Hugo Wauer

Ein Idyll.

Humoristische Rückblicke auf Berlins »gute alte« Zeit von 1834 bis 1864

Berlin > Geschichte Momox-Books.de - Einfach verkaufen.
Zu meinen frühesten Erinnerungen gehört eine »Reise« nach Potsdam, die zwar nur insofern mit der »guten alten« Zeit Berlins zusammenhängt, als sie dartut, wie man »anno dazumal« von Berlin nach Potsdam »reiste«; die aber ein so liebliches Bild aus den ersten Jugendjahren eines später von ganz Deutschland fast schwärmerisch verehrten Hohenzollern vergegenwärtigt, daß ich hoffe, meine werten Leser, besonders aber meine warmherzigen Leserinnen, werden damit einverstanden sein, daß ich mit diesem Bilde meine Gallerie eröffne.
   Diese Gallerie wird ja überhaupt Manches enthalten, was nicht Berlin selbst, sondern nur seine von den Berlinern besuchten Vororte betrifft, aber doch Berlins »gute alte« Zeit karakterisirt -- ja sogar auch Einiges, was weder Berlin noch seine Vororte betrifft und nur den Zweck hat, meinen Leserkreis zu amüsiren.
   Unzählige Male im Laufe vieler, vieler Jahre habe ich gewünscht, ein bedeutender Maler zu sein, nur um ein unvergeßliches Bild aus meinen Knabenjahren getreulich wiedergeben zu können. Da mir die ersehnte Fähigkeit versagt war, will ich an meinem späten Lebensabend versuchen, das reizende Bild mit der Feder zu zeichnen.
   Es war im Juli 1837. Der Prinz Wilhelm, (unser großer Kaiser), der allabendlich die Königlichen Theater besuchte, in den Zwischenakten auf die Bühne kam und mit seiner bezaubernden Leutseligkeit die Künstler und Künstlerinnen in oft recht eingehende Gespräche zog, hatte eines Abends meinen Vater gefragt, ob er in letzter Zeit mal in Babelsberg gewesen sei, und als mein Vater geantwortet, nur vor zwei Jahren, hatte der Prinz gesagt: »O, da müssen Sie mal wieder hinüber und Ihre Familie mitnehmen. Es gedeiht jetzt alles recht erfreulich. Aber ganz unglaublich ist es, welche Wassermassen erforderlich sind, um den Sandberg fruchtbar zu machen.« Auf meines Vaters Erwiderung, daß er mit Freuden schon an seinem nächsten freien abend von der gnädigen Erlaubnis Gebrauch machen werde und bitte, seinen Bruder, Hofschauspieler in Strelitz, und Görner, Direktor des dortigen Hoftheaters, und deren Familien, die für mehrere Tage seine Gäste waren, mitnehmen zu dürfen, hatte der Prinz beifällig genickt und gesagt: »Wann und mit Wem Sie wollen. Ich werde Order geben, daß Ihnen Alles ordentlich gezeigt wird.«
   Unsere Königlichen Theater wußten damals noch nichts von Sommer-Ferien. Diese wurden erst Ende der fünfziger, oder, genau weiß ich es nicht mehr, gar erst Anfangs der sechsziger Jahre eingeführt! Aber der General-Intendant Graf Redern bewilligte »gern« einen viertägigen Urlaub und so »reisten« wir denn, vierzehn Personen, an einem schönen Julitage per »Kremser«, die Eisenbahn wurde erst im nächsten Jahre eröffnet, in fünfstündiger Fahrt nach Potsdam und fuhren dann per Gondel nach Babelsberg.
   Der bis 1831 völlig kahle und sterile Sandberg, den der Prinz seit sechs Jahren mit enormen Kosten urbar machen ließ, zeigte schon viele gutgediehene Anpflanzungen, aber doch noch viel mehr Gelände, wo der gelblichweiße Sand den Grassaaten und Anpflanzungen noch sehr erfolgreich Widerstand leistete. Der Schloßbau war nicht halb so umfangreich als jetzt.
   Unser Weg führte uns etwa zwanzig Schritte durch einen dichten Busch, der uns völlig verdeckte, und als wir daraus ins Freie traten, trottete quer an uns vorüber, »weiß wie Schnee«, ein riesiger Hammel (Heidschnucke), dessen Schwanz ein etwa sechsjähriger, auffallend schöner Knabe erfaßt hatte, der, augenscheinlich Kutscher und Pferd spielend, in kindlicher Freude einen rosa blühenden, grünbelaubten Zweig schwang. Als er plötzlich die große Gesellschaft vor sich sah, erschrak er etwas. Ließ den Hammelschwanz fahren und stand in reizender Verwirrung vor uns - und das ist das Bild, welches mich noch oft in späteren Jahren wünschen ließ. Ein bedeutender Maler zu sein, um es in seiner ganzen Lieblichkeit wiedergeben zu können. Es war ja nur ein Augenblicksbild. Denn als mein Vater erfreut und ehrerbietig grüßte und wir alle seinem Beispiel folgten, da begann derMiniatur-Adonis zu lachen, schwenkte zum Gegengruß seine Militärmütze. Lief lachend seinem Hammel nach und verschwand im Gebüsch. -- Es war Kaiser Friedrich als sechsjähriger Knabe!

---

Wir blieben noch mehrere Tage in Potsdam, besuchten alle Königlichen und Prinzlichen Schlösser, machten entzückende Wasserpartien und wohnten völlig mietefrei in einem höchst angenehmen »Hotel,« -- nämlich im Logirhause des Königlichen Theaters.
   Zum Königlichen Theater, welches Friedrich Wilhelm II. Wie die Inschrift sagt: »Zum Vergnügen der Einwohner,« tatsächlich aber doch zu seinem eigenen Vergnügen erbauen ließ, fanden sowohl unter seiner als auch unter Friedrich Wilhelms des III. und IV. Regierung, wenn der Hof in Potsdam residirte, häufig Vorstellungen durch die Berliner Hofschauspieler statt. Zu diesen Vorstellungen wurde das gesamte Personal in Königlichen Equipagen von Berlin abgeholt und zurückbefördert. Da aber die Reise, obgleich in Zehlendorf Pferdewechsel stattfand, nahezu vier Stunden dauerte und die Vorstellungen erst nach 10 Uhr beendet waren, auch fast immer mehrere Abende nacheinander gespielt wurde, so konnte natürlich von einer Heimfahrt am selben Abend keine Rede sein, und darum war zugleich mit dem Theater auf dem selben Grundstück ein Logirhaus mit etwa sechszig Zimmern erbaut worden.
   Die Ausstattung der Zimmer war zwar sehr einfach, aber sehr gediegen. Die Betten enthielten ganz ausgezeichnete Roßhaarmatratzen, mollige Kopfkissen, Steppdecken u.s.w. Den Schatz der Bettwäsche hütete die Frau des Kastellans. Diese Musterhausfrau verpflegte uns während unseres mehrtägigen Aufenthaltes bei erstaunlich billigen Preisen auf das Allervortrefflichste, so daß die Teilnehmer noch nach vielen Jahren versicherten, Summa Summarum gehöre diese Reise nach Potsdam zu ihren angenehmsten Lebenserinnerungen.
   Unter Friedrich Wilhelm III. und einige Male auch unter Friedrich Wilhelm IV. fanden auch auf dem Theater im neuen Palais Vorstellungen statt, so am 28. Oktober 1841 die Uraufführung der »Antigone« mit der Mendelsohnschen Musik.
   Nach solchen Vorstellungen wurden die Darsteller mit opulenten Soupers traktirt, nach deren Schluß der König, sowohl Friedrich Wilhelm III. als auch IV., mit seinen hohen Gästen erschien, den Künstlern für den gebotenen Genuß dankte, fast mit jedem einige Worte wechselte und sie schließlich aufforderte, die noch überreich vorhandenen kostbaren Konfitüren in dazu bereitgehaltenen großen und sehr festen Tüten ihren Familien mitzunehmen.
   Unter Friedrich Wilhelm IV. wurden die Vorstellungen »Zum Vergnügen der Einwohner« so selten, daß die Bürgerschaft unablässig um Ueberlassung des Theaters an einen Privatdirektor petitionirte. Diese Bitten wurden endlich im Jahre 1847 bewilligt. Da aber der Direktor Huth sowohl 1847/48 als auch 48/49 die Gagen schuldig blieb, so daß auf Teilung gespielt werden mußte, so wurde diese Vergünstigung ihm wieder entzogen und erst nach mehr als zwanzig Jahren einem andern Direktor, Martorell, zuerteilt.
   Da Königliche Vorstellungen nicht mehr stattfanden und somit der Urzweck des Logirhauses nicht mehr vorhanden war, so wurde es zu Wohnungen für Unterbeamte des Hofstaats eingerichtet und stark belegt; doch konnten im Sommer 1848 auf Befehl des Königs meines Vater für seinen dreimonatigen Urlaub noch 6 Zimmer, Küche u. s. w. überlassen werden. Als ich aber für die Saison 1848-49 an diesem Königlichen Privat-Theater engagirt war, da waren die mir Allerhöchst bewilligten zwei Zimmer die letzten, die frei gemacht werden konnten.

Leserservice
Lieferbare Titel mit dem Stichwort Eisenbahn
© copyright 1997-2011 by EPILOGmedia • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de | Impressum | AGB + Widerrufsrecht