleitung, da Emilios Frau nicht erlaubte, daß Stanley das Haus anrief ... Soll ich einfach über Stanley weitererzählen?

Kempen: Bitte!

Watson: Gut. Unterbrechen Sie mich, wenn Sie etwas anderes hören wollen. Also, Emilio sagte zu mir: »Stanley rief an, und er sagte: 'Emilio, ich brauche etwas Schnur.' Stanley hatte offenbar Spaß daran, Dinge zusammenzubinden. Emilio sagte: »Ian, ich kenne mich mittlerweile mit diesen Dingen aus. Ich sagte zu Stanley: 'In welchem Zimmer bist du gerade?' Stanley sagte: 'Im Computer-Zimmer.' 'Okay', sagte Emilio, 'hör mal zu, Stanley - siehst du den großen Schrank mit den Computerbändern obendrauf?' Stanley sagte: 'Ja.' 'Also', sagte Emilio, 'geh direkt auf den Schrank zu. Auf dem mittleren Regal, in der Mitte, liegt ein Rolle Schnur. Halt, Stanley! Geh hin, komm sofort zurück und sag mir, daß du sie hast.'«

»Ian«, sagte Emilio zu mir, »ich habe Schnurrollen in sämtlichen Zimmern, und es gibt ungefähr 58 Zimmer im Haus. Außerdem habe ich Ersatzrollen versteckt, wo Stanley sie nicht finden kann.« Es gab also Wege, mit Stanleys Wünschen umzugehen. Als Stanley in sein jetziges, großes Haus zog, sagte er zu Emilio: »Schau mal, ich möchte nicht, daß die Handwerker mein Zeug berühren. Ich möchte, daß du es alles selbst machst. Nimm dir zwei Wochen und ziehe um!« Dabei handelt es sich um Stanley Kubricks komplette Sammlung von Filmen, Projektoren, Büchern, Bücherschränken - tonnenweise Sachen. Und Emilio hat alles selbst herumgetragen und hat sich dabei den Rücken ruiniert.

Stanley hatte zwei Autos, einen alten, schwarzen Mercedes und einen weißen Porsche. Ein Porsche ist zum Einsteigen ein sehr niedriges Auto. Emilio sagte mir: »Drei Jahre lang weigerte ich mich, den Porsche zu fahren. Jede Woche stieg ich ein und startete den Motor. Und ich prüfte das Öl. Aber wir benutzen ihn nicht - ich weigerte mich.« Schließlich kam ein Brief vom Manager der britischen Porsche-Niederlassung: »Lieber Herr Kubrick, es stimmt uns traurig, daß Sie einem hervorragenden Produkt unserer Ingenieurskunst Schaden zufügen, indem Sie es nicht warten lassen!« Stanley ging zu Emilio: »Emilio, hier steht, daß du dem Porsche Schaden zufügst. Warum tust du das?« Emilio sagt: »Schau mal, Stanley - ich versuche Geld zu sparen! Wir benutzen das Auto nicht! Es braucht keine Wartung!« Stanley war nicht überzeugt. Also mußte Emilio den Manager von Porsche anrufen: »Hallo, ich bin der Rennpartner von Emerson Fittipaldi. Mein Name ist Emilio d'Alessandro. Wissen Sie, wer ich bin?« Und der Porsche-Manager sagt: »Jaja, ich weiß.« - »Also, hören Sie: Unser Auto hat 4000 Meilen auf dem Zähler. Was schließen Sie daraus?« - »Sie benutzen ihn nicht.« Also mußte der Chef von Porsche persönlich an Stanley schreiben und ihm erklären, daß man ein Auto, das man nicht fährt, nicht warten muß.

Das Problem war, daß Stanley versuchte, jeden völlig für sich zu beanspruchen und allmählich immer mehr in Besitz zu nehmen. Emilio sagte mir vor ein paar Jahren: »Ian, ich habe meine Kündigung eingereicht. Ich höre auf.« Und ich sagte: »Gut gemacht!« Und Emilio fügte hinzu: »Mit drei Jahren Kündigungsfrist.« Es war erstaunlich - Stanley hörte einfach nicht zu. Emilio sagte ihm: »Noch ein Jahr, Stanley. Du mußt dich um jemand anderen kümmern.« - »Noch sechs Monate, Stanley!« - »Drei Monate!« Stanley hörte nicht zu. Er würde Emilio nicht verlieren. Statt dessen mietete er für Emilio ein Haus - Emilio hatte sein Haus verkauft. Er mietete ein Haus für sechs Monate. Emilio mußte weitere sechs Monate bleiben. Aber dann schaffte er es endlich und haute ab nach Italien zu seinem Weinberg.

Die Frage der Kontrolle - wer kontrollierte wen? - war sehr wichtig. Viele Autoren, die mit ihm arbeiteten, haben sich völlig verausgabt, weil er ihnen immer mehr abverlangte. Und im Grunde wußte er gar nicht, was er von einem wollte. Ich war für ihn eine Art Traumdeuter. Er hatte einen Traum, und ich mußte mir überlegen, was er bedeutete.

Es war wie in dieser alten Science-Fiction-Story »It's a Good Life« von Jerome Bixby. Darin geht es um ein paranormales Kind, das unendliche Macht besitzt, und die Erwachsenen um ihm herum mußten alles tun, was es von ihnen verlangte, weil sonst schreckliche Dinge geschehen würden. Und ich kam mir vor, als wohnte ich im Kinderzimmer dieses paranormalen Kindes, als ob ich mit ihm spielte und kleine Burgen aus Bauklötzen mit ihm baute. Sie stellten die Geschichte dar, die wir durch Ratespiele zusammenzusetzen versuchten. Wir begannen um ein Uhr, und um fünf trat Stanley gegen die Burg und brachte sie zum Einsturz. Sie war zerstört, und wir mußten wieder von vorn anfangen. Und er wollte immer mehr und mehr.

Ich habe auch versucht, ihn ein wenig zu kontrollieren. Ich kann mich erinnern, wie wir eines Tages beim Mittagessen in der Küche saßen. Stanley wohnte bereits seit 20 Jahren in England, aber er schlief immer noch nach amerikanischer Zeit. Es paßte ihm besser so. Ich kam also immer zum Mittagessen, was für ihn das Frühstück war. Stanley aß gerne jeden Tag das gleiche, mehrmals am Tag, bis es ihm zum Hals heraushing. Als ich bei ihm anfing, war es chinesisches Essen zum Mitnehmen, in diesen Alufolienbehältern. Das war Stanleys Frühstück und mein Mittagessen. Das ging wochenlang so, und ich hatte es satt. Dann kam die Phase mit den erstklassigen vegetarischen Köchen, die ins Haus geholt wurden - bis sich herausstellte, daß sie selbst gar keine Vegetarier waren, daß sie nicht sonderlich gut kochten und daß sie aus den Tiefkühltruhen Sachen mitgehen ließen. Sie mußten gehen, und danach kochte Stanley für längere Zeit für mich. Das eine Rezept, auf das er sehr stolz war, ging so: Man nimmt zwei große Lachssteaks und legt sie in eine Schüssel, übergießt sie mit Milch, stellt sie in die Mikrowelle und schaltet sie für viereinhalb Minuten ein. Dann ißt man sie.

Jedenfalls saßen wir eines Tages mit unseren Lachssteaks da - es war ungefähr September - und ich entdeckte eine Biene auf dem Fußboden. Diese Biene sah etwas mitgenommen aus. Ich sagte zu Stanley: »Da ist eine Biene auf dem Fußboden.« Er sagte sofort: »Wird sie mich stechen?« Er machte sich nämlich große Sorgen über solche Dinge. Ich stand auf und sagte, »das glaube ich nicht«, und ging hin, um sie mir näher anzusehen. Er sagte: »Setz dich wieder hin, Ian«. Er liebte Tiere und glaubte, daß ein Mitglied der Labour Party, besonders ein Anhänger des linken Flügels der Labour Party, die Biene sofort zertreten würde. Also nahm Stanley seinen Mut zusammen, ging hinaus und holte eine große Glashaube und ein Stück Karton. Er manövrierte den Karton unter die Biene, stülpte die Haube darüber und trug sie hinaus in den Garten. Und er sagte: »Du bleibst hier, Ian. Geh mir nicht nach!« Also schaute ich weiter fern.

Wir hatten stets CNN eingeschaltet. Es war die Zeit des Golfkrieges, und der Regisseur von Dr. Strangelove mußte sich den Golfkrieg ansehen. Nach fünf Minuten kam Stanley zurück und sagte, er hätte einen Platz für die Biene gefunden. Ich wollte ein wenig gehässig sein, und sagte: »Stanley, es ist September. Es gibt Nachtfrost!« Und er sagte: »Meinst du, die Biene wird sterben?« - »Das kann schon sein, Stanley«, sagte ich. Und er sagte: »Ian, rühr dich nicht von der Stelle!« Er ging wieder hinaus in den Garten, und nach zehn Minuten kam er mit der Biene unter der Haube zurück. »Was glaubst du, was Bienen essen, Ian?« - »Ich weiß nicht, vielleicht Honig.« Also holten wir einen großen Topf Honig und einen großen Löffel. Stanley steckte den Löffel hinein und setzte diesen riesigen Ätna aus Honig neben die offensichtlich sterbende Biene. Dann mußten wir ungefähr 23 Zimmer inspizieren, bis wir schließlich für die Biene und den Honig einen sicheren Platz für den Winter fanden. Es amüsierte mich ungemein, daß Warner Bros. mir 3000 Dollar pro Woche für solche Drehbuchkonferenzen bezahlte.

Kempen: Was war für Stanley Kubrick der ursprüngliche Anlaß, mit Ihnen zu arbeiten?

Watson: Nun, die ursprüngliche Idee für die Geschichte war eine sehr kurze Geschichte von Brian Aldiss, die er Jahre zuvor gekauft hatte. Alles, was Stanley Kubrick anfing, dauerte Jahre. Es lief alles sehr, sehr langsam. Stanley war auf der Suche nach Schriftstellern, mit denen er arbeiten konnte. Er versuchte es mit Bob Shaw, einem nordirischen Science-Fiction-Autor. Es war klar, daß Bob Stanley nicht überleben würde. Er hielt es sechs Wochen aus. Ich weiß nicht, ob Sie Bob Shaw jemals kennengelernt haben. Er war ein wunderbarer Mensch. Leider ist er gestorben. Er hielt immer sehr amüsante Gespräche auf Science-Fiction-Cons, und er war in Wirklichkeit sehr, sehr schüchtern. Also war die Zusammenarbeit mit Stanley Kubrick eindeutig zuviel für ihn. Bob erzählte mir, daß er immer mit dem Zug kommen mußte. Er kam immer eine Stunde früher als angekündigt, damit er sich vor dem Treffen mit Stanley noch einige Whisky genehmigen konnte.

Schließlich wurde Emilio neugierig, weil er Bob nie auf dem Bahnsteig vorfand, sondern stets schon in der Bahnhofshalle. Er hielt es sechs Wochen aus. Er mußte einfach aufgeben, weil er mit den ständigen Gedankensprüngen nicht zurechtkam. Dann rief Stanleys Assistent Tony verschiedene Leute wie den Buchhändler Ken Slater an und fragte, welche britischen Science-Fiction-Autoren es denn gäbe, die Ideen hatten. Und Ken nannte ihm meinen Namen! Von einem anderen Buchhändler bekam Tony die gleiche Antwort - Gott sei Dank! Also setzte sich Tony mit mir in Verbindung und sagte: »Stanley Kubrick möchte mit Ihnen reden.« Ich fragte: »Worüber?« Und er sagte: »Ich weiß es nicht.« Obwohl er es ganz genau wußte. Ich sollte es erst erfahren, wenn ich dort war.

Stanley sagte also: »Okay, ich habe diese Geschichte. Wie wäre es, wenn Sie ein Drehbuch daraus machen würden? 12.000 Wörter - wir zahlen Ihnen 20.000 Dollar. Sie können schreiben, was Sie wollen. Nehmen Sie sich einen Monat Zeit.« Das hörte sich nach einem guten Monatsgehalt an. Also ging ich nach Hause und schrieb ihm eine Geschichte mit 12.000 Wörtern, die ich in die ferne Zukunft verlegte - Ideen, die sich mit der Zeit bei mir angesammelt hatten. Das Telefon klingelte wieder. »Stanley möchte sich wieder mit Ihnen treffen.« Und ich dachte: Oh, gut! Ich habe offenbar eine brauchbare Geschichte für seinen Film geschrieben! Hahaha! Ich erschien bei Stanley, und er sagte: »Die Geschichte ist natürlich unbrauchbar. Aber mir gefällt, wie Sie sie geschrieben haben. Also, wollen Sie für mich arbeiten und mehr schreiben?«

Und so fingen wir an. Wir sprachen die Szenen des Films durch, der im Grunde eine Roboter-Version von Pinocchio war. Die Textgrundlagen waren also Pinocchio von Carlo Collodi und ein Buch über Roboter und künstliche Intelligenz von Hans Borawek mit dem Titel Mind Children. Im Grunde geht es darum, daß ein kleiner Roboterjunge und sein Roboterteddy versuchen, ein richtiger Junge und ein richtiger Teddybär zu werden - genau wie es Pinocchio versuchte. Sie ziehen also los, um die blaue Fee oder etwas Ähnliches zu finden, die sie in einen richtigen Jungen und einen richtigen Teddy verwandelt. Und das alles findet in einer Welt in der Zukunft statt, in der Roboter alle möglichen Arbeiten verrichten, in der Roboter weitverbreitet sind.

Stanley fragte: »Was passiert dann? Was sollte deiner Meinung nach jetzt passieren?« Und ich sagte: »Was hältst du von einem Roboter-Café, in dem sie alle herumsitzen und so tun, als würden sie aus leeren Tassen trinken?« Sie können nicht wirklich trinken, aber sie versuchen natürlich, wie Menschen zu sein - also schien das eine gute Idee zu sein. »Okay, schreib es auf!« Ich schrieb also diese Szene. Und der kleine Roboterjunge und sein Roboterteddy wanderten umher - ich schickte sie durch radioaktive Abfallhalden und solche Sachen. Wir ließen die Geschichte sich entwickeln. Manchmal rief Stanley an und sagte: »Gott segne dich, Ian! Du bist auf Erfolgskurs. Mach weiter so!« Andere Male rief er an und sagte: »Ian, es ist, als ob du ein B-Movie für einen Schwachkopf schreibst!« In diesen Momenten sagte ich nichts. Ein anderes Mal, nach ein paar solchen furchtbaren Tagen, rief er an und sagte: »Ian, es liest sich heute zufällig ganz gut.« Und ich sagte: »Vielleicht ist es gar kein Zufall, daß es sich gut liest!« Und Stanley sagte: »Du willst mich nur verwirren, ich weiß.« Es war für ihn, als ob ich zwei oder drei Tage lang absichtlich schlecht schrieb, um ihn dann zu verblüffen, indem ich etwas schrieb, das die alte Begeisterung zurückbrachte.

Stanley sagte zu mir: »Schau mal, Ian, sie kommen alleine nicht so gut voran, der kleine Roboterjunge und der Teddybär. Wir brauchen eine Art G.I.-Joe-Figur.« Und ich sagte: »Wie wäre es mit einem Gigolo Joe, einem Sex-Roboter?« Und Stanley sagte: »Okay!« Also schuf ich einen Sex-Roboter und dazu einige Kunden. Und es war ein sehr unschuldiger Sex-Roboter. An den künstlichen Intelligenzen im Film ist nichts Hochentwickeltes. Ich meine, im Grunde sind sie extrem dumm. Sie sind künstliche, aber sehr beschränkte Intelligenzen. Sie müssen sich sehr einfach ausdrücken und haben wenig Verständnis für die Realität. Stanley sagte mir also, ich solle mir den Film Willkommen, Mr. Chance (Being There • USA 1979) mit Peter Sellers anschauen. Das ist der Film, in dem Peter Sellers einen geistig minderbemittelten Gärtner spielt, der schließlich Berater des amerikanischen Präsidenten wird. Also mußte ich etwas Ähnliches schreiben. Zum Beispiel versuchen die Roboter, per Anhalter die Stadt zu verlassen, sie stehen an der Ampel, und Gigolo Joe sagt zu der Frau im Wagen: »Hallo, Sie sind schön. Darf ich mich zu Ihnen in Ihr Auto setzen?« Und sie antwortet: »Verpiß dich!« Und Gigolo Joe sagt: »Ich werde es nochmal versuchen!« Das nächste Auto kommt. »Sie sind eine Göttin. Ich habe einen sauberen Schwanz!« Stanley gefiel das alles ganz gut. Er sagte zu mir: »Ich glaube, wir haben den Jugendmarkt verloren, Ian!« Das lief etwa neun Monate so weiter, und schließlich sagte Stanley: »Okay, Ian, schreib alles auf!« Ich schrieb also eine hundertseitige fortlaufende Geschichte, und Stanley war unzufrieden. Er sagte: »Ian, sie gefällt mir nicht.« Er hat mich nicht entlassen oder sowas - wir einigten uns am Telefon, daß wir aufhören würden.

Drei Monate später klingelte das Telefon. Es war Stanley. »Ian, erinnerst du dich an die Geschichte, die du für mich geschrieben hast?« Ich sagte: »Ja, ich erinnere mich!« Er sagte: »Ian, ich habe sie verloren.« Ich sagte ihm, daß wir sie auch auf Diskette gespeichert hätten. Und er sagte: »Ich habe etwas drüberkopiert.« Ich sagte: »Das macht nichts, ich schicke dir eine Kopie.« Eine Woche später rief er an und sagte: »Ian, dies ist eine der großen Geschichten der Welt! Würdest du eine kurze Zusammenfassung schreiben?« Ich sagte: »Ja, wenn du mich für eine Woche einstellst. Es wird etwa eine Woche dauern.« Also engagierte Warner Bros. mich wieder für 3.000 Dollar, und ich schrieb zwölf Seiten. Stanley war sehr zufrieden und sagte: »Ja, ich werde es Leuten zeigen!« Und dann fielen die verhängnisvollen Worte: »Vielleicht bastele ich noch ein wenig daran herum.«

Es verging ein Jahr. Das gleiche passierte erneut: Das Telefon klingelt, Stanley hat die Geschichte verloren, ich schicke sie ihm noch einmal. Auf diese Weise habe ich auch erfahren, was aus Emilio und seiner dreijährigen Kündigungsfrist geworden war. Stanley rief nämlich immer wieder an, weil er irgend etwas verloren hatte. Eigentlich hat die Arbeit mit ihm Spaß gemacht.

Im Sommer, als er feststellte, daß es zwischen uns funktionierte, wurde es wichtig, daß wir meine Disketten, meine Dateien auf seinen Computer bekamen. Ich hatte allerdings nur einen kleinen PC mit Drei-Zoll-Disketten. Ich hatte zwar einen großen, anständigen Computer gekauft, aber Stanley wollte nicht, daß ich ihn benutzte, falls ich aus mangelnden Kenntnissen im Umgang mit der Maschine wertvolles Material verlieren sollte. Wir waren also nicht kompatibel. Er benutzte Dreieinhalb-Zoll-Disketten, und ich benutzte Drei-Zoll-Disketten. In diesem Moment fiel mir Dave Langford ein, der in England eine Zeitschrift namens Ansible herausgab, ein sehr amüsantes Nachrichtenmagazin. Außerdem war er ein Computergenie und half uns gelegentlich. David versprach, mir das Material heimlich von Drei-Zoll-Disketten auf Dreieinhalb-Zoll-Disketten zu überspielen und sie Stanley zu schicken. Alles lief gut an, doch dann wurde Stanley natürlich paranoid. Es begann damit, daß Stanleys Assistent Tony anrief und sagte: »Ian, Stanley hat die letzte Diskette verloren. Kann Dave noch eine schicken?« Ich war beschäftigt, weil ich gerade etwas für Stanley schrieb, und gab ihm dummerweise Dave Langfords Telefonnummer. Das war deshalb dumm, weil Dave Langford taub ist. Diese Telefonnummer war nämlich nur für seine Freunde gedacht. Ich habe eine ziemlich hohe nordenglische Stimme, und Dave kann mich mit dem elektronischen Verstärker in seinem Telefon verstehen. Tony spricht sehr langsam, mit Pausen. Dave Langford konnte Tony also nicht verstehen, und Tony glaubte, Dave sei geisteskrank. Tony rief mich an und beschwerte sich, daß wir einen Geisteskranken als elektronischen Mittelsmann engagiert hatten. Dave Langford rief an, um sich über diese Person, die er nicht verstehen konnte, zu beschweren. Ich rief also Tony an und sagte: »Hör mal, ich bin die einzige Person, die mit Dave sprechen kann. Wenn du irgend etwas willst, mußt du mich einschalten.« Das erregte natürlich sofort Stanleys Aufmerksamkeit. Wer war dieses Elektronikgenie mit dem Hörrohr? Er fragte: »Ian, wer ist dieser Dave Ansible?« Er hatte sich den Namen natürlich falsch gemerkt. »Ansible«, sagte ich zu Stanley, »ist ein Anagramm für 'lesbian'.« - »Oh«, sagte Stanley, »Dave Ansible hört sich an wie ein Cowboyname. Könnte es sein, daß er unser Material an osteuropäische Science-Fiction-Autoren verkauft?« Ich sagte: »Das ist nicht sehr wahrscheinlich.« Stanley sagte: »Ich weiß nicht. Du mußt ihm sagen, daß er all unsere Dateien löschen muß, sobald er sie kopiert hat.« Also rief ich ihn an, und Dave sagte: »Kein Problem - ich bin gerade dabei.«

Dann, ein paar Wochen später, rief Stanley an und sagte: »Ich habe die Diskette verloren, Ian.« Ich rief also Langford an. Langford schaffte es mit einem komplizierten technischen Vorgang, das Löschen der Dateien wieder rückgängig zu machen, indem er ein Programm benutze, die er selbst entwickelt hatte, was vor neun Jahre gar nicht so einfach war. Er schickte die Diskette an Stanley. Stanley rief an und sagte: »Wie ist es möglich, daß er mir diese Diskette schickt, wenn er die Dateien gelöscht hat? Sag ihm, er muß seine Festplatte komprimieren!« Ich verstand damals nicht sehr viel davon. Dave sagte mir: »Ich werde meine Festplatte nicht komprimieren. Ich meine, warum sollte ich?« Und Stanley sagte: »Hat er noch nichts von Norton Utilities gehört? Er verarscht dich!« Stanley dachte bereits halb im Ernst über einen Überraschungsangriff mit dem Mercedes auf Daves Haus nach, um seine Festplatte zu komprimieren. Also schrieb Dave sich ein Programm und machte es selbst. Also war dieses Problem gelöst.

Solche herrlichen Probleme gab es ständig. Mit Stanley an diesem Film zu arbeiten hatte Augenblicke des reinen Surrealismus. Eines Tages redeten wir über das Drehbuch. New York war überschwemmt, und ich sagte: »Ich frage mich, was man vom Fenster des Kaufhauses Macy's sehen würde.« Es war nur eine rhetorische Frage. Wir hatten uns über Statuen in den verschiedenen Teilen von New York unterhalten. Für Stanley war das überhaupt kein Problem. Er nahm das Telefon: »Tony, besorg mir mal den PR-Manager von Macy's - sofort!« Tony kümmerte sich darum. Das Telefon klingelte. Stanley sagte: »Hallo, hier ist Stanley Kubrick. Ich möchte, daß Sie ans Fenster gehen und dann zurückkommen und mir sagen, was Sie sehen!« Stanley hörte es sich an und legte auf. »Das ist das Problem mit positiver Diskriminierung - sie stellen Geisteskranke ein.« Also bekam nun Tony den Auftrag, die New Yorker Büros von Warner Bros. anzurufen. Ein Fotograf sollte sofort zu Macy's geschickt werden, um die gesamte Umgebung zu fotografieren. Diese Fotos sollten uns am nächsten Tag per Sonderkurier zugeschickt werden. Am nächsten Tag lagen Fotos von allem, was man von Macy's aus sehen konnte, herum. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir allerdings längst das Interesse daran verloren. Wir schauten sie uns 15 Sekunden lang an, und zwei Monate später lagen sie immer noch unverändert auf dem Tisch.

Das war also meine Antwort auf die Frage zu Stanley Kubrick.

Kempen: Vielleicht möchten Sie ein wenig über sich selbst erzählen. Woran arbeiten Sie im Moment?

Watson: Aus unerklärlichen Gründen habe ich damit begonnen, SF-Gedichte zu schreiben, und ich habe bereits einige lange Gedichte - Science Fiction und Magischer Realismus - verkauft. Was heißt verkauft? Gedichte werden sehr schlecht bezahlt. In den Gedichten geht es um Isaac Newton, Entführungen durch UFOs und Frauen, die wie Beuteltiere gebaut sind und unter uns leben, ohne daß wir es wissen. Sie erscheinen in Star Line, dem Magazin der amerikanischen Science Fiction Poetry Association und auch in einigen anderen Publikationen. Daß ich so etwas schreibe, hat mich selbst überrascht. Womöglich mutiere ich zu einer anderen Art Person. Ich habe auch einige Kurzgeschichten geschrieben - und einen Roman, von dem ich hoffe, daß er sich ebenfalls bald verkauft hat. Er basiert auf einer Geschichte, die ich im Magazin Interzone veröffentlicht hatte, über den großen Skulpturenpark in Oslo. Es kommt zu völlig seltsamen Entwicklungen, 15 Jahre in der Zukunft, als seltsame Außerirdische die Erde infiltrieren. Ich mache also dies und das. In den letzten Monaten habe ich unheimlich viel Zeit mit E-Mails und dem Revidieren meiner Stanley-Memoiren verbracht. Ich hatte mit vielen Leuten zu tun, die wollten, daß ich ihnen Interviews gebe und Geheimnisse verrate. Ich mußte mich ständig daran erinnern, daß ich nicht plötzlich viel interessanter und wichtiger geworden war - es war nur, weil Stanley gestorben war. Die römischen Kaiser hatten stets einen Sklaven, der hinter ihnen stand und ihnen ins Ohr flüsterte: »Du bist nur ein Mensch«. In den letzten zwei Monaten, seit Stanley starb, hätte ich auch einen Sklaven gebraucht, der hinter mir steht und flüstert: »Es geht nicht um dich, es geht um Stanley!«

Kempen: Wie wäre es mit etwas Werbung für Ihren neuesten ins Deutsche übersetzten Roman Orakel (Oracle • 1997)?

Watson: Oh ja! Er hat ein sehr schönes Design - viel schöner anzuschauen als die britische Taschenbuchausgabe. Orakel handelt von einem römischen Zenturio, der im England der Gegenwart auftaucht. Das passiert, weil unser Staatssicherheitsdienst einen Zeitbetrachter gebaut hat. Sie hoffen, damit zukünftige Zeitungen und Zeitschriften lesen zu können, um Terroranschläge zu entdecken und sie zu verhindern, bevor sie stattfinden. Aber sie müssen diesen Zeitbetrachter eichen, indem sie einen Blick zurück in die Vergangenheit werfen. Es läuft alles falsch, und natürlich wird ein römischer Zenturio in die Gegenwart geschleudert - wie man es erwarten würde. Der Zenturio gerät dann an die IRA, die in Brüssel ein Attentat auf die britische Königin plant. Es ist eigentlich ein Techno-Thriller.

Ich hatte mir beim Herumfahren in meiner Heimatgrafschaft schon oft überlegt, was ich tun würde, wenn ich einem römischen Zenturio begegnen würde. Ich hatte ein Historienspiel besucht - wir haben in England hervorragende Leute, die alte Schlachten nachspielen. Die Beliebtesten sind der Englische Bürgerkrieg - die Puritaner gegen die Royalisten - und der amerikanische Unabhängigkeitskrieg. Am interessantesten sind jedoch die Leute, die das antike Rom des ersten Jahrhunderts nach Christus nachspielen. Ich besuchte ein Historienspiel, in dem zum ersten Mal seit 1500 Jahren eine komplette Zenturie römischer Legionäre zusammen marschierte. Es war sehr faszinierend. Plötzlich traten sie alle aus dem Dunst, mit korrekter Rüstung und korrekt gekleidet. Ich war dort, um für dieses Buch zu recherchieren.

In der Grafschaft, in der ich wohne, kann man alles Mögliche sehen. An der Straße, in der ich wohne, gibt es eine Weide mit Lamas. Die Leute benutzen sie zum Trekking. Es sind nette Tiere. Man kann sie nicht reiten - man würde ihnen das Kreuz brechen. Man läuft neben ihnen her und geht von einem Pub zum nächsten. Ich habe dort schon seltsame Dinge gesehen, zum Beispiel einen Wolf, der die Straße entlang lief, obwohl es heute in England gar keine Wölfe mehr gibt. Ich kam zu dem Schluß, daß es sich um eine Kreuzung zwischen einem Wolf und einem Hund handeln mußte, weil sich tatsächlich viele Menschen einen Timberwolf als Haustier halten - etwa 95% Timberwolf und 5% Hund. Ich weiß nicht, warum. Und jedes Jahr verliert eine Familie ein Kind, weil der Wolf ihm den Kopf abbeißt. Also bringt man ihn zur nächsten Autobahn und setzt ihn aus. Und schließlich läuft er neben mir her, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin. Ich gehe dann zu den Bauern und warne sie, aber sie glauben mir nicht, weil sie wissen, daß ich Science-Fiction-Autor bin. Ich erzähle ihnen viel, zum Beispiel, daß ich neulich ein Lama gesehen habe. Dann lachen sie. Wir haben einen Champignonzüchter im Dorf, dem ich einmal ein kleines amerikanisches, reich illustriertes Buch über die Zucht von Magic Mushrooms gab. Er liest es immer noch. Es ist schon über ein Jahr her, daß ich es ihm gegeben habe, und er ist erst bei etwa Seite 20!

Kempen: Ich war ziemlich erstaunt, als ich Orakel zu lesen begann. Ich bin noch nicht sehr weit gekommen, aber es liest sich wie ein ganz gewöhnlicher Roman!

Watson: Wie ein richtiges Buch!

Kempen: Ja, ohne bizarre Phantasien. Was ist passiert?

Watson: Nun, nachdem ich den Mana-Zyklus geschrieben hatte, der poetisch, phantastisch und sehr, sehr kompliziert ist, dachte ich, daß ich etwas Einfacheres, Flotteres und Direkteres schreiben sollte. Ich habe immer wieder versucht, in verschiedenen Stilen zu schreiben und verschiedene Genres zu kombinieren. Einer meiner Romane ist eine Kreuzung aus Science Fiction und Horror, ein anderer ist reine Fantasy, wiederum ein anderer ist eine Schachspiel-Phantasie. Die Mana-Bücher sind ein Versuch in Science Fantasy - oder vielleicht ein Techno-Thriller. Ich wollte sehen, ob ich das schaffe. Ich hatte auch die vage Vorstellung, daß irgend jemand aus einem von ihnen einen Film machen würde. Der erste Techno-Thriller, den ich schrieb, hieß Hard Questions, der bei Heyne herauskommen wird. Richtig, Sie werden ihn irgendwann um Weihnachten übersetzen, also wird er wohl nächstes Jahr herauskommen. Es ist der zweite Techno-Thriller, den ich geschrieben habe. Und ich hatte beim Recherchieren und beim Schreiben viel Spaß. Die Bücher enthalten viel zeitgenössischen Realismus - ich interessiere mich sehr für die Aktivitäten des Staatssicherheitsdienstes.

Kempen: Ist es schwer für Sie, Ihre Romane in den USA zu veröffentlichen?

Watson: In den USA bin ich vor etwa neun Jahren von der Bildfläche verschwunden. Mein letztes Buch dort war Die Fliegen der Erinnerung (The Flies of Memory • 1990). Als ich die Mana-Bücher schrieb, sagte mein Verleger in England: »Die amerikanischen Verleger fragen uns ständig: 'Warum schreibt Ian nicht einmal ein wirklich großes Buch? Dann können wir große Promotion machen und es verkaufen.'« Also schrieb ich ein wirklich großes Buch, und die Antwort aus Amerika lautete: »Dieses Buch ist zu groß.«

Ich erscheine nach wie vor in den amerikanischen Zeitschriften wie Asimov's und Fantasy & Science Fiction. Aber von der amerikanischen Verlagsszene bin ich schon vor etwa acht Jahren verschwunden - übrigens gemeinsam mit vielen anderen Leuten, von denen einige Amerikaner sind. Das Verlagswesen hat sich geändert. Die Buchhalter haben bei den Verlagen mittlerweile mehr zu sagen als die Verleger. Was verlegt wird, wird größtenteils nicht mehr durch das diktiert, was die Verleger kaufen möchten, sondern durch das, was sich laut Großhändler gut verkaufen wird. Und sehr oft wird ein Verleger, vor allem in Amerika, mit einem Autor keinen Vertrag unterschreiben, bevor er nicht die Großhändler gefragt hat, wie viele Exemplare sie abnehmen würden. Und wenn die Menge zu gering ist, dann wird das Buch nicht geschrieben. Und das ist völlig anders als vor zwanzig Jahren, als man ein Buch schrieb und es dann an einen Verleger schickte, oder man gab ihm eine Idee, und er sagte: »Okay, schreib es.« Das passiert heute nicht mehr. Das bedeutet also, daß es Büchern, die nicht als wahrscheinliche Bestseller definiert werden, nicht sonderlich gut geht. Entscheidungen aufgrund von Computerstatistiken sind ebenfalls viel wichtiger. »Wie viele Exemplare wurden vom letzten Buch dieses Autors verkauft?« Dann drücken sie eine Taste, und es heißt: »Nicht viele.« - »Okay, dann nehmen wir diesmal fünfzig Prozent von »nicht viele«. Und bald werden nur noch acht deiner Bücher bestellt, dann vier, dann zwei - und dann ist man verschwunden. Das betrifft heutzutage viele mittlere Bestsellerautoren in Amerika. Diese Leute verschwinden einfach.

Kempen: Was halten Sie vom Internet? Sehen Sie dort eine Möglichkeit, Ihre Bücher zu veröffentlichen, um diese Entscheidungen zu umgehen?

Watson: Ich habe einige Storys ins Internet gestellt, damit Leute die Gelegenheit haben, sie zu lesen, um dann die eigentlichen Bücher mit mehr Geschichten zu kaufen - vorausgesetzt, sie bekommen sie. Ich bin ein wenig mißtrauisch, was die Veröffentlichung kompletter Bücher im Internet betrifft, und daß der Autor auch tatsächlich Geld dafür bekommt. Solche Pläne existieren zur Zeit in Amerika. Der Agent Richard Curtis hat die Firma »e-writes« gegründet, die das Ziel verfolgt, vergriffene Bücher verschlüsselt im Internet zu veröffentlichen, so daß die Leute für ein Abonnement bezahlen müssen.

Und dann gibt es natürlich das neue Phänomen E-Book, das man in der Hand halten kann. Es gibt einige Leute, die Firmen gründen, um diesen Bereich auszuschöpfen. Ich will erst einmal abwarten, was daraus wird. Ich meine, persönlich möchte ich kein E-Book in der Hand halten und lesen, was ja rein körperlich dasselbe ist, wie ein richtiges Buch zu lesen. Ich ziehe es vor, ein Buch öffnen zu können, auf die Seiten zu schreiben, es zu zerfleddern, Seiten herauszureißen und so weiter. Mit einem Papierbuch setzt man sich körperlich mehr auseinander. Ich würde niemals ein Buch auf dem Bildschirm lesen, was bedeutet, daß man es ausdrucken müßte. Das führt dann dazu, daß Bücher nach Bedarf gedruckt werden, und diese Maschinen kosten so um die 60.000 Dollar. Dafür kann man sehr schnell verschiedene Stile und Designs produzieren. Aber die Leute arbeiten daran. Es wird kommen. Das Gute am »printing on demand« ist, daß man jedes Buch der Welt, auch vergriffene, bekommen kann - vorausgesetzt, es existiert in elektronischer Form. Das Schlechte daran ist: Wenn kaum Bedarf vorhanden ist, gibt es nur wenige Exemplare deines Buches. Als kleinen Vorgeschmack - als Muster sozusagen - habe ich ein paar Geschichten ins Internet gestellt, aber ich verfolge keine großen Pläne, irgend etwas komplett im Internet zu veröffentlichen.

Kempen: Mr. Watson, wir bedanken uns für das Gespräch!

• Deutschen Übersetzung: Bernhard Kempen


Foto: Peter Fleissner

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Links
Homepage von Thomas Ian Watson
Lieferbare Titel mit dem Stichwort Ian Watson
Lieferbare Titel mit dem Stichwort Stanley Kubrick
© copyright 1997-2011 by EPILOGmedia • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de | Impressum | AGB + Widerrufsrecht