Andreas Winterer
Hilmar V, Landkreis NGC6543Die Kleinsten und Wehrlosesten von uns müssen sich bereits im zarten Vorschulalter
Action-Serien mit He-Man, Transformers, Power-Rangers und ähnlichen Stuß ansehen,
während unsere Eltern weiterhin achtlos an der von jedem Kinderherz so innig begehrten
kritischen Gesamtausgabe von Kant vorübergehen.
Mit 5, 7 oder 9 Jahren kriegen diese empfindsamen Seelen ihre ersten
'Super-Soaker', und dann ist es endgültig aus mit der Bauklötzchen-Unschuld. Und der
vertiefende Drill im Pausenhof ist erst zu Ende, wenn der Militärdienst mit seinen
Saufrunden ruft.
Kein Wunder, daß die bunten Linien in den Diagrammen der
Kriminalitätsstatistiker nach oben zeigen: Glaubt man diesen Statistiken, wird in der
gesamten Milchstraße inzwischen in jeder Nanosekunde ein Fahrrad geklaut. (Daß es so
viele Fahrräder gar nicht gibt, hat die Statistiker dabei nicht interessiert.)
Zum Glück haben die galaktischen Regierungen die Mißstände und
Fehlentwicklungen der Gesellschaft rechtzeitig erkannt und überlegt vorgebaut: Der Boom
in der Haftanstaltsherstellungsbranche ist bekanntlich Geschichte. Die Bau Bau AG ist
heute nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des GAX.
Allerdings mußten die Architekten der neuen Gesellschaftsordnung
schnell feststellen, daß die alten Konzepte überholt waren und dringend der
Überarbeitung bedurften.
Wo zum Beispiel wollen Sie ein grünes, zähflüssiges Schleimwesen (man
sieht diesen im Dunkeln leuchtenden Visagen die kriminelle Energie ja sofort an) aus den
Sumpfabgründen von Iomega III einsperren etwa hinter Gitterstäben? Das blubbert
da blitzschnell raus, sobald sich der Blockwart auch nur 'ne Cola holt.
Die intelligenten Einzeller von Ecoli V, deren größtes Problem die
zukünftige Schuldfrage im Moment der Zellteilung ist, setzen hier deswegen schon seit
Jahren auf Petrischalen von 23 Metern Durchmesser, genauso die zu Milch- und
Eierdiebstählen neigenden Hefekulturen von Urgelwurgel Zeta Fünf. Beide haben den
Begriff der Kollektivschuld wieder eingeführt.
Eine völlig neue Herausforderung für die Knast-Designer waren auch die
Vrl'Mrl'Tolg, Lichtwesen mit bezaubernd tänzelndem Gang, die auf der Erde gerne in
Sumpfgebieten Urlaub machen. Sie einfach in den Ereignishorizont einer tragbaren
Singularität einzusperren widersprach der Wesenrechtskonvention von Diegeldageldüül
anno 2883, andere Methoden erwiesen sich allerdings nicht als wirksam. Erst die
Möglichkeit, die Vrl'Mrl'Tolgs in Polaroidfotos einzusperren, brachte hier eine
befriedigende Lösung für alle Seiten.
Unter den Justizvollzugsanstalten der Galaxis genossen die der Menschen den
schlechtesten Ruf. Und unter den menschlichen Gefängnisplaneten war Hilmar einer der
gefürchtetsten.
Geständnis-Streckbänke (aus dem Nachlaß diverser Kirchen), Reue- und
Folterkammern (in US-Firmen früher 'Cubicles' genannt), elektrische Stühle und
Martersitze (aus der Business-Class von Air-France-Flugzeugen) sowie der Zwang, sich
ständig die Tagesthemen mit Ulrich Wickert anzusehen dieses ganze
menschenverachtende Zeugs gab's nur für die Touristen.
Die Wirklichkeit war viel grauenhafter.
Wollten zumindest die Gerüchte wissen.
»Ich glaube, wir müssen hier lang.«, raunte Natascha, die Porg.
»Ne, da lang.«, flüsterte Brot.
»Unsinn.«, zischte Cosmo. »Da vorne geht's in den Antigrav-Lift, das
weiß ich ganz sicher.«
»Warst Du schon mal hier?«
»Äh ... gib doch einfach mal her.«
Widerwillig rückte Brot die Karte heraus. Sorgsam nordete Cosmo sich
ein und studierte abwechselnd den Plan des Gefängnisses und die Umgebung.
»Ich sag's doch. Da vorne ist der Lift.«
Geduckt schlichen sie durch die Gänge, die vom schmutzigen Licht
einiger überlebender 3-Watt-Glühlampen nur unwillig ausgeleuchtet wurden.
Gelegentlich patrouillierte eine Patrouille an ihnen vorbei, aber stets
tat sie das im Gang neben ihnen.
»Ganz schöne Blindgänger.«, freute sich Natascha.
»Das ist immer so bei Befreiungsaktionen.« Cosmo ging von der Last der
Führungsverantwortung schon ganz krumm. »Hat nichts zu Bedeuten. Beim Reinkommen sieht
einen keiner, den Ärger gibt's immer nur beim Rausgehen.«
Dann waren sie beim gähnenden Abgrund des Lifts.
Anti-Schwerkraft-Aufzüge bestehen aus einer leeren Röhre, in die sich
die Bedienungselemente erst bei Bedarf holographisch einblenden. Als Brot, Cosmo und
Natascha in den leeren Schacht traten, erschienen dann auch etwa 3.000 Knöpfe.
»Na prima.«, motzte Brot. »Wie war das doch gleich mit dem
'Kinderspiel, den finden wir schon'?«
Brot ignorierend legte Cosmo vorsichtig eine Hand auf Nataschas
metallenes Äußeres.
»Du bist doch, äh, derzeit halb Maschine ... kannst Du das nicht
irgendwie R2D2-mäßig anzapfen?«
Sie lauschte kurz einer inneren Stimme, dann streckte sie die Hand aus
und ließ sie in den Computeranschluß fließen, der praktischerweise über den Knöpfen
angebracht war.
»Erstaunlich.«, murmelte sie, »Hard- und Softwarekompatibel. Was für
ein praktischer Zufall.«
»Und, wo ist er?«
»Betriebssystem Version 2998.8.0, Build 6502-Z80, Service Pack 68000C,
Milkasoft Corporation.«
»Jaja, aber wo ist er?«
»Dauert ein bißchen. Hat 'ne virtuelle Benutzeroberfläche. Ich muß
mich doch erst mal zurechtfinden. Himmel, was für Features! Integriertes G.I.T.T.! Highly
Advanced M.P.E.L.! Kooperatives A.C.K. 2.0! Wofür man das wohl alles braucht?«
»Natascha!«
»Was ist denn? Ach da: 3.000ster Stock. 999ste Zelle. Mit ihm ist das
Gefängnis voll.«
Cosmo drückte den Knopf mit der Zahl 3.000. Der Lift setzte sich in
Bewegung. Nataschas seltsame neue Finger trommelten auf das Metall der Schalttafel.
»Ach, ähm, Natascha?«
»Ja, Cosmo?«
»Könntest Du Dir vielleicht ... was anziehen?«
»Ich bin eine Maschine, schon vergessen? Und die sind nun mal nackt.«
»Ja, aber Dein Äußeres ...«, stimmte Brot ein. »Ehrlich gesagt, das
könnte den einen oder anderen von uns im falschen Augenblick nervös machen ...«
»Sexisten!«, fauchte Natascha. »Ihr Männer: Kaum hält man euch 'ne
grobe Pixelgrafik von irgendwas hin, was entfernt an ein nackiges Weib erinnert, schon
könnt ihr nicht mehr auf dem Bauch liegen.«
»Ja, wir sind schlecht.«, beschwichtigte Cosmo sie. »Und schuldig.
Könntest Du trotzdem ... ?«
»Na schön.«
Aus dem Metall ihrer Füße wuchsen zwei metallische Schaftstiefel (eng,
geschnürt, 23-Zentimeter-Absatz), die bis kurz unter ihre Pobacken reichten.
Cosmo wartete, was als nächstes kommen würde.
Und wartete.
Und wartete.
»Ist das alles???«
Natascha musterte sich im Spiegel des Aufzugs (wurde ebenfalls
holographisch eingeblendet) und drehte sich dabei hin und her.
»Ich find's aufregend.«
»Eben drum.«, verzweifelte Cosmo.
»Still jetzt.«, zischte Brot.
Der Lift hielt. Sie preßten sich an die Wände. Die holographischen
Türen öffneten sich.
»Kein Aas zu sehen.«
»Dann los.«
Sie liefen etwa 30 Minuten lang bis zum Ende des Ganges. Im Dauerlauf. Dann standen sie
vor Zelle 999.
»Mann, das war ja eine Todesmeile.«
»Ein bißchen Bewegung schadet Dir gar nichts.«, hämte Natascha und
pikste seinen Bauch.
Cosmo wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah zu Brot. Der
atmete kaum und schwitzte nicht die Spur.
»Ich bin eben immer noch in Form.«, lächelte der alte Mann. »Und
Nichtraucher.«
»Hat jemand eine Scheckkarte dabei?«, fragte Cosmo. »Oder eine
Haarnadel?«
Brot zückte ein kleines Reise-Necessaire.
»Eine Sicherheitsnadel kann ich bieten. Speziell für
Sicherheitsschlösser.«
Cosmo fummelte das Ding ins Schloß. Brach die Spitze ab und rammte sich
den Stumpf in den Finger.
»Mist. Kennt sich einer von Euch mit sowas aus?«
Sie schüttelten die Köpfe.
»Okay, zur Seite.«
Cosmo zog seinen Blaster und zielte auf die Tür. Mit dem Geräusch
einer in der Mikrowelle platzenden Melone entlud sich der sonnenheiße Plasmastrahl seiner
Kernfusionspistole in das Metall des Schlosses.
Brot drängte sich vor (wahrscheinlich wollte er auch mal was
Nützliches tun), warf sich mit erstaunlicher Kraft gegen die Tür und sprengte sie auf.
Das Zelleninnere war schäbig. Die Tapeten rollten sich feucht von den Wänden, etwas
Stroh lag herum, auf dem Stroh wiederum verwesten gerade einige verhungerte Ratten. Sie
hatten sich offenbar nicht getraut, von der übel aussehenden Teigware auf dem leeren
Wasserkrug zu naschen. Möglicherweise hatten sie jedoch tatsächlich daran geknabbert und
lagen genau deswegen tot herum.
Es tropfte von der Decke. Obszöne Schmierereien bedeckten die Wände
dort, wo die Tapete nicht schimmelte. Auf einer harten Pritsche lag der Karbonitblock, in
den Mark eingefroren worden war.
»Mark!«, rief Cosmo.
»Er wird wohl gerade nicht zuhören.«, gluckste Natascha schnippisch
und betrachtete interessiert Marks Unterwäsche.
Brot ging in die Knie und tippte auf dem kleinen Display herum, das in
einer Ecke des Karbonitblocks eingelassen war.
»Verdammt, ein Zahlenschloß.« Er tippte blindwütig Kombinationen
ein.
Cosmos Funkgerät piepte. Es war Cash, der an Bord der Mare Crisium
geblieben war.
»CHHR ... DER FEIND ... HAT TAUSEND AUGEN ... CHHR«
»Was?«, schrie Cosmo ins Funkgerät, »Was meinst Du, Cash?«
»CHHR ... DAS HEIL ... LIEGT IN DER FLUCHT ... CHHR«
»Drück Dich bitte etwas klarer aus.« Verzweifelt drehte Cosmo am
Lautstärkeregler.
Natascha schob Brot beiseite.
»Laß mich mal.«
Cosmo hielt Brot das Funkgerät hin.
»Weißt Du, was er will?«
»CHHR ... EILE MIT ... WEILE ... CHHR«
Plötzlich schrillten die Alarmglocken los.
»Ich glaube«, übersetzte Brot, »er will uns sagen, daß man uns
entdeckt hat. Und wir uns so schnell als möglich dünne machen sollten.«
»Ich hab's.«, frohlockte Natascha.
Der Karbonitblock begann zu summen und löste sich mit ein paar Sekunden
einfach zu realisierender Special Effects a la Ray Harryhausen auf. Mark fiel auf die
Pritsche.
»Wasissnlos?«
Das Geräusch von Militärstiefeln erklang.
Cosmo rüttelte Mark. »Wir retten Dich gerade.«
»Jetz'? Ich hab' noch nich' ma' gefrühstückt!«
»Quatsch nicht, Alter. Wir müssen hier weg. Komm schon. Auf, Soldat!«
Das Geräusch von Militärstiefeln wurde lauter. In Stereo.
Behutsam schob Brot seine Nasenspitze in den Flur. Dann drehte er sich
um und glotzte so verwundert drein wie ein Goldfisch, der plötzlich einen blubbernden
Singvogel zu Gast hat.
»Keine Sau zu sehen.«, staunte er.
Das Geräusch der Militärstiefel wurde noch lauter. Mit Dildo Sourround
Sound.
»Und woher kommen die Geräusche nahender Stiefel und das Klicken
entsichert werdender Waffen?«
Natascha sah sich um, lauschte nach Innen, fuhr ein paar quecksilberne
Sensoren aus. Dann zeigte sie auf die Lautsprecher, die von der Decke hingen.
»Von da. Ein simpler Trick!«
Cosmo schlug sich mit der Hand an die Stirn. »Und wir sind drauf
reingefallen.«
»Die müssen hier akuten Personalmangel haben. Naja, wer will schon in
so einer Jauchegrube arbeiten ...«
Sie schloß sich an das Terminal an, das praktischerweise neben der Tür
angebracht war.
»Ich prüfe mal, wie wir hier am schnellsten wieder rauskommen.«
Dann stutzte sie.
»Das Ding ist 'ne Attrappe!«
»Was?«
»Guck doch selbst.«
Cosmo hatte es schon geahnt. Allerdings erst seit zwei Sekunden. Jetzt
zog er seinen Blaster und feuerte auf die Decke, dorthin, wo er den Holographie-Projektor
vermutete.
Das Gerät implodierte in einer Rauchwolke. Sofort verschwand das
Verlies, besser gesagt: Die toten Ratten samt Stroh, die dreckigen Wände mit den
eingelassenen Ketten und das scharfe Pendel, das bisher keiner bemerkt hatte.
Zurück blieb eine freundliche Klause mit hygienischen Zellstofftapeten,
gewienertem Parkettboden, Westseite oder Maisonette. Die Pritsche hatte sich in ein
Plüschsofa mit blumigem Bezug verwandelt.
»Standard-Holo-Kerker für Humane Inhaftierung«, kommentierte Cosmo.
»Ich hätte es wissen müssen. Ich saß damals mit im philosophischen Ausschuß ...«
»Hmmbrl.«, bestätigte Mark und schlief wieder ein.
»Kein Grund, nicht ganz schnell abzuhauen!«
Cosmo versuchte, Mark hochzuzerren, doch der muskulöse Hüne war
einfach zu schwer. Außerdem ließ er sich hängen wie ein schlaffer Sack voller nasser
Waschlappen.
»Die haben ihn besoffen eingefroren!«
»Laß mich mal!«
Behende packte Natascha Mark an T-Shirt-Kragen und Boxer-Short-Bündchen
und legte ihn sich über ihre Schultern. Cosmo staunte und zog, wie Brot, nun ebenfalls
seinen zweiten Blaster.
»Los geht's.«
Sie kamen bis zum Saal mit den Antigravitationslifts.
Aber nicht hinein.
Eine Hundertschaft bewaffneter Kampfroboter tummelte sich in der Halle
vor dem Lift, bei dem sich zwei, drei menschliche Chefs verschanzt hatten. Möglicherweise
war das die ganze Streitmacht, mit der sie zu rechnen hatten. Ganz sicher aber waren es
...
»Zu viele.«, knurrte Brot und fingerte mit lauten Schluckgeräuschen
in seinem Kragen herum.
Cosmo hob kurz seinen Kopf, um die Lage zu sondieren.
Sie befanden sich auf einer Brüstung in etwa 23 Meter Höhe und hatten
(theoretisch) vollen Ausblick auf das Vestibül unter ihnen. Viel mehr kriegte er nicht
mit, denn er mußte sich ducken, da ihm wenige Sekunden später etwa 100 Energiestrahlen
entgegenbrannten.
»Schweine.«, knurrte Brot, der sich mit dem Rücken gegen die
Brüstung lehnte. »Die haben ihre Phaser nicht mal auf Betäubung gestellt.«
»Schlimmer noch.«, unkte Cosmo, »Ich habe gesehen, daß die da unten
einen Mega-Blaster aufstellen. Wenn das Ding erst mal steht, dann können wir uns einen
Reiseführer für den Hades anschaffen.«
»Na dann.«, schlug Natascha vor, »Nehmen wir ihnen ihr Spielzeug doch
gleich wieder weg.«
Sie wollte schon aufspringen und sich über die Balustrade schwingen,
als Cosmo sie festhielt.
»Hiergeblieben! Wir können es uns nicht leisten, Dich jetzt zu
verlieren. Einer muß Mark ins Raumschiff tragen. Und das kannst nur Du.«
»Na toll. Kindermädchen für einen Doppelzentner läufiger
Trinkerleber. Und wer schaltet dann den Mega-Blaster ab?«
»Ähm ...«, meldete sich Brot.
Cosmo wippte mit den Augenbrauen, setzte sein bestes
Groucho-Marx-Lächeln auf und deute mit dem Daumen auf sich selbst.
»Ich gehe.«
»Cosmo, ist bei Dir plötzlich der Heldenmut-Virus ausgebrochen? Du
bist in letzter Zeit so energisch. So kraftvoll. So mutig. So lebensmüde.«
»Muß an dem Heiligen Wasser des Lebens liegen.«, bemerkte Brot.
»Schon vor Jahren haben einige darauf hingewiesen, daß das Zeug schlecht ist für Moral,
Bescheidenheit und andere Tugenden.«
»Kannst Du Dir den Vortrag bitte für den Abspann sparen?«
»Ich meinte ja nur. Außerdem könnte im übrigen, ähm, ja auch ich
gehen.«
»Du? Willst Du sie mit Deinen Latschen bewerfen?«
»Still jetzt, da ruft uns jemand.«
Die Stimme eines Menschen ertönte von unten und wurde durch ein
Megaphon verstärkt.
»He, Ihr da oben!«
Cosmo sah sich fragend um.
»Meint der uns?«
Natascha und Brot nickten. Mark nickte ein.
»Okay, äh.«, sagte Cosmo, und schrie dann: »Ja?«
»Hoffentlich habt Ihr eure Organspenderausweise dabei. Wir informieren
Euch nämlich hiermit kurz und mit der gebotenen Fairneß darüber, daß Ihr
nicht die geringste Chance habt, hier wieder in einem Stück rauszukommen.«
Brot zuckte mit den Schultern. Natascha auch. Mark zuckte mit den
geschlossenen Augäpfeln.
Cosmo schrie zurück.
»Äh ... ja, und?«
»Ja, und Ihr könntet deswegen doch auch einfach gleich aufgeben, nicht
wahr? Ich meine, damit sparen wir uns diese ganze blöde Schießerei. Macht nur die
Ozonschicht kaputt, und Verwundete gäbe es dabei ja möglicherweise auch.«
Cosmo wandte sich seinen Kameraden zu.
»Klingt vernünftig.«, behauptete er wider besseres Wissen. (Wie alle
Chefs neigte er dazu, seinen Mitarbeitern die Wahrheit vorzuenthalten.) »Vielleicht kann
man ja wirklich mit ihnen reden?«
Natascha hob eine metallene Augenbraue.
»Du wirst doch nicht etwa auf dieses scheinheilige Getue reinfallen?
Immerhin ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Typen da unten hinterher mehr Verwundete
haben als wir, sehr groß.«
»Stimmt.«, bestätigte Brot. »Die sind nämlich in der zwanzigfachen
Überzahl.«
»Ich geh ja nur zum Schein drauf ein, ja?«
»Wenn Du meinst ...«
»Okay.«, schrie Cosmo über das Geländer. »Aber he: Was springt
dabei eigentlich für uns heraus?«
Was folgte, war Stille.
»Ich nehme an«, murmelte Brot, »das bedeutet 'Nichts'.«
Wieder spähte Cosmo über die Brüstung. Wieder sirrten kurz danach
einige Energiestrahlen über seinen Kopf hinweg.
»Die haben das Geschütz gleich fertig.«, berichtete er
wahrheitsgemäß. (Wie alle Chefs neigte er dazu, seinen Mitarbeitern die Wahrheit erst zu
sagen, wenn es zu spät war.) »Die haben uns nur reingelegt mit ihrer Hinhaltetaktik!«
»Mich nicht.«, sagte Natascha.
»Mich auch nicht.«, log Brot. »Dich haben Sie reingelegt.«
»Ach, und noch was.«, schallte es zu ihnen hoch. »Sind Sie nicht
dieser Pollite?«
Cosmo rückte wieder an die Brüstung.
»Jaha. Und?«
»Der mit dem Zen und die Kunst, ein Raumschiff zu lackieren,
nicht wahr?«
»Nein.«, schrie Cosmo zurück. »Das ist der andere. Von mir ist Die
Diskrepanz des Diskreten beim Dis-Moll.«
»Ach so. Naja. Pech für Sie, Pollite.«
»Warum denn?«
»Ich habe eine Ausgabe von dem Zendings-Buch dabei. Hätten Sie mir
signieren können. Ehe Sie sterben. So wird das natürlich nichts.«
»Hättest Du nicht lügen können, Cosmo?«, fluchte Natascha.
»Okay, äh ...«, rief Cosmo. »Also! Ein Vorschlag! Ich signiere es
Ihnen trotzdem!« Er holte Luft. »Hab' da 'nen Deal mit dem anderen Pollite. Der wird
auch immer auf meine Bücher angesprochen.«
Er verdammte sich für diese Lüge: Die Bücher des anderen Pollite
waren üble Machwerke, billiger, auf Auflage getrimmter Schund.
»Aha.«, kam es von unten.
»Ja. Wir signieren deswegen unsere Werke gegenseitig.«
»Aha.«, kam es von unten.
»Das ist dann, ähm, ... besonders toll. Ein Unikat! Sozusagen. Wäre
das nichts für Sie?«
Es entstand eine Pause. Sie hörten die Geräusche eines Hammers. Dann
wieder Stille. Schließlich ertönte ein 'Bi-Beep', auch bekannt als der
Signalton, mit
dem ein Mega-Blaster seine Betriebsbereitschaft meldet.
»Nein.«, kam die Antwort von unten. »Okay, Euer letztes
Chrono-Einheitlein hat gleich geschlagen. Aber wir geben Euch vorher noch ein paar
Sekunden Zeit, damit Ihr Euer gesamtes Leben vor Euren inneren Augen vorbeiziehen lassen
könnt, weil, wißt Ihr, wir sind ja keine Unmenschen, hier auf Hilmar, nicht wahr. Aber
macht schnell: Danach geht's Euch nämlich an den Kragen.«
Cosmo tauschte einen Blick mit den anderen und prüfte das Magazin
seines Schießeisens. Voll. Mit dem Handballen rammte er es in die Waffe und ließ den
Sicherungshebel auf 'Dauerfeuer' flitschen.
»Also, ich geh da jetzt runter. Inzwischen rennt Ihr ...«
»Nein.«, widersprach Brot. »Ich mache das. Wozu bin ich schließlich
mitgekommen?«
Sprach's, rupfte sich die Blaster aus dem Gürtel und sauste in Richtung
Treppe davon.
»Mist.«, fluchte Cosmo, riß auch seinen zweiten Blaster aus dem
Halfter und stürzte ihm nach.
»Männer!«, fluchte Natascha und ohrfeigte Mark.
Am unteren Ende der Treppe wartete ein Dutzend Kampfroboter, die sofort das Feuer
eröffneten. Brot rollte ihnen wie ein menschlicher Gummireifen entgegen und übergoß die
mittleren beiden mit einem Feuerstrahl. Sie explodierten und fegten die äußeren zehn zur
Seite.
Mit einer erstaunlichen Biegsamkeit entrollte sich Brot am Fuß der
Treppe, duckte sich hinter dem Geländer und feuerte scheinbar blind in die Menge. Cosmo
folgte japsend.
»Da vorne.«
Brot deutete auf einen Menschen, der auf der Steuerkonsole des
Mega-Blasters saß und gerade den Schutzschild einschalten wollte. Cosmo riß den Strahler
hoch, schaltete mit dem Daumen auf Betäubung und feuerte. Der Mann brach zusammen.
»Wasisndas für'n Höllenlärm hier.«
Cosmo zuckte herum: Es war Mark. Er sah verkatert aus, war aber immerhin
wach. Und barfuß. Mit Unterwäsche. Er hatte sich wirklich im falschen Augenblick
einfrieren lassen.
»Brot, das ist Mark.«
Eine Handgranate kullerte in ihre Zuflucht.
»Angenehm.« Brot hielt dem ziemlich blassen Mark die Hand hin.
Mark packte die Handgranate und warf sie zurück in die Halle. Dann
schüttelte er Brots Hand.
»Hi, Brot. Scharfe Kutte habense da an, wer issn der Schneider?« Er
lallte noch immer leicht. »Äh ... habd Ihr sufällig 'ne Knarre für mich?«
»Wozu denn?«, knurrte Brot. »In Ihrem Zustand treffen Sie doch ein
Raumschiff nicht mal dann, wenn Sie mittendrin stehen.«
Eine ungeheure Explosion erschütterte die Halle. Verschiedene Bauteile
von Kampfrobotern regneten auf sie herab, zusammen mit etlichen 1,5-Volt-Babyzellen, auch
Mignon und einige 9-Volt-Blocks.
Wortlos klaubte Cosmo das Paket aus einer Jackentasche, das er auf
Lastervegas für Mark erstanden hatte, und hielt es ihm hin.
Neben Cosmo feuerte Brot wieder, und ging dann in Deckung, als ein
wahrer Energieregen gegen ihre Zuflucht peitschte.
Mark starrte auf das bunte Geschenkpapier. »Haste jetzt eigentlich nix
Besseres zu tun?«
»War ja nicht geplant, es Dir hier zu geben.«
Brot hechtete kurz aus seiner Deckung, streckte mit einem gezielten
Schuß sieben Kampfroboter nieder und rollte wieder in den Schutz des Treppengeländers
zurück. Dann prasselte ein Kugelhagel gegen die Wand hinter ihnen.
»Was ist denn drin?«, fragte Mark.
»Pack's halt aus.« Cosmo duckte sich, als einige Querschläger an
seinen Ohren vorbeipfiffen.
Mark riß das Papier herunter und hielt kurz danach eine neue
98er-Smith-und-Wesson in den Händen. Um die Ultraschall-Zielnacherfassung aufzutreiben,
hatte Cosmo den halben Planeten abgelatscht und war erst in Schlag's Waffenantiquariat
am Südpol von Lastervegas fündig geworden.
»Hey! Danke!«
»Aber nur auf Roboter schießen. Ich will hier keine menschlichen
Leichen sehen! Auch keine Verwundeten! Ach, und verrate mir bitte auch noch, wo Natascha
geblieben ist.«
Mark zeigte auf die Decke, wo ein kaum sichtbarer, silbriger Streifen
scheinbar flüssigen Porg-Metalls in Richtung der Antigrav-Lifts floß. Nur an einer
Stelle hob er sich von der Umgebung ab, wahrscheinlich befand sich in der Ausbuchtung
Nataschas Gehirn.
»Sie haben die Lifte deaktiviert. Natascha wird sie wieder anschalten,
und hopp springen wir rein.«
»Ist ja ein toller Plan. Und wie kommen wir bis zu den Lifts? Das sind
mindestens 42 Meter!«
Brot streckte seinen Strahler um die Ecke und bestrich die Halle blind
mit zuckenden Energiestrahlen. Er hörte, wie einige ungedeckte Kampfroboter explodierten.
Dann zog er die Hand wieder ein.
Die Antwort folgte auf den Fuß: Ein Energiesturm brandete blitzend und
donnernd gegen das Geländer, und gegen die Brüstung über ihnen. Die Brüstung ging in
Flammen auf, Teile des Geländers fingen an zu schmelzen. Vor allem diejenigen, die ihnen
derzeit noch Schutz boten.
»Hast Du 'ne Alternative, Schlauberger?«
Brot wandte sich ihnen zu. »Okay, Natascha ist jetzt bei dem Lift. Ihr
rennt vor, ich gebe Euch Feuerschutz.«
»Auf Drei. Eins zwei ...«
»Auf Drei: Heißt das bei drei oder nach drei?«
Glühendes Metall tropfte kochend von der Brüstung.
»VIER!«
Mark und Cosmo preschten schießend aus ihrer Deckung, mit einem Tempo,
als hinge ihr Leben davon ab, was ja auch stimmte.
Brot rollte um die Ecke und feuerte. Die menschlichen Chefs ihrer Gegner
warfen sich in Deckung. Die Kampfroboter ließen sich weniger beeindrucken, abgesehen von
ein, zwei intelligenteren Modellen, die sich heimlich verkrümelten.
Detonationen füllten die Halle. Ein Laserstrahl trennte Marks
Pferdeschwanz ab und versengte ihm den Nacken. Cosmo verlor seinen Schuh. Es knallte und
zischte, Salven zuckten hin und her, Kronleuchter rissen sich los und zerschellten am
Boden, Fernseher explodierten, Autos gingen in Flammen auf ...
Wem nützt eigentlich eine derartige Aneinanderreihung von Explosionen, Feuerbällen
und Atompilzen? Wer will all die Stuntmen sehen, die im Kugelhagel sterben
vorzugsweise in Zeitlupe?
Gehen Ihnen diese endlosen Autojagden mit ihren quietschenden Reifen,
vom-Bürgersteig-fliehenden-Fußgängern und über-den-Haufen-gefahrenen Obst- und
Gemüseständen nicht auch schrecklich auf den Geist?
Sind Sie wirklich mit Herz und Seele bei der Sache, wenn Mark und Cosmo
durch einen wahren Gewitterschauer von bunten Energiestrahlen zum Aufzug stürmen? Und die
(unter den gegebenen Umständen) schier unüberwindbare Distanz von 42 Metern überwinden?
Wo doch ohnehin glasklar ist, daß sie's schaffen werden?
Mit letzter Kraft.
Oder?
Sie hatten es noch nicht geschafft!
Noch 23 Meter.
Nicht zu schaffen!
Feuersalven streiften sie von links und von rechts. Das Knattern der
automatischen Gewehre war kaum zu hören, so laut waren die Detonationen.
Vor Cosmo tauchte plötzlich ein Kampfroboter auf, der eine fette Knarre
schwenkte, eine Lazlo-&-Woodbine, 320 Millimeter.
»Har, har, an mir kommst Du nicht vorbei. Protein-Tentakel hoch!«
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Mit freundlicher Genehmigung des Verlages