von Ian Watson
| Vor einiger Zeit
verbrachte ich mehrere Jahre damit, den ehrgeizigsten (und umfangreichsten) Roman zu
schreiben, an den ich mich jemals gewagt habe - ein recht exzentrisches Epos, das wiederum
durch Finnlands hervorragendes Epos inspiriert wurde, das Kalevala. Mein Roman
besteht aus zwei Teilen: Lucky's Harvest, 1993 publiziert, und The Fallen
Moon, der 1994 folgte. Im Grunde stellen die zwei Bücher einen langen, in sich
geschlossenen Roman dar - und nicht etwa ein Buch mit einer eigenständigen Fortsetzung.
Die gesamte Geschichte wurde in zwei Bände aufgeteilt, weil ein Buch von 1100 Seiten
etwas zu massiv wäre - genauso wie der Preis. Ich gab den zwei Büchern den Gesamttitel Mana. Daher trägt Lucky's Harvest den Untertitel »The First Book of Mana«, und The Fallen Moon ist »The Second Book of Mana.« Das Wort »Mana« hat seinen Ursprung auf den südpazifischen Inseln. Durch Anthropologen wurde seine Bedeutung als »übernatürliche Kraft, die von einer Person, einem Ort, oder einem Gegenstand ausgeht« im Englischen gut bekannt. Zufällig ist »Mana« im Finnischen der »Gott der Anderwelt« Manala - zumindest habe ich diese Bedeutung in einem Glossar gefunden. Und falls ich in dieser Hinsicht etwas mißverstanden haben sollte, bereitet es mir keine allzu großen Sorgen, weil meine Phantasie häufig auf diese Weise arbeitet. Alles über ein Thema zu wissen führt gelegentlich zu einer Einschränkung der Phantasie, weil sie durch zwingende Erfordernisse in Ketten gelegt wird. Einige meiner Geschichten, die mir am meisten bedeuten, sind dadurch entstanden, daß ich ein gewisses Wissen hatte und dann auf dieser Grundlage hemmungslos etwas Neues dazuerfand. Für mich war das Kalevala von großer Bedeutung, weil die Figuren, Ereignisse und das Weltbild dieser Geschichte meine Phantasie entzündeten. Dieses Feuer hat sich recht weit vom Ausgangspunkt entfernt. Inzwischen frage ich mich bereits, ob ich überhaupt noch weiß, worum es im wahren Kalevala eigentlich geht! Das ist vermutlich eine Übertreibung, aber mittlerweile bin ich wesentlich besser mit meiner eigenen erfundenen Welt namens Kaleva vertraut als mit der ursprünglichen Inspirationsquelle für eine Flut von Charakteren, Schauplätzen und Situationen. Ein Kritiker schrieb einmal über mich: »Wo andere Leute nur einen Zufall sehen, erkennt Ian Watson einen Zusammenhang.« Daher habe ich mit Begeisterung diesen Zusammenhang zwischen dem anthropologischen Mana und dem mythologischen finnischen Mana entdeckt. Man könnte es auch als »Manna vom Himmel« bezeichnen, obwohl die Wundernahrung, die in der Bibel vom Himmel fällt, unmöglich einen Zusammenhang mit Finnland oder dem Pazifik haben kann. Die Bezeichnung »Manna« geht auf das hebräische Wort man zurück, das »Geschenk« bedeutet, oder vielleicht auf das hebräische man hu?, was soviel wie »Was ist das?« heißt. Viele Schriftsteller sind mit dem Phänomen vertraut, das man als »Büchereidämon« bezeichnen könnte. Man glaubt, daß man ein bestimmtes Wissen benötigt - aber man weiß gar nicht genau, was es eigentlich ist. Man betritt eine Bibliothek oder eine Antiquariatsbuchhandlung und plötzlich - mit einer Mischung aus Erstaunen und Erkenntnis - findet man genau das, was man benötigt. Da ist es und wartet auf einen - unerwartet, aber notwendig. Gehen wir ein paar Jahre zurück. Schon seit einiger Zeit hatte ich ein großangelegtes Buch schreiben wollen. Mit der Yaleen-Trilogy (The Book of the River), die 1984 und 1985 erschien, hatte ich bereits ein »großangelegtes« Projekt verwirklicht. Vielleicht machen die drei Bände gar keinen so umfangreichen Eindruck - abgesehen von der Gesamtausgabe, die vom American Science Fiction Book Club herausgebracht wurde. Ich wollte eine komplette Welt bewohnen. Yaleen spielt an den Ufern eines langen Flusses. Die weiter vom Fluß entfernten Regionen sind unbewohnbar. Daher ist diese Welt sehr linear. Die Landkarte besteht im Grunde nur aus einem geraden Strich. Meine Phantasiewelt Kaleva dagegen beansprucht ein viel weiteres Territorium - ein sehr großes Gebiet. Der Büchereidämon hat in diesem Fall einen Namen: Eeva Jaeger, Finnlands Königin des Cyberpunk. 1991 wurde ich zum Jyväskylä Arts Festival eingeladen. Ich hatte das Kalevala zu diesem Zeitpunkt nicht gelesen und hatte auch keine konkrete Absicht, es irgendwann zu lesen. Nichts deutete darauf hin, daß das Kalevala irgendeine besondere Bedeutung für mich besitzen könnte. Doch nachdem ich nach England zurückgekehrt war, schickte Eeva mir verschiedene Bücher. Eins davon war eine Gedichtsammlung von Eino Leino mit dem Titel Helkalieder (Helkavirsiä). [Deutsche Ausgabe: Eino Leino, Finnische Balladen (Helkalieder), übersetzt von Hans-Erwin von Hausen und Greta Otalampi (Helsinki: Kent, 1943), Anm. d. Ü.] Als ich die Helkalieder gelesen hatte, war ich sofort bezaubert von diesen kondensierten Juwelen nach Art des Kalevala, und ich erkannte, wie wunderbar diese Themen zu meinen Interessen als Schriftsteller - und als Science-Fiction-Schriftsteller - paßten. Die Macht des Wortes, die alternative Weltanschauung schamanistischer Rituale, andersartige Bewußtseinszustände und psychologische Obsessionen - die Manien (des Zorns, der Eifersucht, der Gier, der Wollust und so weiter). Fast unmittelbar darauf begannen sich erste vage Figuren und Situationen abzuzeichnen. Eeva hatte mir freundlicherweise auch ein finnisches Kochbuch geschenkt. Vermutlich, weil wir ein köstliches Abendessen in einem Fischrestaurant genossen hatten. Dieses Buch war eine hervorragende Ergänzung zu Leinos Gedichten. Denn nun hatten meine Charaktere etwas Angemessenes zu essen. Und ich wußte, daß ich unbedingt das komplette Kalevala lesen mußte, so schnell wie möglich. Also kaufte ich eine Übersetzung - und stöhnte verzweifelt auf. Denn sie war in das originale finnische Vermaß übertragen worden. Dabei handelt es sich natürlich um dasselbe Versmaß, das der amerikanische Poet Longfellow für sein haarsträubendes Lied von Hiawatha (Song of Hiawatha) benutzt hatte. Damit wollte er dasselbe für die Stämme der amerikanischen Indianer erreichen, was das Kalevala für Finnland geleistet hatte, nämlich die Schaffung eines nationalen oder zumindest ethnischen Epos. Diese Versform mag wunderbar elegant und lyrisch im Finnischen klingen, doch im Englischen wird jeder Leser garantiert nach etwa dreißig Zeilen einschlafen. Damdi-damdi-damdi-damdi, Damdi-damdi-damdi-damdi ... Zum Glück gelang es mir dann, einer lebendigen Übersetzung durch den Dichter Keith Bosley habhaft zu werden, der die Verse freier gestaltet hatte. Die Unterschiede im Englischen sind erstaunlich. Hier sind die ersten vier Zeilen der alten Übersetzung:
Und hier folgt die Bosley-Übersetzung:
Die Dringlichkeit und Vitalität, die kraftvolle Stimme ist sofort bemerkbar. Als ich diese Version des Kalevala las, wurden die Phantome meiner Figuren und Ideen bald viel dichter und sichtbarer. In das Kalevala sind viele lange magische Beschwörungen sowie unterschiedliche Handlungsstränge eingewoben (die einander gelegentlich widerspechen). Elias Lönnrot, der das Kalevala im 19. Jahrhundert zusammenstellte, hat den Gesamttext auf geniale Weise aus mündlichen Überlieferungen zu einer zusammenhängenden Erzählung verwoben. Sein Ziel war die Schaffung eines nationalen Epos (was ihm hervorragend gelungen ist). Die Queste dieses Epos besteht hauptsächlich darin, einen geheimnisvollen magischen Schatz zu erschaffen, eine Vorrichtung namens Sampo, der im Verlauf der Handlung zerbricht. Ein Charakteristikum des Kalevala, das mich am meistens faszinierte, ist die wichtige Rolle, die die Sprache selbst spielt. Die Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit war schon das Hauptthema meines ersten Romans Das Babel-Syndrom (The Embedding). In welchem Ausmaß repräsentiert das WORT die WELT - oder inwiefern verbirgt das WORT die WELT vor uns? Ich benutzte Vorstellungen von künstlichen Sprachen und alternativen Bewußtseinszuständen, um herauszufinden, ob es möglich sein könnte, so etwas wie eine »allgemeine Grammatik des Universums« zu erzeugen, eine Sprache, die die Grundlagen der Realität ausdrückt und uns damit die Realität selbst zugänglich macht - und die Möglichkeit zur Kontrolle der Realität. Eine entscheidende Überzeugung des Schamanismus im Kalevala ist natürlich jene, daß das WORT über die WELT herrscht. Wer die richtigen Worte oder sprachlichen Formeln findet - Worte, die den Ursprung der Dinge beschreiben - der erlangt große Macht. Man kann ein seetüchtiges Schiff nur dann bauen, wenn man die angemessenen Worte kennt. Man kann nur dann ein Schwert schmieden, wenn man den Ursprung des Eisens beschreiben kann. Im Grunde ist das gesamte Kalevala eine Sammlung von Zaubersprüchen, die auf ungemein kluge Weise von Elias Lönnrot zusammengepuzzelt wurden, um eine vernünftigte und logische Geschichte zu ergeben. Mehrere meiner frühen Science-Fiction-Romane enthalten Ideen, die dem Schamanismus entstammen. In Botschafter von den Sternen (Alien Embassy) habe ich aus dem tantrischen Schamanismus Tibets geschöpft, um eine zukünftige Welt zu entwerfen, in der es scheint, als wären Reisen zu den Sternen tatsächlich übernatürliche Reisen, im Sinne der Reisen eines Schamanen in die Geisterwelt. In Die Himmelspyramide (God's World) habe ich erneut den Schamanismus benutzt, der sich als eigentliche Macht hinter einer Reise zu einem fremden Planeten in einem realen Raumschiff erweist. In meinen zwei Mana-Romanen geht es um eine Welt, in der menschliche Kolonisten im Innern eines Weltraumwesens reisen, das eine Art lebender Asteroid ist und die Bezeichnung Ukko trägt - nach dem höchsten Gott des Universums im finnischen Mythos. Und auf dieser fremden Welt sind bestimmte Menschen in der Lage, andere Menschen, Dinge und Ereignisse, durch die Macht ihrer Sprache zu kontrollieren. Wenn eine Geschichte nur überzeugend genug erzählt wird, führt sie dazu, daß die entsprechenden Ereignisse eintreten. Und die Menschen selbst sind Obsessionen unterworfen, Manien, die von der Mana-Energie hervorgerufen werden. Ich habe mich schon immer für die Programmierung des menschlichen Geistes interessiert, in welchem Ausmaß wir uns gewöhnlich auf unseren »psychischen Autopiloten« verlassen, wie man es ausdrücken könnte, und welche Möglichkeiten wir haben, uns zu reprogrammieren, um zu einem vollständigeren Bewußtsein zu gelangen. Das ist es, worum es in Lucky's Harvest and The Fallen Moon eigentlich geht: um die Kontrolle des Bewußtseins - und das Wesen der Wirklichkeit und des Universums. Natürlich auch um die reine Faszination einer Erzählung von Leidenschaft, Rivalität und Rache, von erotischem Wahn, Liebe, Haß und Sehnsucht und all den anderen großen und dramatischen Empfindungen, mit denen das Kalevala angefüllt ist. Strukturen und Muster haben mich schon immer fasziniert. Mein erster Roman war stark von der strukturalistischen Anthropologie eines Claude Lévi-Strauss beeinflußt. Außerdem neige ich dazu, strukturalistisch zu denken - in Begriffen wie Gegensätzen, Kontrasten, Umkehrungen, Übertragungen von Ereignissen und Charakteren, Symbolen und Bedeutungen, von Verhalten als Sprache. Die Vorstellung menschlicher Konventionen - Kleidungsnormen, Körperschmuck, Eßregeln, Mythen - als non-verbale Kommunikationsmethoden haben mich seit langer Zeit beschäftigt. Also machte ich mich völlig selbstverständlich daran, die Muster der Ereignisse und Beziehungen der Personen im Kalevala zu analysieren. Doch gleichzeitig notierte ich mir die Transformationen, die jene Ereignisse und Personen durchmachen würden, wenn sie zu einem Teil meiner eigenen Geschichte werden sollten. In einem Notizbuch erstellte ich meine Zusammenfassung des Kalevala - gemeinsam mit den Ideen, die es stimulierte. Auf dieser Grundlage entwarf ich einen Übersichtsplan. Es ist zum Teil eine Übersicht des Kalevala - ein Verzeichnis, wie alles miteinander zusammenhängt - aber auch eine Übersicht über die Entwicklung meiner Ideen zum Roman, den ich schreiben würde. Darin haben sich beide Aspekte miteinander vermischt. Kurz bevor ich Das Buch vom Fluß (The Book of the River) schrieb, zeichnete ich eine Karte. Es war eine fast gerade Linie auf einem Stück Papier. Die Namen der Städte am Ufer meines Flusses kamen mir spontan innerhalb von 20 Minuten in den Sinn. Diesmal mußte ich eine zweidimensionale Karte von der Landmasse zeichnen, die ich mir vorstellte. Es ist eine sehr grobe und fast leere Skizze geworden. Einige der Orte (und Ereignisse), die ich einzeichnete, erwiesen sich als falsch; sie gehörten nicht dazu. Andere fügte ich später ein, während ich bereits schrieb. Für mich war es nicht mehr als eine Orientierungshilfe, um Widersprüche zu vermeiden. Bis heute gibt es keine bessere Karte meiner Welt namens Kaleva, und vielleicht wird es nie eine geben. Ich finde es besser, wenn die Leser sich ihre eigene mentale Karte der Orte erschaffen, statt eine definitive Karte im Buch abzudrucken. Ich selbst habe Landkarten in Romanen immer als zwanghafte Visualisierung und als großes Ärgernis empfunden. Schließlich verfaßte ich ein 17seitiges Exposé. Und dann stürzte ich mich kopfüber in die Arbeit und begann zu schreiben. Sofort erwachten meine Figuren zum Leben. Und sie erzeugten neue Figuren und Ereignisse, zum Teil völlig andere, als ich mir vorgestellt hatte. Und schon bald hatte ich mich in erheblichem Ausmaß vom ursprünglichen Exposé entfernt. Als ich mit der Arbeit an Lucky's Harvest begann, hing ich der Illusion an, ich sei der erste englischsprachige SF-Autor, der sich vom Kalevala inspirieren ließ. Natürlich hätte ich mich an den Namen Emil Petaja erinnern müssen. Ich hatte jedoch nie eine von Petajas Space Operas gelesen, die auf dem Kalevala basieren. Doch zumindest hätte mein Gedächtnis mich darauf aufmerksam machen müssen, daß ich seine Bücher in der Vergangenheit gesehen hatte. Aber dem war nicht so! - Bis ich Lucky's Harvest bereits zur Hälfte geschrieben hatte und einem Buchhändler auf einem SF-Con erzählte, woran ich gerade arbeitete, worauf er sagte: »Moment mal ...!« Ich geriet in Panik. Hastig kaufte ich Petajas längst vergriffene Taschenbücher - zu idiotischen Preisen, weil sie eben nicht mehr lieferbar waren. So hatte ich zumindest den Buchhändler glücklich gemacht. Ich las nur eins, denn ich stellte sofort fest, daß das, was Petaja geschrieben hatte, keinerlei Beziehung zu dem hatte, was ich beabsichtigte. Die übrigen Bände stehen immer noch ungelesen in meinem Regal - damit sie mich nicht korrumpieren oder sonstwie beeinflussen können. Das Kalevala ist im wesentlichen ein magisches Werk. Zaubersprüche spielen eine zentrale Rolle. Ich habe zwar eine Geschichte geschrieben, die auf einem realistisch beschriebenen Planeten einer fremden Sonne spielt und in der es zu einem gewissen Grad auch um Hochtechnologie geht - doch es gibt auch Dinge, die man als magische Phänomene bezeichnen könnte. Meine persönliche Orientierung ist grundsätzlich rationalistisch und wissenschaftlich, aber als Schriftsteller folge ich für gewöhnlich meinen phantastischen Instinkten und lasse meine Erzählungen durch Symbolismus, Metaphorik und Bildlichkeit antreiben. Die grundlegende Stimmung ist jedoch rational. Was dagegen in den Geschichten, die ich schreibe, geschieht, ist häufig recht bizarr und verrückt. Daraus resultiert, wie ich hoffe, daß das Bizarre überzeugend und in realistischer Hinsicht glaubwürdig dargestellt wird; und die Kritiker scheinen mir im allgemeinen zuzustimmen, daß das der Fall ist. Nun möchte einiges über den Surrealismus sagen. Welcher Kategorie ordne ich meine umfangreiche Geschichte zu, die auf der Welt Kaleva spielt? Sie »fühlt sich an« wie Science Fiction. Doch ich glaube nicht, daß sie sich im strengen Sinne als »Science Fiction« klassifizieren läßt - weil immer wieder das Irrationale einbricht. Andererseits läßt sie sich auch nicht als »Fantasy« bezeichnen. Sie »fühlt sich nicht an« wie Fantasy. Der Schauplatz ist innerhalb des diskursiven Universums der Science Fiction lokalisiert. Und sie ist eher in der Sprache der Science Fiction als der Fantasy geschrieben. Sollte ich vielleicht von »Science Fantasy« sprechen? Diese Bezeichnung habe ich noch nie gemocht. Ich assoziiere damit Science Fiction, die von Leuten geschrieben wurde, die nicht viel über Wissenschaft oder das Universum, in dem wir leben, wissen, die Wissenschaft lediglich als Dekoration benutzen. Ich möchte daher vorschlagen, daß ich gegenwärtig »surreale SF« (»science surrealism«) schreibe. Es gibt eine starke Verbindung zwischen Wissenschaft, Surrealismus und Science Fiction - eine Beziehung, die mit meinen Interessen als Autor zusammenhängt. Bereits für meinen ersten Roman Das Babel-Syndrom - in dem es außerdem um das Wesen der Sprache geht, wie sie von der Menschheit und von Aliens, die die Erde besuchen, gesehen wird - war der französische Surrealist Raymond Roussel eine Hauptquelle meiner Inspiration. Ich sollte vielleicht erwähnen, daß ich sehr stark durch französische Literatur beeinflußt bin - genauso wie durch die französische Anthropologie von Lévi-Strauss. Nachdem ich an der Universität meinen ersten akademischen Abschluß in englischer Literatur gemacht hatte, begann ich mit der zweijährigen Forschungsarbeit für eine Dissertation über die französische Literatur des 19. Jahrhunderts, mit dem Schwerpunkt auf Flaubert und Baudelaire. 1932 veröffentlichte Roussel ein recht langes verschachteltes Gedicht mit dem Titel Nouvelles impressions dAfrique (»Neue Eindrücke aus Afrika«). [Eine französisch-deutsche Ausgabe erschien unter dem Titel: Raymond Roussel, Nouvelles impressions dAfrique, übersetzt und herausgegeben von Hanns Grossel (München: Edition Text und Kritik, 1980) - nicht zu verwechseln mit Roussels Roman Impressions dAfrique (1910) der als Eindrücke aus Afrika, übersetzt von Cajetan Freund (München: Matthes und Seitz, 1980) veröffentlicht wurde, Anm. d. Ü.] Aussagen sind in Aussagen eingebettet, die in Aussagen eingebettet sind, wie chinesische Trickkästen oder russische Matrioschka-Puppen. »Einbettung« (»embedding«) ist der linguistische Fachbegriff für diese Art der Verschachtelung. Roussel hatte den Plan entwickelt, die Herstellung einer Lesemaschine in Form eines speziellen Tisches mit drehbaren Elementen in Auftrag zu geben. Öffnungen in der Tischplatte sollten die Syntax des Gedichts, das in eine darunter befindliche Oberfläche graviert war, enthüllen und sozusagen »entschachteln«. Auf diese Weise konnte das Gedicht gelesen werden - allerdings auf wesentlich verwirrendere Weise als auf Papier! Verschachtelungen auf mehreren Ebenen fordern dem Geist natürlich wesentlich größere Anstrengungen ab, wenn der Leser versucht, den vollständigen Satz zu verstehen. Ich benutzte die Idee einer künstlichen Sprache, die aus sehr komplexen Verschachtelungen konstruiert ist, als Werkzeug, um bei jungen Kindern eine Erweiterung des Bewußtseins zu forcieren, wenn sie im Rahmen eines Experiments dieses System als Muttersprache erlernen. Es war Roussels Gedicht, das für mich den inspirierenden Funken lieferte, der mich schließlich dazu veranlaßte, Das Babel-Syndrom (The Embedding) zu schreiben - und gleichzeitig nach einem Science-Fiction-Rahmen für die linguistischen Theorien von Chomsky zu suchen und die Frage zu stellen, in welcher Weise die Wirklichkeit durch die Sprache repräsentiert wird. Chomsky war von der Existenz einer »Universalgrammatik« überzeugt, die auf einem elementaren Niveau allen Menschen gemeinsam ist und im Verlauf unserer Evolution erworben wurde. Diese grundlegende Syntax, die sich tief innerhalb aller Sprachen verbirgt, ermöglicht einem menschlichen Kind, jede denkbare menschliche Sprache zu erlernen. Bedeutet dies, daß die Muster der Sprache auf einem elementaren Niveau die objektive physikalische Wirklichkeit repräsentieren? Würden Aliens, deren Evolution in einer ähnlichen Umwelt stattgefunden hat, eine Sprache entwickeln, die uns verständlich ist? Würden Aliens aus einer ganz anderen Umwelt - wenn sie beispielsweise in den Gaswolken des Jupiter schweben - eine Sprache entwickeln, die wir niemals verstehen können? Ich habe Jupiter erwähnt, aber natürlich könnte es sogar hier auf der Erde fremdartige Intelligenzen geben. Nämlich Wale und Delphine. Jahrelange Forschungen konnten bisher nicht eindeutig klären, ob Wale oder Delphine »Sprache« benutzen. Dieses Thema habe ich in meinem zweiten Roman Der programmierte Wal (The Jonah Kit) aufgegriffen. Sprache ist natürlich zutiefst metaphorisch, und zwar auf recht verborgene Weise. Wörter sind fast ausschließlich versteckte Metaphern, die zu zufälligen Symbolen für Objekten wurden. Roussel war einer der größten Exzentriker dieses Jahrhunderts. Er erbte ein großes Vermögen und benutzte es dazu, seinen Launen nachzugehen. Einmal segelte er nach Indien, mit seiner eigenen Yacht samt Besatzung. Während der gesamten Reise blieb er in seiner Kabine und schrieb. Dann eines Tages meldete ihm der Kapitän: »Wir haben die indische Küste gesichtet.« Roussel kam an Deck und betrachtete den verwaschenen Streifen am Horizont. Er verkündete: »Ah, nun habe ich Indien gesehen.« Darauf befahl er, daß sein Schiff unverzüglich wenden und Kurs auf Marseilles setzen sollte. Im Grunde ist Launen nicht ganz das richtige Wort. Roussel war von seinem eigenen Genie überzeugt, obwohl seine Stücke und anderen Werke immer wieder lächerlich gemacht wurden. Er gab sich ganz dem literarischen Ruhm hin - und er strebte nach diesem Ruhm, indem er eher wissenschaftliche als künstlerische Methoden anwendete, wie man sagen könnte. Literatur war für ihn ein Spiel mit strengen Regeln. Zum Beispiel nahm er eine Zeile aus einem Gedicht oder einem Kinderreim und transformierte dessen Bedeutung, auch wenn der Klang kaum verändert wurde. So wurden die Worte »Napoleon, der erste Imperator« - auf französisch »Napoléon, premier empereur« - zu einem Tischtuch, zum Ausruf »Olé«, zu Schatten, Krümeln, einer Stange oder einem Schaft, Luft und Stunde. (»Nappe, ollé, ombre, miettes, hampe, air, heure«). Daraus ergeben sich: spanische Tänzer auf einem Tisch. Der Tisch ist so hell erleuchtet, daß selbst die Krümel Schatten werfen. Außerdem gibt es da eine Uhr, die vom Wind angetrieben wird. Dann machte sich Roussel daran, eine Erzählung zu spinnen, die auf befriedigende und phantasievolle Weise all diese Elemente miteinander verbindet - und viele weitere Elemente, die nach derselben Methode erzeugt wurden. Die ursprünglichen Informationsbits sollten so weit wie möglich voneinander entfernt sein. Und keinem Ereignis, ganz gleich, wie absurd es auf den ersten Blick erscheinen mag, sollte sein logischer Platz in der schließlichen Erzählung verweigert werden. In kreativer Hinsicht weist all dies eine gewisse Ähnlichkeit zur Art und Weise auf, wie ich zahlreiche meiner eigenen Kurzgeschichten und sogar Romane geschrieben habe - indem ich Tatsachen oder Theorien oder Situationen zusammenbringe, die auf den ersten Blick überhaupt nichts miteinander zu tun haben. »Wo andere Leute nur einen Zufall sehen, erkennt Ian Watson einen Zusammenhang.« In Roussels Werken geht es häufig um wissenschaftliche Erfinder und bizarre Maschinen. Die Surrealisten waren insgesamt sehr von neuen Geräten und neuen Spielen fasziniert. Daher stand die Absicht, den Geist zu stimulieren, seine routinemäßigen Gewohnheiten aufzugeben - und eine völlig imaginäre, nichtalltägliche, nichtmenschliche Welt zu beschwören, um die Geburt neuer Mythen zu ermöglichen. Neue Mythen, die nichtsdestotrotz authentische sind. Die Surrealisten strebten danach, auf magische Weise Mythen zu erschaffen, sie wollten das Fremdartige, das Andere, das Anderswo, das Unterschiedliche beschwören. Roussel hing keinem ausgesprochenen Glauben an das Übernatürliche an, aber dennoch suchte er nach Wundern. Auch ich bin grundsätzlich ein Rationalist ohne Aberglauben und benutze das Werkzeug der Wissenschaft zu einem magischen Zweck: zur Anregung der Phantasie und Erweiterung des Bewußtseins. Und letzlich sind die fremden Welten und die Aliens der Science Fiction in gewisser Weise die Erfüllung der surrealistischen Suche nach imaginären nichtmenschlichen Welten! Roussel war sehr an »kindlichen« oder »populistischen« Kunstformen interessiert, wie man sagen könnte. Nicht an den Hohen Künsten, sondern an den Niederen Künsten. Das populäre Genre der Science Fiction mit seinem Ursprung in den Pulp-Magazinen, mit seinen dramatischen, farbenfrohen Titelbildern im Comic-Stil erscheint mir deshalb als die ideale Spielwiese für Surrealisten. In Großbritannien wird die Science Fiction sogar in ihrer heutigen, gereiften Form - mit dreidimensionalen Charakteren und fundierten Extrapolationen wissenschaftlicher Ideen - von der dominanten Kultur immer noch als etwas Merkwürdiges und Dümmliches betrachtet. Nicht so in Frankreich. Dort hat der surrealistische Autor Boris Vian die Werke von A. E. van Vogt ins Französische übersetzt - unter großem allgemeinem Beifall. Vielen englischen Muttersprachlern erscheint van Vogts Prosastil recht unbeholfen - und seine Ideen ziemlich verrückt. Doch nachdem Boris Vian für van Vogt das getan hatte, was Baudelaire für Edgar Allen Poe geleistet hatte - nämlich eine Übersetzung zu schaffen, die viel brillanter und schöner als das Original ist - wurden van Vogts Werke als große Literatur in der Tradition der surrealistischen Schule und als kulturell völlig akzeptabel betrachtet. Bei Roussel wurde die Sprache selbst zu einer kreativen Macht, zu einem schöpferischen Werkzeug - ähnlich wie im Kalevala. Im Fall des Schamanismus geht es darum, die Worte zu finden, um ein Schiff oder ein Schwert herzustellen. Im Fall von Roussel heißt es: zuerst nach den Worten suchen - und dann können sich die Ereignisse einer Geschichte entfalten, sie entwickeln sich zwanghaft aus der Notwendigkeit. Denn die Surrealisten waren die Schamanen des zivilisierten, industriellen, technologischen 20. Jahrhunderts. Ich hege große Sympathie für all diese Dinge. Die Surrealisten strebten nach Euphorie - Verzückung, Genuß, Visionen, Offenbarungen - und zwar durch intellektuelle Übungen. Kritiker haben mich wiederholt als recht »intellektuellen« Autor bezeichnet. Ich hoffe, daß meine Geschichten voller Leidenschaften, starker Gefühle und lebhafter Figuren in einer farbenfrohen Umgebung sind, aber ich bin mir bewußt, daß ich ursprünglich durch intellektuelle Aktivität an Leidenschaften herangehe. Für die Surrealisten hatte auch das automatische Schreiben einen hohen Stellenwert; dadurch wollten sie die Energien des Unbewußten anzapfen. Ich selbst glaube daran, daß man zulassen muß, daß die innere und unabhängige Dynamik einer Geschichte die Ereignisse diktiert - selbst wenn mein rationaler und kritischer Geist gelegentlich protestiert. Wenn sich etwas Bizarres andeutet - das sich aus Bildern und Metaphern entwickelt - dann lasse ich es geschehen, im Vertrauen, daß sich irgendwann ein Grund für dieses Ereignis offenbaren wird und daß dieses Ereignis eine notwendige Funktion erfüllt. Dieser Vorgang ist auf dem Niveau der erzählerischen Struktur mit dem automatischen Schreiben verwandt. In Luckys Harvest und The Fallen Moon gibt es einige recht bizarre Personen, Ereignisse und Gegenstände. Sie haben ihren Ursprung in meinen Transformationen der Originalquelle, in den Assoziationen meines Geistes, worauf ich dann zuließ, daß Worte und Bilder den Kurs des Buches lenken. Bizarre Personen? Da gibt es einen Jungen, der innerhalb weniger Monate vom Neugeborenen zum jungen Mann heranreift. Es gibt einen weiblichen Alien-Golem. Bizarre Maschinen? Da gibt es einen Messingzwerg. Es gibt Fahrräder, die von einem Ort zum anderen springen. Doch all diese Personen und Dinge erfüllen ihre Funktion, sei es dramatisch oder emotional oder heimtückisch - denn ich liebe Heimtücke in Büchern, genauso wie Schadenfreude oder verschmitzten Humor. Ach ja, was ist denn nun der Sampo, den ich stahl? Was hat es mit diesem magischen Gerät auf sich, das alles erschaffen kann, was man sich wünscht - obwohl es mehrere Male zu Fehlfunktionen kommt und abweichende Resultate produziert werden? Offensichtlich muß es sich beim Sampo um eine nanotechnische Maschine handeln, die alles Mögliche herstellen kann, indem jeder beliebige Rohstoff molekular transformiert wird ... Aber die Kontrolle ist ein großes Problem. Meine eigenen Figuren streben nicht direkt danach, den Sampo in ihren Besitz zu bringen, auch wenn das Gerät eine gewisse Rolle spielt. Sie haben es auf eine viel lohnendere Beute abgesehen: auf den Sprößling des Ukko, auf das Weltraumwesen selbst. Wer diesen Sprößling kontrolliert, kontrolliert gleichzeitig das Mana und damit die Realität. Doch welche privaten Ziele verfolgen eigentlich die Ukkos, wenn sie Menschen und Aliens manipulieren? Das ist das wahre Thema meines Romans. Ich danke Finnland für das Kalevala. Und ich hoffe, daß mir die Finnen verzeihen, was ich aus ihrem Epos gemacht habe. Deutsche Übersetzung des Artikels »How I Stole the
Sampo«, |
![]() Foto: Peter Fleissner |
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